Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

Was bedeutet die Freiheit der Liebe?

Warum Puritanismus nicht dasselbe ist wie Prüderie. Und warum wir nicht geächtet werden sollten, wenn wir uns im Zeichen des Eros mal zum Affen machen.

Von Barbara Vinken

Der offene Brief der hundert Frauen, der am 10. Januar in der französischen Zeitung «Le Monde» abgedruckt wurde, ist ein erstaunliches Dokument. Geschrieben von fünf prominenten Autorinnen, Kuratorinnen, Journalistinnen, ist er von vielen prominenten Intellektuellen unterzeichnet: geistreiche Frauen mit Einfluss, Macht und Geld; Frauen mit Autorität. In den Genuss davon sind sie nicht als Ehefrauen oder Sextrophäen gekommen; das haben sie allein sich selbst zu verdanken. Starke Frauen, hätte das in der Renaissance geheissen. Das hätte man in manchen anderen europäischen Ländern oder den USA vielleicht auch noch hinbekommen.

Erstaunlich ist allerdings, dass diese Frauen auch fast alle ausgesprochen interessante, aussergewöhnliche erotische Profile haben. Sie sprechen nicht – oder jedenfalls nicht ausschliesslich – als Ehefrauen, Mütter, Vorzeigefrauen. Aber durchaus als Liebende oder, sagen wir, dem Eros Unterworfene und andere dem Eros Unterwerfende – jedenfalls nicht geschlechtsneutral. Und das wäre, scheint mir, in anderen europäischen Ländern und vor allen Dingen in den USA schlechterdings nicht vorstellbar. Die unterzeichnenden Frauen haben alle im Namen einer bizarren Neutralität keine Mimesis ans Männliche unternommen, sondern schreiben als Frauen. Und als Subjekte auch vom Genuss, Objekt des Begehrens zu werden.

Ausnahmsweise nicht Deneuve

Nehmen wir zur Abwechslung einmal nicht Catherine Deneuve, auf die sich die Weltpresse gestürzt hat, um dem Brief das berückend schöne Gesicht einer Diva zu geben, sondern Catherine Robbe-Grillet. Ja, die Ehefrau eines der berühmtesten Autoren des Nouveau Roman, dessen Namen sie trägt. Eine herausragend gebildete Dame mit grauem Dutt, Autorin raffinierter, erotischer Romane und praktizierende Domina, die auf S/M-Tagungen in schön gemeisseltem Französisch davon erzählt, wie sie Männer auf den Quais der Seine auspeitscht, die es geniessen, grell ausgeleuchtet von den Bateaux-mouches, den Ausflugsbooten auf der Seine, zum Spektakel für die TouristInnen zu werden.

«Vergewaltigung ist ein Verbrechen» lautet der erste Satz des offenen Briefes, der die #MeToo-Initiative oder, wie sie auf Französisch heisst, «Balance ton porc» (Verpfeif dein Schwein) ausdrücklich begrüsst. Der Brief sieht aber auch die Gefahr, dass eine Vereinseitigung dieses Diskurses – «Auch ich wurde Opfer sexueller Übergriffigkeit» – eine totalitäre Gesellschaft mit völliger Kontrolle durch Denk- und andere Verbote schaffen und zu einer «Durchjuristifizierung» des Privaten führen würde. Ein erneuter Vorstoss des Puritanismus, der Frauen letztlich im Namen des Patriarchats auf die Opferrolle reduziert; Zensur für die Kunst in einer Vermischung von Werk und Leben; Hexenjagd auf Männer; eine Art softe Lynchjustiz, bei der Männer Ruf und Arbeit verlieren, weil über sie das Urteil gesprochen ist, ohne dass sie sich wehren könnten.

Die Kunst der Galanterie nur unzulänglich zu beherrschen, grobschlächtig statt feinsinnig zu flirten, sei aber kein Verbrechen, sagt der Brief. Befürchtet wird ausserdem die naive Reduktion des Erotischen auf Konsensfähigkeit selbstbeherrschter und -bewusster, völlig vernünftiger Subjekte. Es wird daran erinnert, dass passive Hingabe erstaunlich viel Aktivität verlangt.

Keine sinnliche Verzückung

Ich möchte diesen Vorwurf des Puritanischen und die Angst vor einer totalitären, völlig kontrollierten Gesellschaft, in der es keine erotische Freiheit mehr gibt, einmal beim Wort nehmen. Oft wird dieser Vorwurf des Puritanischen fälschlicherweise als ein Angehen gegen Prüderie verstanden. Aber um Prüderie geht es dem Puritanismus nicht, der den Sex in der Ehe propagierte. Zielscheibe des offenen Briefes ist vielmehr, was man auch Pamela-Feminismus nennen könnte.

In Europa sei die Liebe frei gewesen, schrieb der Soziologie Werner Sombart einmal. Das heisst, sie war nicht an die Institution der Ehe gebunden. Der Puritanismus hat allerdings alles getan, um dieser Freiheit der Liebe ein Ende zu setzen. Der Reformator Johannes Calvin stützte seinen Schutz der Ehe als Institution auf Nachbarn, die Ehebrecher denunzierten. Plötzlich war die ganze Stadt voller Spione, die sittenstreng über die Einhaltung des sechsten Gebots wachten – und diejenigen, die das Verbot übertraten, bestraften. Die Gründungsschriften des Puritanismus stammen vom «Inner Light»-Puritaner Samuel Richardson, es waren die am meisten verkauften und erfolgreichsten Romane aller Zeiten: «Pamela» (1740) und «Clarissa» (1748). In ihnen wurde der Klassenkampf der Bourgeoisie gegen die Aristokratie hinter der Maske einer höheren Moral geführt.

«Clarissa» erzählt von einem unverführbaren Mädchen, dessen Unberührbarkeit noch die der Jungfrau und Gottesmutter Maria in den Schatten stellt. Über viele Hundert Seiten geht die Bürgerliche ihrem adeligen Verfolger Lovelace nicht in die kunstvoll ausgelegten Liebesstricke. Besessen leuchtet der Text ihren Körper auf Spuren eines Begehrens aus, nur um ihn von jeglicher erotischer Affizierung freizusprechen. Clarissa wird von ihrem gescheiterten und stümperhaften Verführer schliesslich betäubt, damit er sie vergewaltigen kann. An Clarissa geschieht dabei vorhersehbar nichts, keine erotische Entrückung, keine sinnliche Verzückung. Worauf der Adelige mit seiner Gewalttat aber eigentlich abzielte: In der männlichen Fantasie sind sie alle gleich. Sogar wenn sie als reine Engel erscheinen, sind sie de facto alle Nutten – eine wie die andere, ausnahmslos schwach im Fleisch.

Damals glaubte man noch, dass Frauen nur schwanger werden können, wenn sie beim Liebemachen auch kommen. Und selbstverständlich wird Clarissa nicht schwanger – ein weiterer Beweis ihrer unerreichbaren Unberührbarkeit. Dieses puritanische Szenario sieht die Liebe als ein Machtspiel: Sie behauptet, unverführbar zu sein, und zieht daraus ihren Reiz. Er will sich und der Welt immer wieder beweisen, dass alle Frauen eben doch nur Nutten sind.

In der Pamela-Variante wiederum ist es die Aufgabe der bürgerlichen Frau, den adeligen Verführer zu reformieren: aus einem erotischen Draufgänger einen treuen Ehemann, sorgenden Gatten und Vater zu machen. Die Liebe ist hier ganz entschieden nicht frei, sie ist keine Kunst und keine Himmelsmacht. Sie ist nur legitim, wenn an die Ehe gebunden, und nur in der Ehe darf das, was dann eben auch nicht mehr Eros, sondern stumpfsinnig Sex heisst, stattfinden.

Brüllen, Ohrfeigen, Tritte

Der #MeToo-Aufschrei zeigt, dass dieses Muster einer tiefen Liebes- und Erosverachtung immer noch durch die Köpfe spukt. Manche, ja viele Männer in Machtpositionen haben es offenbar nötig, junge Frauen reihenweise flachzulegen. Das liegt sicher nicht daran, dass sie sich vor Verlangen nach ihnen verzehren oder ihnen der Schwanz über den Kopf wächst, weil ihnen die Natur so kommt, sondern schlicht daran, dass sie ihr Vergnügen daraus ziehen, die Frauen zu demütigen: Alle gleich, alles Nutten. Sie reduzieren sie, wie gesagt, reihenweise auf das Weibchen gerade in dem Moment, wo diese Frauen genau wie sie zu werden drohen: selbstständig, erfolgreich nämlich, ihren Mann zu stehen. Und dann wären sie ja vielleicht selbst – o Horror – auch weiblich, Weibchen, und keine richtigen Männer mehr?

Umgekehrt neigen die Frauen dazu, immer zu hoffen, sie könnten durch die Unwiderstehlichkeit ihrer Reize wie Pamela die Männer reformieren und für sich gewinnen: aus Verführern Ehemänner machen und schliesslich Mister Universe heiraten – «Fifty Shades of Grey», ein modernes Aschenputtel. Im puritanischen Diskurs ist die Liebe nicht frei, sie ist an die Ehe gebunden. Der Eros wird radikal verworfen.

In Boccaccios Novellen gibt eine verheiratete Grossherzogin, der der König von Frankreich nachstellt, einen geistreichen Rat: Frauen sollten sich mächtigere Männer vom Hals halten und ihnen unter gar keinen Umständen erliegen. Männer hingegen sollten höhergestellten Frauen den Hof machen und sich um deren Gunst bemühen. In der Liebe verkehren sich die Machtverhältnisse, und das ist gut so. Vor allen Dingen deshalb, weil wir alle, dem Eros unterworfen, in seinen Klauen nicht mehr selbstbestimmt vernünftig auf Konsens setzen können, sondern mit der Gewalt unserer Abhängigkeiten, mit unseren eigenen Abgründen und den Abschüssigkeiten des Begehrens konfrontiert werden. Und das nicht dazu benutzen sollten, uns gegenseitig zu verdammen und zu denunzieren.

Irgendwie ist es erleichternd und befreiend, dass gegen diese Form eines letztlich vielleicht aufreizenden, aber völlig erosfreien Machtdiskurses ein anderer Diskurs zur Sprache kommt. Ein Diskurs, in dem wir alle der Gewalt des Eros unterworfen sind. Im Brief der hundert Frauen wird an die Galanterie erinnert, an die Liebe als Kunst, mit dieser Gewalt fantasievoll und zivilisiert umzugehen. Die Freiheit der Liebe bedeutet nicht, dass der Mächtige stumpfsinnig die Schwächeren vernutzen oder sie gar demütigen darf. Gegen solche Attacken soll man sich ganz entschieden wehren: Brüllen, Ohrfeigen, Tritte, alles erlaubt.

Die Freiheit der Liebe bedeutet auch, weder als Mann noch als Frau dafür geächtet zu werden, wenn wir in die Klauen des Eros geraten, der uns bekanntlich unterwirft und im schlimmsten Falle jeden von uns hin und wieder zum Affen macht.

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