Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Haben Kühe ein Recht auf Sex?

Rindviehspezialistin Anet Spengler weiss, wie man das Wohlbefinden einer Kuh beurteilt und worauf man bei der Haltung von Stieren achten muss. Warum Kühe Hörner brauchen, weiss sie nicht genau – aber sie hat eine Vermutung.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Anet Spengler auf dem zum FiBL gehörenden Bauernhof: «Ich dachte: Wenn ich mit den Bauern auf gleichem Niveau reden will, muss ich das lernen.»

WOZ: Frau Spengler, hatten Sie schon als Kind mit Kühen zu tun?
Anet Spengler: Nein. Erst nach der Matura. Ich wusste nicht, was ich studieren sollte, also ging ich bei zwei Bauern im Berner Jura arbeiten. Dort gefiel es mir gut – aber oft, wenn ich etwas fragte, bekam ich keine befriedigende Antwort. «Warum düngst du gerade so viel?» – «Das wird so empfohlen.» Als ich etwas über Biolandbau fragte, hiess es, das sei ein Holzweg. Ich dachte: Wenn ich mit den Bauern auf gleichem Niveau reden will, muss ich das lernen.

Also gingen Sie in die Lehre?
Nein, an die ETH. Ich merkte aber bald, dass ich mehr Praxis brauchte. Also unterbrach ich das Studium, arbeitete auf einem biodynamischen Hof im Waadtland und auf einem konventionellen im Jura. Später ging ich im Sommer so viel wie möglich z Alp. Nach dem Studium wollte ich einen Hof suchen, aber mein Mann konnte sich das Bauernleben nicht vorstellen. Also verzichtete ich darauf. Aber es war zuerst schwer.

Darum kauften Sie Schafe?
Ja. Jetzt habe ich schon seit 22 Jahren eine kleine Hobbylandwirtschaft in der Arlesheimer Bauzone.

Zurück zu den Kühen: Wie merkt man eigentlich, ob es einer Kuh gut geht?
Ein wichtiger Indikator ist das Normalverhalten. Man weiss ungefähr, wie viel eine Kuh fressen, liegen oder wiederkäuen sollte. Dazu kommen messbare Stressindikatoren, etwa die Herzschlagfrequenz oder die Ausweichdistanz. Wichtig ist auch, dass man mehrere Tiere anschaut. Denn das Befinden kann in der gleichen Herde im gleichen Stall total verschieden sein: Ein enger Laufstall ist für eine ranghohe Kuh nicht unbedingt ein Problem, für eine rangniedere schon. Wenn man sie eine Zeit lang beobachtet, merkt man oft: Die ist ständig auf Draht. Sie würde sich auch gern hinlegen und kauen, aber sie traut sich nicht.

Beim Bund ist eine Initiative hängig, die Tierhalter und Tierhalterinnen belohnen will, wenn sie Kühe oder Ziegen mit Hörnern halten. Wie finden Sie das?
Ich bin im Komitee, denn ich finde, wir müssen dem Horn jetzt Gewicht geben. Es geht nicht mehr lange, dann sind viele Rinderrassen genetisch hornlos gezüchtet. Es ist wichtig, dass es noch Kühe mit Hörnern gibt, falls man eines Tages entdeckt: Die Tiere brauchen sie doch.

In Biokreisen höre ich, die Hörner seien für die Verdauung wichtig, das klingt sehr wolkig.
Da gibt es grosse Forschungslücken. Etwas ist aber sehr auffällig: Wo das Futter karg und wenig nährstoffreich ist, leben eher Tiere mit langen Hörnern. Watussi-Rinder, Texas Longhorns oder Ungarische Steppenrinder tragen Riesenhörner. Wo viel gehaltreiches Gras wächst, sind die Hörner dagegen oft klein. Das weist darauf hin, dass an der Verdauungsthese etwas dran ist.

Oft wird enthornt, weil man Angst hat, dass sich Kühe im Laufstall gegenseitig verletzen. Was schränkt eine Kuh mehr ein, angebunden sein oder enthornt werden?
Das kann man so nicht beantworten. Einen Anbindestall finde ich nicht schlimm, wenn die Tiere jeden Tag rauskönnen, im Sommer auf die Weide, im Winter auf den Laufhof. Dann ist der Anbindestall für rangniedere Kühe sogar oft besser, weil sie mehr Ruhe haben. Aber die ganzjährige Anbindehaltung finde ich schlimmer als Enthornen, da können die Tiere vieles nie ausleben, was zu ihrem Verhaltensspektrum gehört. Die Minimalanforderungen des Tierschutzgesetzes schreiben heute dreissig Tage Auslauf im Winter, sechzig im Sommer vor. Das ist noch zu wenig, aber es ist ein Anfang.

Ein anderes Thema, das manchmal für Debatten sorgt, ist die künstliche Besamung. Würden Sie auf Ihrem Hof einen Stier halten?
Ja. Die Höfe, auf denen ich arbeitete, hielten Stiere, und es ging immer gut. Aber man muss Stiere genau beobachten: Wenn sie aufhören, die Menschen zu respektieren, muss man sie schlachten, sonst wird es gefährlich.

Stimmt es, dass viele Stiere im Alter böse werden?
Nein, die kritische Zeit ist zwischen zwei und vier Jahren, wenn sie ganz erwachsen werden. Auch ein ganz lieber Jungstier kann in dieser Zeit seinen Charakter ändern. Wenn er mit vier Jahren immer noch umgänglich ist, bleibt er es fast sicher. Ich empfehle allen, die mit Stieren anfangen wollen, mit jungen Tieren zu arbeiten. Ab etwa einem Jahr ist er zeugungsfähig, mit zwei kann man ihn schlachten oder weiterverkaufen. Das ist der sicherste Weg.

Hat eine Kuh ein Recht auf ein Sexualleben?
Ich finde schon. Nicht nur die Kuh, auch der Stier. Mir tun die Stiere in den Besamungsstationen leid, die nie eine Kuh sehen und zweimal in der Woche ein Böckli bespringen müssen. Und auch die Kühe: Der Besamer muss es schon sehr gut machen, damit es der Kuh nicht unangenehm ist. Häufig trippelt sie beim Besamen herum und ist gestresst. Aber sie lässt es halt mit sich machen … Wenn man dagegen beobachtet, wie ein Stier eine stierige Kuh auf der Weide umschwärmen kann, dann sieht man, dass das beiden gut gefällt.

Anet Spengler (53) ist Rindviehspezialistin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick AG und lebt in Arlesheim bei Basel – seit ihr Mann gestorben und ihre Tochter ausgezogen ist, wieder in einer Wohngemeinschaft.

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