Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Attentäter für einen Tag

Am 19. Dezember 2016 wurde Naveed Baloch in Berlin verhaftet, weil er für den Attentäter vom Breitscheidplatz gehalten wurde. Sein Foto ging um die Welt – und dann liessen ihn sämtliche Behörden im Stich. Die Geschichte eines Geflüchteten, den man offenbar vergessen hat.

Von Lea Wagner (Text) und Tobias Kruse, Ostkreuz (Fotos)

Erst des Massenmords verdächtigt, dann plötzlich allen egal: Naveed Baloch.

Ein Ehepaar sitzt im Wohnzimmer und sieht fern. Es ist der 19. Dezember 2016, in Berlin ist es 21 Uhr, beim Ehepaar – Tausende von Kilometern entfernt – schon nach Mitternacht. Der Mann und die Frau sind müde, ihr Tag war lang. Damit es für sie und ihre neun Kinder zum Überleben reicht, müssen sie viel arbeiten. Ihnen gehört ein wenig Land mit Tomatenpflanzen darauf. Und sie besitzen ein paar Dutzend Ziegen, Schafe und Kühe. Der Mann und die Frau können weder lesen noch schreiben. Auch ihre Kinder nicht.

Ein Gesicht flackert über den Bildschirm: ein schwarzhaariger junger Mann mit Segelohren, etwas schiefem Gesicht, dunklen Augen, buschigen Augenbrauen und markanter Unterlippe. Der Nachrichtensprecher sagt: «Belutschischer Terrorist in Berlin festgenommen.» Die Frau murmelt: «Lieber Gott, mach, dass das nicht wahr ist.»

Es ist das Gesicht ihres Sohnes. Naveed Baloch, zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Baloch ist nicht sein echter Nachname, in seiner Heimat hat man nur einen Vornamen, dem man den Namen des Vaters hinzufügt. In Europa wählen viele das «Baloch», um sich als verfolgte Minderheit kenntlich zu machen.

Seit gut zwei Jahren hat seine Familie Naveed nicht gesehen. Seine Flucht war nicht geplant gewesen. Überstürzt, ohne Gepäck, brach er eines Morgens auf, nachdem der pakistanische Geheimdienst sein Elternhaus durchsucht hatte. Naveed Baloch war vorsichtig genug, dort nicht mehr zu wohnen, seitdem kurz zuvor zwei seiner Verwandten, ein Onkel und ein Cousin, ermordet worden waren, wahrscheinlich vom Geheimdienst. Ihr Vergehen: in einer Partei gewesen zu sein, die für die Unabhängigkeit von Belutschistan kämpft, friedlich, laut Menschenrechtsorganisationen. Baloch ist in derselben Partei, dem Baloch National Movement.

Das erzählt er in einem Berliner Café, an einem Tag im August dieses Jahres. Er ist mit einem Dolmetscher gekommen, anders könnten wir uns nicht verständigen. Eigentlich ist Baloch untergetaucht – auch noch acht Monate nachdem eine Verwechslung sein Leben veränderte. Dreimal hat er in diesen acht Monaten die Handynummer gewechselt, so sehr fürchtet er den pakistanischen Geheimdienst. Eigentlich dürfte er seine Unterkunft in Berlin nicht verlassen, ohne Papiere. Jene, die er hatte, sind vor rund zwei Monaten abgelaufen. Warum sie nicht verlängert werden, weiss niemand. Baloch scheint vergessen worden zu sein. Es ist Sommer. Urlaubszeit. Ein Bekannter hat ihm eine Anwältin vermittelt, aber die ist verreist. Ohne sie traut er sich nicht zur Ausländerbehörde. Er fürchtet, man könnte ihn abschieben. Vielleicht nicht nach Pakistan, aber zumindest nach Bayern, über das er eingereist ist. Nach Bayern will er nicht zurück, er kennt dort niemanden. Sommer heisst für Baloch auch: Schlaflosigkeit, Angst, Kopfschmerzen. Das Antidepressivum ist ihm ausgegangen. Für Nachschub bräuchte er einen Arzttermin. Die Sozialarbeiterin, die den für ihn arrangieren könnte, ist auch in den Ferien.

Breitscheidplatz, Berlin: «Warum war Naveed Baloch bei seinem Alibi so vage?», wunderte sich der Polizeipressesprecher.

Baloch trinkt Chai, schwarzen Tee mit Gewürzen und Zucker. Den Regen vor dem Fenster mag er. Weil es da, wo er herkomme, nur an zwei Tagen im Jahr regne, erklärt er. Baloch spricht Belutschisch, eine mit dem Persischen verwandte Sprache, gesprochen in Belutschistan, einem Land, das kein Staat ist. Es erstreckt sich über Teile von Pakistan, Afghanistan und des Iran. 22 Millionen BelutschInnen gibt es laut der Gesellschaft für bedrohte Völker weltweit. Seit sich die Kolonialmacht Britannien 1947 aus dem heutigen Pakistan zurückzog, kämpfen BelutschInnen für die Unabhängigkeit.

Balochs Leben als Hirte war einfach, aber das störte ihn nicht. Er erzählt von Picknicks mit seinen Freunden in den Bergen, wo sie ein Lamm schlachteten, es über dem Feuer rösteten, Bier tranken und Musik hörten. Das erzählt er im Café. Es ist so weit weg. Anders als dieser Tag vor einem Jahr. Der ist noch so nah.


Es ist ein Montag und bereits dunkel. Bis Heiligabend sind es noch fünf Tage, die Berliner Innenstadt ist voller Menschen, die Geschenke kaufen oder auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken. Baloch hat den ganzen Tag Schlange gestanden am Landesamt für Flüchtlinge. Er wollte wie jeden Monat sein Geld abholen. 160 Euro. Kost und Logis muss er davon nicht bezahlen, alles andere schon. Als er das Geld hat, will er noch Freunde treffen. Auch sie sind geflohene Belutschen, 400 sind schätzungsweise in Deutschland, 20 davon in Berlin. Sie wohnen aber in anderen Unterkünften als Baloch, der in einem Stockbett im stillgelegten Flughafen Tempelhof schläft. Oft treffen sie sich, auch im Winter, am Alexanderplatz, wo sie am Springbrunnen sitzen. Reden, rauchen, trinken. In den Heimen ist Alkohol verboten.

Am 19. Dezember 2016 verabreden sie sich für den Tiergarten, weil am Alex zu viel los ist. Zu viele Polizeikontrollen. Muss nicht sein, auch wenn man nichts Verbotenes tut. Im Tiergarten ist um diese Uhrzeit, kurz vor acht am Abend, nicht viel los. Es gibt nur ein paar JoggerInnen, Stricher, Freier und Hunde. Baloch bibbert vor Hunger, Kälte und Müdigkeit. Es sind drei Grad über null, ein schwacher Wind bläst aus Südost. Er will keinen Wodka, nur nach Hause, heiss duschen, essen und ins Bett.

Als er den Wodka ablehnt, protestieren seine Freunde. Na gut, dann ein paar Schluck Bier. Seine Freunde, fünf, sechs Männer zwischen zwanzig und dreissig, sind angeheitert. Sie trinken seit Stunden. Baloch hat mit Alkohol kein Problem, auch wenn er Muslim ist. In den zehn Monaten, die er damals schon in Deutschland lebt, war er erst einmal in einer Moschee. Er glaubt, es war eine türkische. Beten tut er lieber für sich, einmal am Tag. Er respektiere alle Religionen, sagt er.

Irgendwann lässt sich Naveed Baloch an diesem Abend vor einem Jahr nicht mehr aufhalten, zu gross ist der Hunger. Er läuft durch den Tiergarten, an der Siegessäule vorbei, geradeaus in Richtung U-Bahn-Station Hansaplatz. Vom Eingang trennt ihn eine dicht befahrene Strasse. Baloch überquert die Fahrbahn. Ein Wagen rast auf ihn zu. Baloch rennt, um nicht überfahren zu werden. Auf dem Mittelstreifen verschnauft er. Ein Auto hält direkt vor ihm. Stopp, Polizei!

Baloch versteht nicht, was der Polizist sagt. Er zieht seine Papiere aus der Hosentasche, es ist nicht das erste Mal, dass er kontrolliert wird.

Der Polizist notiert Balochs Personalien und spricht etwas in sein Funkgerät, dann lässt er ihn laufen. Baloch überquert die Strasse. Nach wenigen Sekunden ruft der Polizist erneut nach ihm: «Hey you, come back!» Mit der Polizei scherzt man nicht. In Balochs Heimat foltert und mordet sie im Auftrag von Geheimdienst und Regierung. Baloch wird auf den Rücksitz des Polizeiautos gedrückt. Mit Blaulicht rast es durch Berlin. Auf den Strassen ist viel los, überall Blaulicht, Krankenwagen, Sirenen. Immer wieder kommen Durchsagen. Die Polizisten wirken angespannt. Es muss etwas passiert sein, denkt Baloch. Hätte er die Strasse nicht überqueren dürfen?

Auf der Wache nimmt man Baloch Blut und Fingerabdrücke ab, sein Urin wird kontrolliert. Baloch wird vermessen und fotografiert – nachdem er sich ganz ausziehen musste. Es ist ihm peinlich. Er versucht, mit der Hand sein Gesicht zu verdecken. Ein Ermittler biegt seinen Arm nach unten und schlägt Baloch in den Nacken. Das sagt er wenige Tage später der Londoner Tageszeitung «The Guardian». Die Polizei Berlin sieht sich gezwungen zu reagieren. Ihr Pressesprecher Winfried Wenzel sagt: «Ein fester, robuster Griff, wie er in dieser Situation angezeigt ist, kann als sehr unangenehm empfunden werden. Aber geschlagen worden ist Herr Baloch nicht.» Ausserdem, sagt Baloch, bohrten zwei Polizisten ihre Absätze in seine Fussrücken, während sie ihm die Beine spreizten. Wenzel sagt: «Das ist eine gängige Praxis der Fixierung im Rahmen der Durchsuchung eines Festgenommenen. Das kann schon mal wehtun, ist aber zu seinem und vor allem zum Schutz der Einsatzkräfte erforderlich.»

In den Wochen nach Naveed Balochs Festnahme tauchen noch einige Diskrepanzen auf zwischen dem, was er laut eigener Aussage erlebt hat, und dem, was die Polizei schildert. Der Sprecher der Polizei führt das auf Sprachprobleme zurück. In der Nacht wird Baloch zur Vernehmung an einen anderen Ort gebracht. Ein Video, das zeigt, wie Polizisten ihn aus dem Auto in einen Hauseingang schieben, ein weisses Tuch über seinem Kopf, geht um die Welt.

Am Abend von Balochs Festnahme ist in ganz Berlin kein vereidigter Übersetzer für Belutschisch zu finden. Urdu versteht Baloch nur bruchstückhaft. Urdu spricht aber der von der Polizei organisierte Dolmetscher. Persisch wäre näher an Balochs Muttersprache. Der Dolmetscher sitzt bei der Vernehmung vor Baloch und fragt immer wieder: «Bist du es gewesen?» Nach mehreren Anläufen versteht Baloch, worum es geht. Ein Lastwagen soll in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt gefahren sein, es soll Tote und Verletzte gegeben haben.

Baloch ist fassungslos. Er erklärt, dass er nicht Auto fahren kann, er weiss gar nicht, wie man den Motor startet. Nicht mal Rad fahren kann er. Was hat er mit all dem zu tun? Der Polizeipressesprecher Wenzel sagt heute: «Was mich auch im Nachhinein noch verwundert, ist, warum Herr Baloch bei seinem Alibi so vage blieb. Wenn mir ein derart starker Verdacht angelastet wird, versuche ich doch, möglichst detailliert zu schildern, was ich zum Zeitpunkt der Tat gemacht habe. Herr Baloch war ziemlich verschlossen. Aber natürlich ist es legitim, von seinem Recht, zu schweigen, Gebrauch zu machen.»

In den frühen Morgenstunden, nach einem langen Verhör, wird Baloch in eine Zelle gebracht. Er friert. Die Zelle hat keine Heizung, und er trägt nur ein T-Shirt, keinen Pullover. Alles, was er anhat, gehört der Polizei. Seine Kleidung und seine Schuhe behält die Spurensicherung ein. Ausziehen musste er sich nicht nur für die Fotos, sondern auch, weil sie seinen Körper auf Schmauchspuren untersucht haben, die er haben müsste, wenn er jemanden erschossen hätte, den Lkw-Fahrer zum Beispiel.

Baloch sitzt in seiner Zelle und findet keinen Schlaf. Die Holzpritsche hat keine Matratze, Kissen und Decke gibt es nicht. Er weiss nicht, wie er sich mit Handschellen hinlegen soll. Auf die Toilette darf er erst, nachdem er mit Gesten angedroht hat, seine Notdurft sonst in der Zelle zu verrichten. Toilettengänge seien immer ein Risiko, sagt der Pressesprecher. Auf dem Klo würden einige versuchen, sich das Leben zu nehmen. Deswegen sitze bei Verdächtigen wie Naveed Baloch auch rund um die Uhr jemand vor der Zelle. Baloch hat den ganzen Tag noch nichts gegessen. Man bringt ihm kalten Tee und Kekse. Er trinkt nur den Tee. Der Sprecher sagt, Essen gebe es zu den normalen Essenszeiten, vergleichbar mit denen im Krankenhaus.

Balochs Herz rast, seine Gedanken kreisen wie verrückt, er kriegt immer schlechter Luft. Er fürchtet sich. Nicht vor weiteren Schlägen, sondern davor, keine Zukunft mehr in Deutschland zu haben. Einen Anwalt hat er zu diesem Zeitpunkt nicht. Wenige Kilometer entfernt stürmen nun mehr als 200 PolizistInnen seine Unterkunft, den Hangar 6 auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof. Es ist etwa vier Uhr früh. Balochs Mitbewohner werden befragt und seine Sachen konfisziert, unter anderem sein Handy, das er am Morgen nicht mitgenommen hatte – der Akku war leer.

Die ganze Nacht über gehen Anrufe bei der Berliner Polizei ein, von AugenzeugInnen, die zum Zeitpunkt des Attentats am Breitscheidplatz waren. Mehrere Hundert sind es. Ein Anrufer meldete sich bereits wenige Minuten nach dem Attentat. Er wollte gesehen haben, wie der Lkw-Fahrer in Richtung Tiergarten gerannt sei. Der Anrufer blieb am Telefon, während er dem vermeintlichen Täter hinterhereilte, seine Koordinaten gab er live durch. Er beschrieb einen dunkelhaarigen, rennenden jungen Mann. Dass Naveed Baloch noch nie am Breitscheidplatz gewesen war, auch nicht an diesem Abend, konnte der Anrufer nicht wissen. Erst am Tag nach dem Anschlag stellt sich heraus, dass der Anrufer den angeblichen Lkw-Fahrer aus den Augen verloren hatte, ihm also nicht lückenlos gefolgt war. Man müsse sich die Panik in der Bevölkerung vor Augen halten, heisst es bei der Polizei.

Draussen wird es hell, Baloch hat in seiner Zelle noch immer nicht geschlafen. Er hat Angst vor dem neuen Tag. Vor neuen Beschuldigungen. Vor Fragen, die er nicht versteht. Vor einer Abschiebung. Und davor, dass seiner Familie etwas zustösst. «Sippenhaft und Sippenfolter von Belutschen sind in Pakistan an der Tagesordnung, auch bei friedlichen Aktivisten, die ohne Waffen für die Unabhängigkeit kämpfen», sagt Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Um die Mittagszeit am Tag nach dem Attentat sagt der Polizeipräsident Klaus Kandt, dass sie wahrscheinlich den falschen Mann haben. Der wirkliche Täter laufe eventuell noch frei herum. «Wir sind wachsam. Seien Sie es auch», twittert die Berliner Polizei.

Baloch wird weiter festgehalten, die Ermittlungen laufen noch. Bis Mitternacht kann ihn die Polizei bei dringendem Tatverdacht einbehalten, spätestens dann müsste er einem Haftrichter vorgeführt werden. Zwischen 17 und 18 Uhr begleiten ihn Polizisten zum Ausgang und setzen ihn erneut in ein Auto. Die Polizisten bringen ihn in eine neue Unterkunft. In seiner alten drohe ihm Lebensgefahr. So viel versteht er immerhin. Lebensgefahr, weil es womöglich Leute gibt, die ihn noch für den Täter halten. Und weil er für viele Pakistanis der Feind ist. Jemand, der den Namen ihres Landes verunglimpft.

Für die pakistanische Regierung sind die Beschuldigungen gegen Naveed Baloch ein weiterer Anlass, BelutschInnen als TerroristInnen zu brandmarken und damit das harte Vorgehen gegen sie zu rechtfertigen, unabhängig davon, ob sie bewaffnet sind oder nicht. Regelmässig werden Menschen entführt, manchmal vor den Augen ihrer Kinder. 22 000 Menschen seien in den vergangenen zehn Jahren verschwunden, schätzt Ulrich Delius. Die meisten dürften tot sein, sagt er. Dazu kämen mehr als 8000 bestätigte Morde. Amnesty International geht von den gleichen Zahlen aus.

Als Naveed Baloch am Abend des 20. Dezember 2016, einen Tag nach seiner Verhaftung, vor seiner neuen Unterkunft ankommt, legen ihm die Polizisten erneut einen grossen, weissen Schal über Kopf und Schultern, um seine Identität in der neuen Unterkunft nicht gleich preiszugeben. Sie dirigieren Baloch durch den Eingangsbereich, vorbei an arabisch sprechenden Männern, in den Aufzug, hoch in sein Zimmer, wo er zunächst allein wohnt. Sie sagen noch etwas, er versteht nicht, was. Dann sind sie weg. Die Angst nicht.

Auf der Wache haben sie ihm eingeschärft, beim Verlassen der Unterkunft die Polizei zu benachrichtigen. «Es bestand keine Meldepflicht», sagt der Pressesprecher. «Das war vielmehr ein Angebot zu seinem Schutz, falls er sich bedroht fühlen sollte.» Wie Baloch sich hätte verständlich machen sollen, wenn er die 110 gewählt hätte, weiss auch der Sprecher nicht.


Baloch weiss nicht, dass er wieder frei ist und alles nur ein Irrtum war, ein blöder Zufall, ein Fehler von jemandem, der wohl nur helfen wollte. Weil Baloch Sorge hat, draussen erneut festgenommen zu werden, bleibt er die folgenden zehn Tage durchgehend in seinem Zimmer, nur zu den Essenszeiten geht er kurz runter in den Speisesaal, auch dabei hat er Angst. Vor den Wachmännern, unter denen einige Pakistanis sind, und vor den vielen arabischen Geflüchteten, die glauben könnten, dass er etwas mit dem IS zu tun hat – auch noch, als der auf der Flucht in Italien von Polizisten erschossene Tunesier Anis Amri längst als Attentäter vom Breitscheidplatz feststeht. Vor dem IS hat Baloch ebenfalls Angst: dass der ihn, einen moderaten Muslim, als Ungläubigen brandmarken könnte.
Er ist einsam wie nie zuvor. Da ist niemand, der seine Sprache spricht. Nach zehn Tagen im Heim sieht er am Mittag im Speisesaal ein bekanntes Gesicht. Es ist ein Dolmetscher, der nicht nur hier, sondern auch im ehemaligen Flughafen Tempelhof für Geflüchtete arbeitet. Er freut sich, Baloch zu sehen: «Was machst du denn hier?» Baloch erzählt ihm von seiner Verhaftung, seiner Angst, seinen Kopfschmerzen. Der Dolmetscher verspricht, jemanden zu holen, der helfen kann. Eine Therapeutin.

Ihren Namen soll die Öffentlichkeit nicht erfahren – aus Angst vor ihrem Chef. Hier soll sie Carla Weidner heissen. Sie erinnert sich daran, wie er das erste Mal in ihre Sprechstunde kam: «Wie ein Häufchen Elend sah der aus. Blass, fast grau.» So etwas habe sie in ihrem ganzen Berufsleben noch nicht gesehen. Noch heute, ein Jahr später, ist sie entsetzt. Darüber, dass sich niemand um ihn gekümmert hat, so hilflos, wie er war.

In der ersten Sitzung zeigt ihr Baloch Fotos auf seinem Handy, von Hinrichtungen in der Heimat. Eine der Leichen sei die eines Freundes. Baloch klagt über «Stress im Kopf». Schmerzen, so stark, dass er seine geliebte Musik nicht mehr ertrage. Weidner fordert ihn auf, alle Bilder von Hinrichtungen sofort zu löschen. Baloch braucht dringend professionelle Hilfe, stellt sie fest.

Sie ist Soziotherapeutin, das heisst Sozialarbeiterin mit einer Zusatzqualifikation. Sie darf aber weder Medikamente verordnen noch Psychotherapien machen. Dafür schreibt sie ihm die Nummer eines Psychiatriezentrums auf, das auf Geflüchtete spezialisiert ist.

Ein Freund hilft ihm, einen Termin zu bekommen. Zurück kommt Baloch mit einem Antidepressivum und einem Neuroleptikum. Er ist mit der Einnahme überfordert, irrt sich in der Dosierung, nimmt mal die doppelte Dosis, mal tagelang nichts. Weidner sagt rückblickend: «Das war eine Katastrophe. Die Sachen so durcheinander zu nehmen, ist gefährlich. Dann lieber gar nichts nehmen.»

Baloch kann die Packungsbeilage nicht lesen. Buchstaben beherrscht er nicht, aber Zahlen gehen. Die hat er gelernt, als er einmal zwei Monate lang zur Schule ging, mit vierzehn. Nummern speichert er nicht ab, er merkt sich die letzten drei Ziffern von wichtigen Handynummern. Sein Internetkonsum beschränkt sich auf Bilder und Videos. Dennoch beschreiben ihn seine Freunde als politisch aktiv, in der Heimat wie in Berlin, keine Demo für die belutschische Sache lasse er aus.

Weidner will ihm helfen, nach Berlin-Marzahn zu ziehen, in das Heim, wo seine Freunde untergebracht sind. Ihr Chef will versuchen, eine Verlegung zu beantragen. Sagt er. Es passiert: nichts. Sie hakt nach. Manchmal sagt der Chef: «Ja, ja, mach ich.» Bis er ihre Anrufe nicht mehr beantwortet. Sie überlegt zu kündigen, so frustriert ist sie.

Baloch geht es immer schlechter. Er ist einsam und überfordert. Eine Therapie wird ihm nicht angeboten, nur Tabletten, obwohl der Arzt – erzählt ein Freund von Baloch, der ihn zur Untersuchung begleitet hat – sich sehr besorgt zeigt ob Balochs Zustand. Warum ihm keine Therapie angeboten wird, lässt sich nicht klären. Die Klinik schweigt dazu. Manchmal ist Baloch die ganze Nacht lang wach, und wenn er doch schläft, dann weckt ihn oft die laute Musik seines neuen Mitbewohners. «Der ist auf Kokain», sagt Baloch.

Am 1. Juni 2017 läuft Balochs Aufenthaltsgestattung aus, wie man in Deutschland sagt. Ab diesem Tag darf er seine Unterkunft nicht mehr verlassen. Eine Fahrkarte hat er auch nicht mehr. Einen Deutschkurs kann er ohne Papiere nicht belegen. Noch schlimmer: Er erhält kein Geld mehr, schon seit dem Tag seiner Verhaftung. Das Landesamt für Flüchtlinge erklärt sich für nicht mehr zuständig. Dort sagt ihm ein Mann, sein Fall sei nun ein «spezieller». Und dass er sich bitte an die Ausländerbehörde wenden solle, mehr dürfe er nicht sagen, Anweisung von oben. Der Mann weigert sich, mit Balochs Anwältin zu telefonieren. Die Ausländerbehörde verweist an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF; dort sagt man, die Ausländerbehörde sei zuständig. Dann streiten sich Berlin und Bayern, wer den Fall übernehmen soll. Monatelang geht es hin und her. Erst als ein Arzt dem BAMF schreibt, Baloch sei eine Verlegung psychisch nicht zuzumuten, übernimmt das Land Berlin den Fall.


Im September 2017, neun Monate nach seiner Verhaftung, geht es endlich ein wenig bergauf für Naveed Baloch. Plötzlich erhält er wieder Geld, über tausend Euro. Es ist die Nachzahlung dessen, was ihm in der Zwischenzeit zugestanden hätte. Baloch ist besser gelaunt. Er geht mit dem Dolmetscher Kleider kaufen; auch durch unsere Treffen haben sich die beiden etwas angefreundet. Baloch kauft ein elegantes, nachtblaues Hemd, das er trägt, als wir Pizza essen gehen, und einen schwarz-roten Rucksack, für den Deutschkurs, den er bald zu besuchen hofft. Ausserdem zahlt er Schulden bei Freunden zurück, die ihm ausgeholfen haben. Vom Rest des Geldes kauft er ein neues Smartphone.

Mittlerweile hat er wieder zu seiner Familie Kontakt. In den Wochen nach dem Anschlag baten ihn seine Angehörigen, sich erst mal nicht mehr zu melden. Weil der pakistanische Geheimdienst bei ihnen angerufen hatte. Erst durch seine Verhaftung und die daraus entstandene mediale Aufmerksamkeit habe der von seiner Flucht erfahren, sagt Baloch. Sein Vater fühlte sich nicht mehr sicher und ist untergetaucht.

Im Oktober steht ein Termin für eine Anhörung in Balochs Asylverfahren fest. Baloch bereitet sich jeden Tag darauf vor, wird immer nervöser, schluckt wieder die doppelte Dosis an Tabletten.

Am 7. November 2017 wird Baloch zum ersten Mal detailliert zu seiner Fluchtgeschichte befragt. 21 Monate nachdem er in Deutschland angekommen ist. Die Anhörung sei gut gelaufen, sagt er wenige Tage später. Wann es ein Ergebnis gibt, ist ungewiss. Im November beginnt er einen Deutschkurs. Das Lernen fällt ihm schwer.

Bis Mai 2018 gilt seine Aufenthaltsgestattung. Baloch macht Pläne. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Ganz dringend will er in eine neue Unterkunft, eine, in der er selbst kochen kann und nicht mehr die Pampe essen muss, die er nicht verträgt. Und tatsächlich findet die Behörde eine neue Unterkunft. Zwar nicht bei seinen Freunden, aber in ihrer Nähe, ebenfalls in Marzahn. Auch dort kann sich Baloch mit niemandem unterhalten. Immerhin hat er nach langem Bitten ein Einzelzimmer. Das wollte die Heimleitung zunächst nicht gestatten: Zu gefährlich, man stuft Baloch wohl als suizidgefährdet ein.

Baloch geht nun wieder öfter vor die Tür. An einem grauen Sonntag demonstriert er vor dem Brandenburger Tor für ein unabhängiges Belutschistan. Gegen die Folter und Ermordung unschuldiger Menschen. Kaum einE PassantIn bleibt stehen. So ist das meistens. Wenn er in Deutschland bleiben darf, würde Naveed Baloch gern Altenpfleger werden. Vorerst wäre er auch mit einem Nebenjob zufrieden. Sein grösster Traum? Zurückzukehren nach Belutschistan, eines Tages, wenn es unabhängig ist. Er weiss, dass das unwahrscheinlich ist. Aber was ist schon wahrscheinlich in seinem Leben?

Zwei Belutschen, mit denen er sich in seiner Anfangszeit in Bayern angefreundet hat, sind zurückgekehrt. Freiwillig. Vom Stillstand verzweifelt und in Sorge um ihre Familien. Sie bestiegen ein Flugzeug nach Pakistan, die Angehörigen warteten dort, doch die Männer waren nicht unter den Passagieren, die den Flughafen verliessen. Hat der Geheimdienst sie abgefangen? Niemand weiss es. Die Angehörigen sagen, die Männer seien bis heute nicht angekommen.

Dieser Artikel erschien in einer längeren Fassung zuerst im deutschen «SZ-Magazin».

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