Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Maria Theresia im Zauberwald

Von Lukas Foerster

Ganz langsam lichtet sich der undurchdringliche Schleier, der Maria Theresia von Paradis (1759–1824) umgibt. Die in früher Kindheit erblindete Klaviervirtuosin und Komponistin lernt wieder sehen, dank einer Kur beim Arzt, Wissenschaftler und Spiritisten Franz Anton Mesmer. Ob die sich anbahnende Genesung tatsächlich mit Magnetwellen und dem mysteriösen «Fluidum» des Mesmerismus zu tun hat, sei dahingestellt.

Barbara Albert («Nordrand») legt in ihrem Film «Licht» eine andere Erklärung nahe: Mesmer und seine Mitarbeiter sind einfach die einzigen Menschen, die der jungen Frau echte Zuwendung schenken, die – und sei es aus eigennützigen Motiven – bereit sind, sich in sie einzufühlen, ohne Vorbehalte und Vorurteile darüber, was sie als Tochter aus gutem Hause zu tun und zu lassen habe. Das ornamental ausgestattete, bunt tapezierte Anwesen des Arztes, wo weite Teile des Films spielen, erscheint wie eine Art Zauberwald, der der Hauptfigur immer neue Sensationen entbirgt.

Es geht in «Licht» nicht um eine medizinische Fallgeschichte und auch nicht um eine klassische Künstlerbiografie, sondern um einen Prozess der Bewusstwerdung. Das Tolle daran ist, dass Barbara Albert diese nicht als rein intellektuellen Prozess darstellt, sondern als etwas, an dem der ganze Leib und alle Sinnesorgane beteiligt sind. Der Reiz des Films verdankt sich denn auch zu einem grossen Teil der Hauptdarstellerin Maria Dragus, die Mademoiselle Paradis furchtlos und im vollen Wortsinn verkörpert. Besonders eindrücklich sind die Klavierszenen, da meint man, in Dragus’ Gesicht lesen zu können wie in einer Partitur. Eingebettet ist die Geschichte in ein dichtes Zeitbild, das in wunderschön fotografierten Dekors schwelgt (Kamera: Christine A. Maier) und die Aufmerksamkeit dabei auch auf die Klassengegensätze lenkt. Die sorgen dafür, dass nicht nur die Musikerin, sondern alle Figuren im Film blind sind für den allgegenwärtigen sozialen Druck, der Bewegungsspielräume einschränkt und jede aufkommende Zärtlichkeit brutal abwürgt.

In: Solothurn, Kino Canva, Fr, 26. Januar 2018, 21 Uhr. Ab 17. Februar 2018 im Stadtkino Basel.

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