Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

Ausweg aus dem Tierschutzdilemma

Von Bettina Dyttrich

Dass das Schweizer Parlament stundenlang über Kuhhörner diskutiert, hat schon oft für Erheiterung gesorgt – unter anderem bei WOZ-Kolumnist Stefan Gärtner. Doch so absurd ist die Sache nicht. Es geht um eine tierschutzrelevante Frage: Dürfen Menschen Nutztiere enthornen, nur weil es praktisch ist? Das Horn ist kein toter Knochen, sondern ein durchblutetes Organ, das wahrscheinlich die ausgeklügelte Verdauung der Wiederkäuer unterstützt. Vieles ist noch unklar, weil sich die agronomische Forschung der letzten 150 Jahre kaum für solche Fragen interessierte, sondern vor allem Wege suchte, die Erträge zu steigern. Klar ist, dass die Hörner für das Sozialverhalten eine Rolle spielen: für (gewaltlose) Drohgebärden und ungefährliche Kämpfe Kopf an Kopf.

Laufställe für Kühe mit Hörnern sind teurer, weil die Tiere mehr Platz brauchen, um sich auszuweichen – wenn Schwächere in die Enge getrieben werden, ist das Verletzungsrisiko (anders als auf der Weide) hoch. Die im März 2016 eingereichte Hornkuh-Initiative möchte darum einen Beitrag an TierhalterInnen, die ihren Kühen oder Ziegen die Hörner lassen, in der Verfassung verankern.

Die Vorlage geniesst grosse Sympathien, allerdings hat sie einen Schwachpunkt: Alle LandwirtInnen mit behornten Tieren bekämen Geld – sogar solche, die ihre Kühe das ganze Jahr angebunden im Stall halten. Das Tierschutzgesetz verlangt nur gerade neunzig Mal Auslauf pro Jahr, dazwischen dürfen die Tiere bis zu zwei Wochen ununterbrochen angebunden bleiben. Der Schweizer Tierschutz (STS) hat angekündigt, dass er die Initiative in dieser Form deshalb bekämpfe.

Doch nun kommt Bewegung in die Sache. Die Wirtschaftskommission des Nationalrats schlägt einen indirekten Gegenentwurf vor: Sie möchte den Hornbeitrag an das Tierwohlprogramm «Regelmässiger Auslauf im Freien» (Raus) koppeln. Über die Details sind sich Kommission und Initiativkomitee nicht einig. Hoffentlich werden sie es noch: Mit dem Gegenentwurf wäre sichergestellt, dass nur LandwirtInnen Hornbeiträge bekommen, die ihre Tiere auf die Weide und im Winter auf den Laufhof lassen. Damit wäre das Tierschutzdilemma gelöst.

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