Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Die rote Zone mitten in den Olivenhainen

Am südlichen Zipfel Apuliens soll die Trans Adriatic Pipeline aus der Adria treten. Die Bevölkerung wehrt sich – für den Erhalt ihrer Küstenregion und gegen das veraltete Denken in Rom.

Von Michael Braun (Text) und Fabio Serino / Ropi (Fotos), Lecce

Links und rechts der Strasse in Richtung San Foca erstreckt sich ein Meer aus Olivenbäumen. Niedrige Mäuerchen aus groben, unbehauenen Steinen trennen die unzähligen Haine. Ziemlich verlassen wirkt die Gegend, die zur Kleinstadt Melendugno im Salento gehört, der südlichsten Spitze Apuliens. Einige Leute sind jedoch vor Ort, sie tragen Uniform. An jedem der Feldwege, die links von der Provinzstrasse wegführen, ist ein Mannschaftswagen postiert: mal von der örtlichen Polizei, mal von den Carabinieri oder der Guardia di Finanza.

Bloss Heidelbeeren sammeln wollten sie, erklärt ein junger Familienvater einem Beamten. Neben ihm im Auto sitzt seine Frau, auf dem Rücksitz die beiden Kinder. Sie seien extra aus Lecce hergefahren. Doch der Ausflug ist zu Ende: «Rote Zone», sagt der Carabiniere, Sperrgebiet. Niemand darf das Areal rund um die Baustelle der Trans Adriatic Pipeline (TAP) betreten. JournalistInnen, ausgerüstet mit einem auf dem Polizeipräsidium in der Provinzhauptstadt Lecce ausgestellten Passierschein, dürfen aber weiterfahren.

Zunächst geht die Fahrt weiter durch die Olivenhainidylle, dann aber steht man plötzlich vor einem vier Meter hohen Metallzaun, gekrönt von Drahtrollen mit scharfen Metallklingen. «Erinnerungen an Auschwitz» würden bei ihm wach, verkündete kürzlich Michele Emiliano, Präsident der Region Apulien. Dabei befindet sich hinter dem Zaun bloss eine Baustelle. Hier entsteht der «Brunnen», die Ankunftsstation der Pipeline.

Alles sauber, alles einwandfrei

Es erwecke schon ein mulmiges Gefühl, so abgeriegelt und bewacht arbeiten zu müssen, sagt Ingenieur Francesco Spinelli. Der gross gewachsene Mann mit grauem Bart und grauen Haaren ist für die Sicherheit auf der Baustelle verantwortlich. Er könne nicht recht verstehen, warum die örtliche Bevölkerung so erbittert gegen die TAP protestiere. Gewiss, einige Olivenbäume seien radikal zurechtgestutzt worden, und das ganze Feld rund um den «Brunnen» habe man roden müssen.

Dann zeigt er aber auf die sorgsam aufgeschichteten Haufen von Mauersteinen und auf die dunkelbraunen Erdhügel auf dem Gelände. «Wenn wir fertig sind, werden wir alles wieder herrichten, die Mäuerchen wieder aufbauen, den abgetragenen Humus aufschütten und neue Olivenbäume anpflanzen», sagt Spinelli. Und der wunderschöne Strand von San Foca, einen Kilometer entfernt von hier, bleibe völlig unberührt. «Von hier bis einen Kilometer raus ins Wasser werden wir die Pipeline unterirdisch im Tunnelvortrieb bauen», erklärt der Ingenieur.

Karte der geplanten Pipeline (grosse Ansicht der Karte). Karte: WOZ

Alles sauber, alles ökologisch einwandfrei: Das ist Spinellis Wahrheit. Am Ende des Gesprächs ergänzt er aber mit bitterem Unterton, dieser Zaun und diese «rote Zone» seien «eine Niederlage für die Demokratie, für beide Seiten, die TAP-Betreiber genauso wie die Gegner». Wohl nur in diesem Punkt ist er mit den Protestierenden einig.

Am Vortag haben die TAP-GegnerInnen zu einer Demonstration in Lecce aufgerufen. Es ist Nachmittag, von einem Kleinlaster schallt Punkmusik aus den Boxen. Die AktivistInnen aus der autonomen Szene sind aber eindeutig in der Minderheit: Ganze Familien, vom Enkel bis zur Oma, haben sich eingefunden. Ihr Protest wirkt etwas handgestrickt; kleine Fähnchen mit der Aufschrift «No TAP», offenkundig zu Hause am Küchentisch gefertigt, dominieren das Bild unter den mehr als 2000 DemonstrantInnen. Ein Mann mit zerknittertem Gesicht und langem Bart führt ein Schaf und ein Lamm mit sich, auch ihnen hat er «No TAP»-Tücher über den Rücken gespannt.

Die Stimmung ist aggressiv gegenüber den OrdnungshüterInnen, die im Grossaufgebot sowohl uniformiert als auch in zivil präsent sind. Ein Polizeihubschrauber kreist über den Köpfen der Demonstrierenden. «Das Salento ist kein Kriegsgebiet, Truppen raus!», lautet einer ihrer Sprechchöre, in einem anderen fordern sie: «Platzverweis für die Polizei!»

Eine junge Demonstrantin aus Lecce, die ihren Namen nicht nennen mag, will gleich ein Missverständnis ausräumen. Ihr gehe es nicht um die paar abgeholzten Olivenbäume, denn die absehbaren ökologischen Folgen seien viel einschneidender. Vor allem aber sei das alles gar keine Frage des Standorts, wie es zum Beispiel Michele Emiliano verkündet habe. Er gehört dem gemässigt linken Partito Democratico an, der als Regierungspartei das TAP-Projekt in Rom vorantreibt. Die neue Gaspipeline sei angesichts sinkender Nachfrage schlicht überflüssig, sagt die junge Frau, und statt auf fossile Brennstoffe solle Italien ohnehin endlich konsequent auf erneuerbare Energien setzen.

Der Protest aus der Mitte

Immer wieder greift Gianluca Maggiore, einer der drei Sprecher des No-TAP-Komitees, zum Mikrofon. Das Leben der Menschen im Salento werde gerade «verwüstet und militarisiert», sagt der kleine rundliche Mann wutentbrannt. Maggiore, der im bürgerlichen Leben als Tontechniker arbeitet, ist eigentlich die Freundlichkeit in Person. Nun aber ist er wegen des Pipelineprojekts zu einer führenden Stimme des zivilen Ungehorsams in Melendugno geworden.

Revolutionäre in der Kaffeebar

Auch seine MitstreiterInnen aus dem Städtchen mit 10 000 EinwohnerInnen haben keine politische Vergangenheit. Einer ihrer Treffpunkte ist die Kaffeebar von Silvano de Rinaldis, der selbst zu den AktivistInnen zählt. Am Tisch mit ihm und Maggiore sitzen Sonia Santoro, die ein Autohaus führt, sowie Daniele, Inhaber eines Blumengeschäfts. Er hat sich ein schwarzes Kapuzenshirt mit «No TAP»-Logo übergezogen.

Dass die Pipeline eine «saubere Sache» sei, wie Ingenieur Spinelli beteuert, lassen sie nicht gelten. Sicher, der Strand selbst werde dank der unterirdischen Bauweise keine Spuren davontragen, «aber dann verläuft direkt darunter eine Gasleitung mit dem Wahnsinnsdruck von 145 Bar», sagt Maggiore. Dass der Bürgermeister dann noch den Badebetrieb erlauben werde, sei höchst unwahrscheinlich. Schlimmer noch, gleich hinter dem Dorf werde eine Station errichtet, an der das Gas aus der Adria ins bestehende Pipelinenetz eingespeist werden solle. Ein Areal von der Grösse von fünfzehn Fussballfeldern.

20 000 Menschen leben in einem 3,5-Kilometer-Radius um die zukünftige Station. Mehrmals im Jahr werden dort grosse Mengen von Gas in die Luft geleitet werden müssen, immer dann, wenn Wartungsarbeiten anstehen. Das TAP-Konsortium vertritt den Standpunkt, das sei völlig ungefährlich, da Methan leichter sei als Luft und deshalb sofort nach oben steige. Das Protestkomitee hat aber ein Gutachten in Auftrag gegeben, das zu ganz anderen Schlüssen kommt. Demnach könne das Gas, wenn es bei hohem Druck abgelassen werde, zunächst einmal eine Art Nebel bilden, zehn Meter über dem Erdboden. «Und wir atmen das dann ein, ohne es zu merken», empört sich de Rinaldis. «Das Zeug ist farb- und geruchlos.»

Sonia Santoro sieht da schwarz für den Tourismus, Haupteinnahmequelle des Orts. «Im Sommer wächst Melendugno auf fast 100 000 EinwohnerInnen an – zumindest bisher», sagt sie. In Zukunft müssten viele der Dutzenden Bed and Breakfasts in der Umgebung wohl schliessen. Der Staat ist für die junge Frau mit den langen braunen Haaren, die so gar nicht revolutionär wirkt, zu einer feindlichen Grösse geworden. In der Nacht vom 12. auf den 13. November war sie in einem Protestcamp nahe der Baustelle, als im Dunkel die Polizei anrückte, ausgerüstet mit einer Anordnung des Präfekten zur Errichtung der roten Zone. «Unser Grosszelt verfügte über alle nötigen Genehmigungen», erzählt Santoro, «doch wir wurden wie Verbrecher behandelt.» Das sei Freiheitsberaubung gewesen: «Viele kamen erst Stunden später wieder frei, andere schlugen sich im Stockdüsteren zu Fuss über die Felder nach Hause durch.»

Alle am Tisch nicken, sie waren in jener Nacht ebenfalls vor Ort im Protestzelt. «Das war ein Schock für uns», sagt Silvano de Rinaldis. «Aber nicht nur weil sie uns damit unseren Treffpunkt raubten, an dem wir die Abende und Nächte zusammen verbracht hatten.» Einschneidender sei für ihn ein anderer Punkt gewesen: «Wir haben in diesem Moment begriffen, dass sie endgültig Ernst machen wollen mit der Pipeline.»

Nachtrag vom 15. Februar 2018

Milliardenkredit für Pipeline aus Baar

Die in Baar ansässige TAP AG, die Aktiengesellschaft hinter dem umstrittenen Projekt Trans Adriatic Pipeline (TAP), erhält von der Europäischen Investitionsbank (EIB) einen Kredit von 1,5 Milliarden Euro. Es handelt sich um den grössten je vergebenen Kredit der EIB überhaupt. Damit scheint die Finanzierung der 4,5 Milliarden teuren Pipeline, die Erdgas von der griechisch-türkischen Grenze nach Süditalien führen soll, gesichert. Noch hängig ist ein Kreditgesuch im Umfang von 500 Millionen Euro bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. An dieser ist, anders als bei der EIB, auch die Schweiz beteiligt. Die TAP ist das westlichste Teilstück des Southern Gas Corridor, mit dem Erdgas aus Aserbaidschan nach Westeuropa geführt werden soll. Zu den grössten Anteilseignern der TAP AG gehören der britische Ölkonzern BP und der aserbaidschanische Staatskonzern Socar. Gegründet wurde die AG vom Schweizer Energiekonzern Axpo, der derzeit noch fünf Prozent an ihr hält.

Für die EU gilt das Projekt als «strategisch wichtig». Doch in Apulien, wo die Pipeline auf Land trifft, ist die TAP heftig umstritten. Viele BewohnerInnen befürchten negative Auswirkungen auf den Tourismus, lehnen das Vorhaben aber auch aus klimapolitischen Gründen ab. Die Protestaktionen gehen denn auch nach der Bekanntgabe des Kredits weiter. Auch von internationalen Umweltorganisationen wird der EIB-Entscheid heftig kritisiert, da damit die Klimaziele der EU unterlaufen würden. Die Behauptung, Erdgas sei eine Art «Brückentechnologie» in eine saubere Energiezukunft, sei längst widerlegt. Laut einer Studie der Organisation Banktrack könnte die Energiegewinnung aus dem aserbaidschanischen Erdgas sogar ähnlich klimaschädigend sein wie jene aus Kohle: Bei der Gasgewinnung und beim Transport durch den Southern Gas Corridor können grosse Mengen an Methan in die Umwelt gelangen. Der Treibhausgaseffekt von Methan ist 25-mal höher als jener von CO2.

Daniel Stern

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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