Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Geistige Enge, räumliche Leere

Unbehagen im kleinen Staat der grossen Banken: In seinem ungewöhnlichen Debütfilm «Dene wos guet geit» seziert Cyril Schäublin in strenger Ästhetik die Schweizer Lebensrealität.

Von Timo Posselt

Fragen wirft Cyril Schäublins Erstling «Dene wos guet geit» viele auf, vor allem über die digitale Entfremdung. Still: Outside the Box

In der ersten Einstellung dieses Spielfilms nimmt eine Juristin des Zürcher Obergerichts den Plot gleich vorweg, als sie zwei Freunden von einem aktuellen Fall erzählt: Eine Callcentermitarbeiterin achtet bei alten Leuten auf Zeichen von Demenz, sammelt deren Daten und gibt sich später als deren Enkelin aus, um ihnen Geld abzuschwindeln. Viel mehr geschieht dann eigentlich nicht in den folgenden 71 Minuten von Cyril Schäublins Erstling «Dene wos guet geit» – doch die Geschichte scheint sowieso nebensächlich in diesem Film, der wie eine Abfolge streng abgezirkelter Tableaux vivants daherkommt.

Die Fahnder, die der Enkeltrickbetrügerin auf der Spur sind, heissen Morf und Binggeli, aber von ihrer Ermittlung bekommen wir kaum etwas mit, weil die beiden vor allem über Versicherungspolicen und Angebote von Telekommunikationsfirmen reden. Auch sonst diktiert hier ständig irgendjemand Passwörter, Kundennummern und Mailadressen. Und über allem liegt oft eine diffuse Paranoia, weil für den Hauptbahnhof eine Bombendrohung eingegangen ist.

Regisseur Schäublin hat zur Recherche im Altersheim gearbeitet und mit Enkeltrickfahndern der Polizei gesprochen, wie er im Gespräch erzählt. Womöglich wirkt seine Abbildung des Alltäglichen gerade deshalb so eigentümlich absurd, weil der 33-Jährige sich darin so eng an der Wirklichkeit orientiert: «Hört man sich ein wenig um, sprechen Menschen in den Trams oft über ihre aktuellen Rechnungen oder Versicherungen. Und wir alle diktieren immer wieder dieselben Angaben zu unserer ‹Identität›, wenn wir mit der Bank telefonieren. Wir tauschen unsere Hotspots und deren Passwörter aus, wenn wir Internet brauchen.» Diese Codes, so Schäublin, seien fester Bestandteil unserer Sprache geworden. Sie durchdringen unseren Alltag.

Autotouren in die Vorstädte

So entfremdet wie unser Sprechen wirkt im Film auch der Bankenmoloch Zürich: Menschen erscheinen hier als atomisierte Zwerge zwischen Betonpfeilern, kahlen Wänden und Autobahnauffahrten. In den kontrastarmen Bildern von Kameramann Silvan Hillmann wirken selbst Parkanlagen abweisend. Ihre Drehorte haben Schäublin und Hillmann auf langen Autofahrten gefunden – in der Stadt, aber auch in den Vorstädten wie Glattbrugg, Schlieren oder Dietlikon. Und ganz egal, wie gut man Zürich zu kennen glaubt: So wie in diesem Film hat man die Stadt noch nie gesehen. Hillmann seziert in Nahaufnahmen unverwechselbare Profanitäten wie Fussgängerknöpfe und metallene Abfalleimer, die Kamera blickt oft wie eine Überwachungskamera auf die urbane Vereinzelung nieder, und sie bleibt immerzu so reglos wie das Gesicht der Betrügerin bei der Geldübergabe.

In dieser strengen Ästhetik zeigt sich ein ungehemmter Gestaltungswille, der auch schon Schäublins Kurzfilm «Lenny» von 2009 prägte. Nach der Premiere in Locarno lobte selbst das US-Branchenblatt «Variety» «Dene wos guet geit» als «kompromisslosen Erstling» und für seine «aussergewöhnliche Präzision». Dabei wird doch hierzulande gerne kritisiert, dass es radikale Visionen dieser Art oft bei den Förderstellen sehr schwer hätten, während konventionelle Projekte von den Kommissionen eher durchgewinkt würden. Umso erfreulicher, dass etwa das Bundesamt für Kultur und die Zürcher Filmstiftung den Mut hatten, einen so eigenwilligen Erstling wie «Dene wos guet geit» zu unterstützen. Schäublin sagt dazu, dass jeder Film ein gewisses Risiko berge: «Für viele Förderstellen ist es wichtig, dass diese Risiken in Form von kompakten Drehbüchern oder dank einer etablierten Produktionsfirma im Hintergrund so minim wie möglich gehalten werden.» Er selber glaube dagegen, dass eine offene Herangehensweise, wie bei seinem Film, zu mutigeren Entscheidungen führen könne.

Schäublin ist einst mit zwanzig Jahren nach China ausgewandert, um in Beijing Film zu studieren. Später absolvierte er die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin. Zu seinen wichtigsten Lehrern dort zählt er den philippinischen Regisseur Lav Diaz, Gewinner des Goldenen Löwen. Dieser habe stets dazu aufgefordert, sich nicht der Diktatur des Drehbuchs zu unterwerfen: Ein Film solle Fragen erzählen, nicht vorgefertigte Antworten präsentieren. Das will Schäublin auch in seinem nächsten Film versuchen, der von russischen und Schweizer Anarchisten in den jurassischen Uhrenfabriken des 19. Jahrhunderts handeln soll.

Die Fahne muss montiert werden

Fragen wirft «Dene wos guet geit» jetzt schon viele auf, vor allem über die digitale Entfremdung. Im Film kann die vermeintliche Enkelin ihr Geld schliesslich unbehelligt auf einer Privatbank deponieren. In deren Foyer geht ein Handwerker mit einer Schweizer Fahne durchs Bild: «Sorry, ich sött das do usse montiere.» Während es für die Callcentermitarbeiterin und Enkeltrickserin vom Verkaufen nicht weit zum Klauen ist, schliesst die Szene den Kreis zum Mani-Matter-Chanson, auf das der Film im Titel anspielt. Denn zur Selbstgefälligkeit des Schweizer Wohlstands gehört immer auch die nationale Symbolik – schliesslich muss für Aussenstehende stets klar sein, wem dieser ganze Reichtum gehört.

Jetzt im Kino.

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