Nr. 49/2021 vom 09.12.2021

Keine Würde ohne Auslauf

Nächste Woche diskutiert der Nationalrat erstmals über die Massentierhaltungsinitiative. Sie würde das Leben der Schweizer Nutztiere deutlich verbessern.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Regelmässig Auslauf im Freien: Bei einem Ja zur Massentierhaltungsinitiative hätten alle Nutztiere das Recht darauf – wie diese Milchkühe auf dem Hof Längimoos in Rüschlikon ZH.

Evolène, Herbst 2041. Nelson Rappaz hat lange gezögert: Soll er seine sieben wertvollen Eringer Kampfkühe wirklich auf die Weide lassen? Und riskieren, dass sie sich verletzen, vom Blitz getroffen werden – oder noch schlimmer: von missgünstigen Nachbar:innen geklaut? Aber irgendwann war er der Letzte im Tal, der seine Tiere nicht regelmässig rausliess. Dann der Letzte im Kanton, schliesslich im ganzen Land. Jetzt hat er genug von den Sticheleien in der Dorfbeiz. Als die Kühe stürmisch ihre neue Weide einweihen, dreht die Jugend begeistert Filmchen. Jetzt haben alle Nutztiere der Schweiz regelmässig Auslauf im Freien. Und das schon sechs Jahre vor Ablauf der Übergangsfrist, die die Massentierhaltungsinitiative (MTI) gesetzt hatte. Im Herbst 2022 war sie angenommen worden – inzwischen haben sich die Sitten gewandelt: Es gilt als unanständig, mehr als einmal in der Woche Fleisch zu essen. In der Schweiz leben weniger Nutztiere als vor zwanzig Jahren, vor allem viel weniger Schweine und Hühner.

Mitte-rechts blockiert

Zurück ins Jahr 2021: Nächste Woche debattiert der Nationalrat erstmals über die MTI. Deren simple Kernforderung: Die Tierhaltung soll den Biostandards entsprechen. Das heisst vor allem: regelmässiger Auslauf für alle Tiere gemäss dem schon bestehenden Bundesprogramm «Raus». Und die Höchsttierbestände pro Betrieb werden deutlich gesenkt – bei den Legehennen zum Beispiel von 18 000 auf 4000, wobei in einem Stall höchstens 2000 Hühner leben dürfen.

Nachdem im Juni ein maximal emotionaler agrarpolitischer Abstimmungskampf (über die beiden Pestizidinitiativen) zu Ende ging, droht nun schon der nächste. Dabei ist das Initiativkomitee der Landwirtschaft entgegengekommen: Eine Importklausel soll verhindern, dass Konsument:innen bei einem Ja auf Tierquälfleisch aus dem Ausland ausweichen. Die Initiative lässt die Anbindehaltung für Kühe weiterhin zu, wenn diese regelmässig Auslauf haben.* Und die sehr lange Übergangsfrist von 25 Jahren macht klar: Es geht hier um eine Weichenstellung für den Rest des Jahrhunderts – schafft es die Schweiz, ihren Konsum an tierischen Produkten so zu reduzieren, dass die verbliebenen Nutztiere in Würde leben können?

Aber Mitte-rechts blockiert. Die Wirtschaftskommission des Nationalrats lehnt die Initiative ab, genauso wie den weniger konkreten direkten Gegenentwurf des Bundesrats, der die Importe nicht regelt. Auch der Schweizer Bauernverband will keine Diskussion und entwirft schon Sujets für die Nein-Kampagne. Es gebe in der Schweiz gar keine Massentierhaltung, und die Tierschutzgesetzgebung sei heute schon die strengste der Welt, so häufig gehörte Argumente.

Die Schweiz steht tatsächlich nicht schlecht da: Die meisten Länder kennen gar keine Höchsttierbestände pro Betrieb. Fortschrittlich ist hierzulande auch die Begrenzung von Tiertransporten auf sechs Stunden Fahrzeit, und die Batteriehaltung von Hühnern ist schon seit 1981 verboten.

Das heisst aber noch lange nicht, dass alles zum Besten steht. Viele Fachleute für Tierhaltung betonen, Verbesserungen seien dringend nötig. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) befürwortet den Gegenentwurf. Dieser sei «fachlich notwendig und wirtschaftlich vertretbar», sagte GST-Geschäftsführer Daniel Gerber kürzlich an einer Medienkonferenz.

Die Schweiz als Pionierin?

Die Agronomin Anet Spengler, Wiederkäuerspezialistin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, ist für die MTI. «Die Würde eines Tiers wird dann respektiert, wenn es seine wichtigsten arttypischen Verhaltensweisen ausleben kann. Ohne Auslauf geht das nicht.» Die Tierarten hätten unterschiedliche Bedürfnisse, weil ihre Organe unterschiedlich spezialisiert seien: «Wiederkäuer können besonders gut Zellulose verdauen – also Grünfutter und nicht Getreide. Und als Huftiere sollten sie ausdauernd laufen können.» Auch Schweine bräuchten Bewegung: «Bei ihnen sind zudem Augen und Nase sehr gut ausgebildet. Sie wollen die Umgebung erkunden, wühlen, ihr Futter selber suchen.»

Hühner störe es nicht, in grossen Herden zu leben, wenn sie genug Platz hätten, darin kleine Gruppen zu bilden. «Bei den Hühnern ist in der Schweiz die Haltung das kleinere Problem als die Hochleistungszucht», sagt Spengler. «Viele Legehennen legen so viele Eier, dass sie nicht genügend Kalk für ihren eigenen Knochenaufbau haben, deshalb kommt es oft vor, dass ihnen das Brustbein bricht.»

Während schon über achtzig Prozent der Milch- und Mutterkühe mit dem Raus-Programm auf die Weide dürfen, sieht Spengler vor allem Handlungsbedarf bei Kälbern, Mastrindern und Schweinen: «Den Schweinen ist die Wahrnehmung so wichtig, dass sie bei Unterforderung Verhaltensstörungen entwickeln und im Stall in Metallstangen beissen.»

Die MTI sei eine grosse Chance, sagt Spengler: «Die Massentierhaltung ist eines der grössten Übel unserer Zivilisation: beim Tierwohl, bei der Umweltbelastung, bei der Lebensmittelqualität, den Arbeitsbedingungen.» Die Menschheit müsse dieses Übel wieder loswerden: «Gerade weil die Schweiz beim Tierschutz schon relativ gut dasteht, genug Geld hat und viele Leute sensibilisiert sind, kann sie vorangehen. Aber immer im Bewusstsein: Es geht nicht nur um uns, sondern um die ganze Welt.»

* Korrigendum vom 13. Dezember 2021: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion entsteht der Eindruck, die Importklausel lasse die Anbindehaltung weiterhin zu. Das ist falsch: Es ist die Initiative, welche die Anbindehaltung zulässt.

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