Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Persönliche Schicksale

Von Laura Cassani

Ein Haus ist zurückhaltender Protagonist von «Unter Fremden». Es ist das Haus mit der Nummer 87 an der Laurenzenvorstadt in Aarau. Hier treffen acht Lebensgeschichten aufeinander, die alle geprägt sind vom Aus- und Einwandern. Der freie Journalist Michael Hugentobler erzählt die Geschichten in einem einzigen Atemzug, unterbrochen nur von kurzen Lexikoneinträgen und kleinen Schwarzweissfotos. Die Lexikoninformationen geben den persönlichen Schicksalen einen weltpolitischen Rahmen. Die fotografischen Erinnerungen verankern sie in der historischen Realität.

Denn es sind wahre Geschichten, das Haus an der Laurenzenvorstadt 87 verbindet sie auch in der Realität. Wegen ihm wurden die Geschichten überhaupt aufgeschrieben, denn hier hat die Organisation Social Input ihren Sitz. Sie hat sich das sorgfältig gestaltete, in Leinen gefasste Büchlein zum 20. Geburtstag geschenkt. Social Input bietet Berufsorientierungs- und Sprachkurse für MigrantInnen an – und bleibt als Institution im eigenen Jubiläumsbuch erfrischend unsichtbar. Es geht hier offensichtlich nicht darum, sich selbst zu beweihräuchern, sondern darum, Verständnis zu schaffen für das grosse Thema Migration, das sich im Alltag und in den Biografien der Menschen manifestiert, die hier ein- und ausgehen.

Hugentobler erzählt die Geschichte des Gründers von Social Input in gleicher Weise wie diejenige der Bewerbungsberaterin, des arbeitslosen Ratsuchenden oder der Sprachschülerin. Wer Unterstützung sucht und wer sie anbietet, wird erst allmählich klar. Diese erzählerische Grundidee – wir sind alle «Fremde» – durchschaut man als Leserin bald. Die Reportage tendiert deshalb gelegentlich etwas ins Didaktische. Trotzdem schafft es Hugentobler, dass man nicht nur gut unterhalten ist, sondern sich beim Lesen auch die grundlegenden Fragen stellt: Wie prägen die politischen Entscheidungen der Mächtigen auf dieser Welt unsere individuellen Biografien? Und welche Rolle spielen wir, egal ob in Aarau aufgewachsen oder aus dem Kongo geflüchtet, im Migrationsland Schweiz?

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