Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Erfrischende Lebenskrisen

Katrin Barbens Spielfilm ist ein sehr persönliches Werk.

Von Sarah Stähli

Ein Beizer mit Burn-out, eine Künstlerin mit Schaffensblockade und eine Musikerin mit pathologischer Bühnenangst: Die Figuren im Episodenfilm «Hier und Jetzt» der Berner Regisseurin Katrin Barben stecken durchs Band in einer mehr oder minder schwerwiegenden Lebenskrise. Dass Barbens erster Langspielfilm nicht zum tranigen Seelenstrip verkommt, liegt vor allem an der unkonventionellen Herangehensweise und der Entstehungsgeschichte des Films: Alle Rollen sind mit Laien besetzt, anstatt SchauspielerInnen hat die Regisseurin kurzerhand ihre besten FreundInnen verpflichtet. Gemeinsam mit Katrin Barben entwickelten diese den Film in langjähriger Zusammenarbeit. Finanziert wurde der Low- bis No-Budget-Film zum grössten Teil mit Spenden, zu denen auf der Filmwebsite aufgerufen wurde – und dies lange bevor Crowdfunding zum guten Ton gehörte.

Über etliche grobe schauspielerische und andere Schwächen blickt man deshalb grosszügig hinweg, und auch den langsam etwas abgelutschten dramaturgischen Kniff, dass alle Figuren irgendwie miteinander verbunden sind und sich am Ende an einem rauschenden Fest um den Hals fallen, nimmt man in Kauf: In einer Kleinstadt wie Bern – «Bärn isch äs Dorf» sagt eine der Protagonistinnen an einer Stelle – ist dies für einmal tatsächlich glaubwürdig. Dargestellt werden die ProtagonistInnen von Annette Koenig, Tina Kohler und Andreas Schnegg. Besonders lebensnah wirkt dabei Kohler, die im wirklichen Leben als Musikerin und DJ arbeitet. Sie spielt die Musikerin Gibsi, die im Pyjama an neuen Sounds tüftelt. Als ihr Computer mit ihrem Lebenswerk abstürzt, steht Gibsi kurz vor einem Herzinfarkt und ist der festen Überzeugung, dass sowieso niemand ihr «Zeugs» hören will.

Alles in allem ist Barbens «Hier und Jetzt» ein furchtloses, wenn auch teilweise unausgegorenes Wagnis: erfrischend, persönlich und garantiert unverblümt.

«Hier und Jetzt». Regie: Katrin Barben, in: Solothurn, Kino Palace, Fr, 25. Januar 2013, 12 Uhr, und Kino Canva Blue, So, 27. Januar 2013, 17 Uhr sowie Kino Canva Club, So, 27. Januar 2013, 17.15 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch