Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Am falschen Ort zur falschen Zeit

Die erschütternde Geschichte eines fatalen Irrtums.

Von Barbara Traber

Eine Freitagnacht Ende Februar 2016 in Brüssel. Manuel* (31), Zirkusakrobat, war mit Kollegen in einer Bar und hat dann ein Taxi ins Quartier Saint-Gilles genommen. Er wohnt dort zurzeit im «Espace Catastrophe», einem Künstlerhaus. Etwa 300 Meter vor dem Gebäude steigt er in der Rue de la Glacière aus und bezahlt, er will noch einige Schritte zu Fuss gehen, etwas frische Luft schnappen. Eine anstrengende Probenwoche in einer kleinen Tanztheatertruppe liegt hinter ihm, und am nächsten Morgen muss er früh zum Flughafen fahren. Er hat ein Ticket nach Mailand, er will seine Verwandten im Piemont besuchen. Es ist nach Mitternacht, und deshalb ruft er Anna, seine Freundin in der Schweiz, nicht mehr an.

Auf einmal spürt er, dass sich ihm eine Person von hinten nähert. Bevor er sich umdrehen und sehen kann, wer es ist, packt ihn jemand am Arm und schreit auf ihn ein. Es ist eine Frau, die ihn aufs Gröbste beschimpft und beleidigt. Er muss sie abwehren, er befreit sich vehement – und geht weiter. In der Nähe stehen Menschen auf der Strasse, doch niemand scheint den Vorfall beachtet zu haben.

Plötzlich kreisen ihn mehrere Polizisten ein, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind, und legen ihm ohne ein Wort der Erklärung und ohne ihn etwas zu fragen Handschellen an. Es ist sinnlos, sich zu wehren. Er versucht, locker zu bleiben, spürt aber einen heftigen Schlag (oder sind es mehrere?) auf den Hinterkopf und merkt, dass er zu Boden sinkt. Irgendwann – er muss kurz bewusstlos geworden sein – taucht er wieder wie aus einem Nebel auf, merkt, dass er immer noch am Boden liegt, er kann nicht aufstehen, er hat keine Kraft in den Beinen. Er sieht, dass die Polizisten seinen Pass an sich genommen haben, den er samt Brieftasche immer in der Innentasche seines schwarzen Mantels trägt. Er besitzt einen gültigen kolumbianischen Pass, in der Brieftasche hat er ausser Geld auch eine gültige italienische Identitätskarte, seinen europäischen Krankenkassenausweis, eine Kreditkarte seiner Bank, sein SBB-Halbtaxabo, diverse Visitenkarten.

Manuel versteht nicht, was los ist. Er kann nicht klar denken, sein Schädel brummt, ihm ist schwindlig, und er muss sich übergeben. Und auch später wird er sich lange nicht genau erinnern, was weiter in dieser Nacht geschah. Er muss das Erlebte wie ein Puzzle zusammensetzen. Wohin bringt man ihn? Er landet auf verschiedenen Polizeistationen, und man hat ihm irgendwann alles weggenommen, was er auf sich trug. Wo sind seine Sachen, sein Handy? Er möchte sich zumindest einen Namen der Polizisten merken, doch sie haben ihre Namensschilder mit Velcro-Band überdeckt.

Einmal tauchen zwei Ärzte auf und untersuchen ihn flüchtig. Anschliessend wird er in ein Spital überführt, wo man ihm seine Kleider, seine Unterwäsche und seine Schuhe abnimmt, ihn nackt in einen Plastikoverall steckt und ihm Schlarpen gibt. Man nimmt eine Blutprobe und tastet seinen ganzen Körper ab, prüft jede Hautfalte – die Ärzte suchen nach Drogen. Drogen? Etwa weil er aus Kolumbien stammt? Manuel hat noch nie in seinem Leben Drogen genommen, er raucht nicht einmal. In seinem Beruf muss er auf seinen Körper achten. Dann wird er auf einen anderen Polizeiposten geführt und dort in eine dunkle, ungeheizte Zelle gesperrt.

Manuel versucht, Schmerzen und Angst zu verdrängen. Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Bald wird er aufwachen, und alles wird nur ein Albtraum gewesen sein.

Er friert erbärmlich, liegt nackt im dünnen Overall auf dem blossen Betonboden. Jedes Mal, wenn die Wache wechselt und ein neuer Polizist nach ihm schaut, verlangt er, einen dringenden Telefonanruf machen zu können. Er hat, das weiss er, ein Recht darauf, seine Angehörigen oder einen Anwalt zu informieren. Anna, das geht ihm wiederholt durch den Kopf, macht sich bestimmt Sorgen. «Später», vertröstet man ihn. Ihm sei kalt, klagt Manuel. Nach Stunden bringt man ihm eine silbrige Isolierdecke. Einer der Polizisten, der neu eintrifft, fragt den abtretenden Kollegen, weshalb der Typ da eingeliefert worden sei. – «Kokain», sagt er nur.


In der Schweiz macht sich Anna am Samstagmittag allmählich Sorgen. Ihr Freund hat sich seit Freitagmittag nicht mehr gemeldet, und eigentlich müsste er längst am Flughafen Brüssel beim Einchecken sein. Dort hätte er Zeit, sie anzurufen. Sie versucht immer wieder, ihn zu erreichen. Weder Anrufe noch SMS beantwortet er. Nichts. Auch seine italienische Handynummer funktioniert nicht. Es ist, als wäre er vom Erdboden verschluckt, und sie befürchtet, es könnte ihm etwas passiert sein. Ein Unfall? Soll sie belgische Spitäler anrufen, ihn suchen? Warum ist sie so beunruhigt? Vielleicht hat er nur verschlafen und seinen Flug verpasst. Anna nimmt über Facebook Kontakt zu Irja auf, der Leiterin der Brüsseler Tanztruppe. Es sei alles in Ordnung, antwortet diese sofort. Manuel sei am Freitagabend noch mit Kollegen ausgegangen.

Doch Annas Anspannung und ihre Ängste steigern sich. Sie ist sicher: Irgendetwas stimmt nicht. Sie kann nicht schlafen, ist verzweifelt. Sie schreibt Nachrichten auf Facebook: «Manuel, bitte, melde dich, was ist los …?» – Keine Antwort.


Beinahe zwei Nächte lässt man Manuel in der Zelle liegen, bevor er einem Richter vorgeführt wird. Er versteht nicht, was man mit ihm vorhat. Es gibt keine Befragung, und er weiss immer noch nicht, weshalb er festgenommen wurde. Irgendwann erhält er Wasser und zwei Stück hartes Brot, das er runterwürgt. Als er sein Gesicht zum ersten Mal zufällig in einem Stück Plastik sieht, stellt er erschrocken fest, dass die rechte Gesichtshälfte mehrere Wunden mit verkrustetem Blut aufweist und er ein blaues Auge hat. Die aggressive Frau kann ihn nicht so zugerichtet haben. Warum ist er im Spital, wo man bei ihm nach Drogen suchte, nicht verarztet worden?

Der Richter stellt um 18.20 Uhr ein kurzes Besprechungsprotokoll aus, in dem steht, der Angeklagte werde freigesprochen. «Vous êtes libre», sagt der Richter zu ihm, «Sie sind frei.» Manuel atmet auf. Den undeutlich gesprochenen Nebensatz, man werde ihn jedoch nach Kolumbien repatriieren, versteht Manuel nicht. Noch nicht.

Er ist so schwach und ihm ist so schwindlig, dass er sich ohne Widerrede erneut in ein Polizeiauto zerren lässt, obwohl er eben freigesprochen wurde.

«Wohin bringen Sie mich?», fragt er.

«Bruges», antwortet der Polizist am Steuer kurz angebunden.

«Was? Wohin?»


Manuel glaubt, er sei auf Brüsseler Stadtgebiet, und hofft, alles werde sich klären. Aber dann wird er im Centre pour Illégaux in Brügge abgesetzt, einem ehemaligen Frauengefängnis mit 112 Plätzen, rund hundert Kilometer Luftlinie von der Hauptstadt entfernt. Es ist eines von fünf geschlossenen Ausschaffungszentren in Belgien.

Dort ist man zunächst überfordert, der Neue hat ja nicht einmal Kleider; entsprechend verwildert sieht er aus, mit offenem, blutverklebtem Haar. Ausser einem Protokoll in Flämisch hat er nichts Schriftliches bei sich, weder ein Arztzeugnis noch einen normalen Polizeibericht. Man übergibt ihm das in mehrere Sprachen übersetzte Handbuch mit der strikten Hausordnung samt einer DVD und besorgt ihm ein T-Shirt, eine Trainerhose und Unterhosen; Socken und Schuhe sind in seiner Grösse nicht vorhanden.

Als Manuel die Hausordnung liest, dämmert ihm zum ersten Mal, dass man ihn für einen Migranten hält, der sich illegal in Belgien aufhält. Er verlangt einen Arzt, er hat starke Kopfschmerzen, aber es heisst, der sei bereits nicht mehr im Haus; erst vier Tage nach der Verhaftung wird ihm der Gefängnismediziner kurz ins Gesicht sehen und sagen, inzwischen sei ja alles verheilt.

Manuel setzt sich in einer Ecke des Aufenthaltsraums auf den Boden. Schliesslich erlaubt ihm ein Wärter, dem der arme Kerl leid tut, zu telefonieren. «Tu peux vite faire un appel», sagt er. «Du kannst kurz einen Anruf machen, fünf Minuten, mehr nicht.»


Es ist Sonntagabend, als Annas Handy endlich klingelt. Manuel! Er stammelt, er befinde sich in Brügge im Ausschaffungsgefängnis. Er verstehe nicht, was passiert sei, er habe sich nicht melden können bis jetzt …

Anna telefoniert herum, packt eilig das Nötigste und fährt noch am gleichen Abend mit dem Nachtzug nach Brüssel. Sie will Manuel sobald wie möglich sehen, überzeugt, es handle sich um einen Irrtum, der rasch aufgeklärt sein werde. Man werde ihn auf der Stelle freilassen.

Als Anna übernächtigt in der belgischen Hauptstadt ankommt, ist es kalt und trüb. Rita, eine Theaterkollegin von Manuel, fährt Anna sogleich mit dem Auto weiter nach Brügge. Häftlinge im Ausschaffungsgefängnis können jeweils nur eine Stunde am Tag besucht werden. Und für einen Besuch muss man sich bereits um 13 Uhr melden.


Das Ausschaffungsgefängnis befindet sich ausserhalb der Stadt, und die beiden Frauen stehen nach einer guten Stunde Fahrt vor dem grünen Tor des bedrohlich wirkenden Gefängnisses. Mauern, Gitter vor den Fenstern, Treppengiebel, Türmchen, Überwachungskameras, Antennen. Irgendwo dahinter muss Manuel sein.

Anna zittert – nicht nur, weil sie friert. Pünktlich um 13 Uhr drückt sie auf den Klingelknopf neben dem Eingangstor des Gefängnisses. «Attendez!», befiehlt eine barsche Stimme, es sei noch zu früh. Nach und nach kommen mehr Leute dazu, BesucherInnen wie sie, und allen merkt man Nervosität und Anspannung an. Die Wartenden werden draussen im Regen stehen gelassen.

Dann öffnet sich das Tor automatisch. Anna betritt den vergitterten Vorhof und erblickt von weitem Manuel, der hinter Gitterzäunen in einer Gruppe Männer auf einem Platz in einem Nebenhof steht. Sie ruft seinen Namen, winkt. Er sieht sie, schaut zu ihr rüber. Im selben Moment schreit sie ein Wärter an, als wäre sie soeben auf frischer Tat ertappt worden. Anna erschrickt, zuckt zusammen und wird von einer ohnmächtigen Wut erfasst.

Am Eingangsschalter müssen alle ihren Pass abgeben und werden registriert. Ab jetzt ist jede und jeder eine Nummer, erhält ein Schildchen, das an den Kleidern befestigt werden muss, und einen Schlüssel zu einem Schliessfach, in dem alle persönlichen Gegenstände untergebracht werden. Anna fällt ein Plakat ins Auge: «Bagages 20 kg au maximum» steht da.

Sie gibt die Dokumente von Manuel ab, überzeugt, man werde sie sofort lesen und ihn dann entlassen. Schliesslich hat sich Manuel nicht illegal in Brüssel aufgehalten. Aber ein Beamter legt das Mäppchen achtlos auf die Seite.

Es dauert lange, bis Anna durch eine erste Tür in einen Raum eintreten darf, wo eine uniformierte Aufseherin eine gründliche Leibesvisitation vornimmt. Nichts darf ins Gefängnis mitgebracht werden: keine Esswaren, keine Getränke. Zeitungen und Bücher werden geprüft und zensiert, bevor sie den InsassInnen ausgehändigt werden.

Schlüsselrasseln, eine weitere Tür wird geöffnet, weitergehen, und wieder wird hinter Anna abgeschlossen. Noch eine Tür – dann steht die Besucherin in einer Kantine mit hohen Wänden, Holztischen und Stühlen; in einer Ecke steht ein Getränkeautomat. Die vier Wärter und Aufseherinnen setzen sich an einen Tisch, schwatzen, trinken Kaffee. Ein Gefangener nach dem anderen betritt nun den Raum.

Anna steht wie erstarrt da. Ist das wirklich Manuel? Er hinkt leicht, kommt unsicher auf sie zu, mit eingesunkenen Schultern. Annas Blick fällt auf die kaum verheilten Wunden an Manuels Schläfe. Sein rechtes Auge ist geschwollen und blau. Die beiden fallen sich in die Arme. Er riecht nicht wie sonst, ungewaschen, beinahe abstossend, und er weint wie ein kleines Kind – und sie auch. Was haben sie mit diesem Menschen gemacht? Der sonst fröhliche und körperbewusste Manuel ist in schlechtem physischem und psychischem Zustand. Anna legt ihm ihren gelben Wollschal um den Hals. Was wirft man ihm vor? Dass er dunkelhäutig ist und indigen aussieht, mit lockigem schwarzem Haar, das er im Nacken zusammengebunden trägt? Dass er im «Drogenland» Kolumbien geboren wurde? Am Freitagabend war er zur falschen Zeit am falschen Ort.


Die junge Anwältin, die ihn verteidigt, wird später von «unglücklicher Konstellation» und «Provokation» sprechen, von «schweren, kaum wiedergutzumachenden Vorurteilen» und einer «Verletzung des rechtlichen Gehörs». In ihrem achtzehnseitigen Papier mit über einem Dutzend Beilagen, einem Gesuch um dringliche Einstellung des Ausschaffungsverfahrens nach Bogotá, steht unter anderem, die Anschuldigungen gegen ihn könnten seinen Ruf als Künstler von internationalem Renommee schädigen. Das willkürliche Vorgehen der Polizei sei eine Einmischung in sein Privatleben. Manuel ist den Migrationsbehörden nun bekannt unter der Nummer 8.220.363.

Noch immer scheint sich Manuel nicht bewusst zu sein, wie ernst die Situation ist, in der er sich befindet. Anna nimmt das auf Flämisch abgefasste Protokoll der Polizei. Darin finden sich die Vorwürfe, wegen derer Manuel zwei Tage im Gefängnis in Brüssel sass, ehe ihn der Richter freisprach. Anna überfliegt es, liest mit Schrecken, dass darin etwas von «Vergewaltigung in flagranti» steht. Im Protokoll heisst es, Manuel sei in eine Schlägerei mit einer Frau verwickelt gewesen und habe sie derart geschlagen, dass sie blutverschmiert von einer Baustelle auf die Strasse geflüchtet sei. – Schlimmeres hätte man ihrem Freund nicht unterstellen können.


Anna nimmt sich in Brügge ein Zimmer in einem Hotel. Sie besucht Manuel von nun an jeden Tag im Gefängnis. Dasselbe Ritual wie beim ersten Besuch wiederholt sich mit einer quälenden Regelmässigkeit.

Im Ausschaffungsgefängnis befinden sich Menschen aller Nationalitäten, auch Frauen sind hier untergebracht, zum Teil mit Kindern, aber getrennt von den Männern. Im Besucherraum vermischen sich verschiedenste Sprachen, es herrscht Unruhe, Ungewissheit, Angst, Frust, Resignation und Ohnmacht. Eine belgische Krankenschwester besucht ihren afrikanischen Lebenspartner. Ihm droht die Rückschaffung, weil er auch nach Jahren Aufenthalt in Belgien keine gültigen Papiere besitzt. Sie bietet Anna an, sie könne bei ihr unterkommen, wenn das Warten noch lange dauere. Es gibt Männer, die seit Wochen eingesperrt sind, andere seit Monaten. Eines Tages werden sie unter Polizeibegleitung zum Flughafen gebracht und in ihr Herkunftsland ausgeschafft. Jetzt versteht Anna das Plakat, das beim Eingang hängt: Nicht mehr als 20 kg Gepäck erlaubt – Fluggepäck.

Nach exakt einer Stunde geht die Besuchszeit jeweils zu Ende. Eine Stunde, die Anna sehr kurz und zugleich endlos vorkommt, als fiele sie aus der Zeit. Manchmal sitzt sie nur still da und hält Manuel an den Händen. Eine letzte Umarmung noch, ein Blick zurück, dann der Abschied.

Anna kehrt jeweils zu Fuss ins Zentrum von Brügge zurück, obwohl der dunkle Himmel tief hängt und es meist regnet. Ohne Manuel gehe ich nicht in die Schweiz zurück, sagt sie sich.

Anna muss einen klaren Kopf bewahren, organisieren, telefonieren, mit der Anwältin in Kontakt bleiben, Dokumente einscannen, Manuels Verwandte in Kolumbien und in Italien informieren, sein Bankkonto sperren lassen, ihm eine Jacke und Turnschuhe kaufen, mit dem Sozialdienst sprechen … Die Anwältin hat inzwischen Widersprüche zwischen dem ersten französischen Protokoll des Richters, der Manuel freisprach, und dem zweiten flämischen Protokoll der Polizei festgestellt: Die Anschuldigungen der Polizei waren frei erfunden, aber es brauchte Zeit, sie Punkt für Punkt zu widerlegen. Der medizinische Bericht des Spitals, in dem Manuel nach Drogen untersucht wurde, bleibt unauffindbar – ebenso seine Brieftasche samt Inhalt. Die Kleider erhält er nicht zurück, das seien Beweisstücke, heisst es. Den Vorwurf des illegalen Aufenthalts entkräftet schliesslich ein in Italien eingeschalteter Anwalt, der bestätigt, dass Manuel eine italienische Niederlassungsbewilligung besitzt.

Trotzdem bleibt Manuel im Gefängnis. Elf Tage und Nächte verbringt er mit siebzehn anderen Insassen in einem spartanisch eingerichteten Schlafsaal. Seine Stimmung schwankt ständig. Einmal besucht ihn die Leiterin der Theatertruppe – mit Süssigkeiten und einem Blumenstrauss. Alle lachen, als sie am Schalter naiv erklärt, sie habe gedacht, sie bringe etwas Farbe in Manuels «Zimmer».


Am Dienstagmorgen, dem 8. März, wird Manuel das Flugticket für seine Ausschaffung ausgehändigt: Abflug am 14. März, von Brüssel über Amsterdam nach Bogotá.

Fassungslos hält Manuel das Ticket in den Händen und bricht zusammen. Er realisiert, was ihm bevorsteht: Drei Jahre könnte er nicht mehr nach Europa zurückkehren. Verzweifelt telefoniert er mit Anna. Die Anwältin sei zuversichtlich, sagt sie. Das Gericht sei gerade daran, seinen Fall zu verhandeln.

Plötzlich geht alles sehr schnell. Und bis heute versteht niemand, was in den folgenden Stunden genau geschah. Aber gegen Mittag wird Manuel mitgeteilt, er werde sofort entlassen. Er verabschiedet sich von seinen Mithäftlingen, wird zum Ausgang begleitet – und steht draussen, in Freiheit.

Seiner Anwältin wird mitgeteilt, Manuel müsse das Land innert sieben Tagen verlassen und dürfe nie mehr nach Belgien einreisen. Sie stellt einen Antrag, um die rechtlich unzulässige Forderung aufheben zu lassen. Sonst könnte es später, wenn er in ein Schengen-Land einreisen möchte, Probleme geben. Es dauert weitere fünf Tage, bis Manuel endlich ausreisen kann.

Die Anwältin verlangt später bei den zuständigen Behörden eine Entschädigung für Manuel. Doch nach Wochen gibt sie Bescheid, sie habe leider nichts erreichen können. Man müsste den Fall weiterziehen, Kollegen hätten ihr aber davon abgeraten.

Zurück in der Schweiz, lässt sich Manuel ärztlich untersuchen. Er hat eine Hirnerschütterung erlitten, muss sich schonen. Sein Engagement in Brüssel annulliert er und besucht stattdessen eine Traumatherapie. Es braucht einige Behandlungen, bis Manuel sich wieder wohl fühlt in seiner Haut. Erst dann traut er sich wieder in die Stadt – allein und ohne Angst.

* Alle Namen geändert.

Barbara Traber ist Schriftstellerin, Journalistin und Lektorin. Sie lebt in Worb BE. Traber ist die Mutter der im Text «Anna» genannten Frau.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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