Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Das kleine Gespenst

Alles andere als ein Poltergeist: Casey Affleck schlurft in «A Ghost Story» unter einem weissen Laken durch die Gegend. Fauler Spuk? Nein, ein betörender Film über Liebe und Trauer.

Von Florian Keller

Unerlöst: Casey Affleck als wandelndes Bettlaken im Film «A Ghost Story». Still: A24

Gibt es etwas Traurigeres als ein Gespenst, vor dem sich niemand fürchtet? Ja, das gibt es: ein Gespenst, das von niemandem beachtet wird, wie jetzt im Film «A Ghost Story». Wie bestellt und nicht abgeholt steht es da, verloren in einer Welt, die an Geister nicht mehr glaubt.

Dem Film selber ist es ganz ähnlich ergangen. Nach der Premiere vor einem Jahr in Sundance noch das Gespräch der Stunde, liess man ihn seither achtlos liegen wie einen traurigen Freak, zu speziell, zu merkwürdig fürs Kino. In der Schweiz hat sich jetzt das Kino Rex in Bern seiner erbarmt, und so muss man vorerst halt in die Hauptstadt fahren, um diesen wundersamen Spuk von US-Regisseur David Lowery auf der Leinwand zu sehen, wo er hingehört.

Dies ist kein Horrorfilm. Sondern ein Versuch über die Liebe, eine betörende Meditation über Verlust und Trauer. Die Hauptrolle spielt ein wandelndes weisses Leintuch: zwei runde Öffnungen nur, wo die Augen wären, und fertig ist das archetypische Gespenst wie aus dem Kinderzimmer. Ein bisschen unheimlich zwar, wie es wortlos einfach im Raum steht, blind aus diesen schwarzen Löchern glotzend – aber doch irgendwie auch drollig und herzerweichend in seiner Verlorenheit. Es ist nicht hier, um jemandem Angst zu machen, es sucht uns heim als Verkörperung der Trauer.

Kurz flackern die Lichter

Unter dem Laken steckt Casey Affleck. Obwohl, mit Sicherheit können wir das nicht sagen, man sieht nämlich nichts von ihm, und sein unverwechselbares heiseres Stimmchen fällt auch weg, weil das Gespenst nicht spricht. Wir sehen Affleck aber zu Beginn, als der Mann, den er spielt, noch am Leben ist: Er ist Musiker, mit seiner Freundin (Rooney Mara) lebt er in einem schlichten kleinen Haus. Sie werden bald ausziehen, weil sie es will, aber er hängt sehr an diesen Räumen. Eines Tages dann schwenkt die Kamera langsam vom Haus hinüber zur Strasse, da stehen, rauchend und ineinander verkeilt, zwei Autowracks. Ein Unfall, der Mann ist tot. Die Freundin trauert, der Tote aber erhebt sich unter seinem Laken. Unter wallendem Tuch schlurft er ihr hinterher, sieht ihr daheim beim Trauern zu, als stummer Zaungast eines Lebens, das früher sein eigenes war.

Dieses Gespenst ist das Gegenteil eines Poltergeists. Es poltert nicht und rüttelt nicht, meistens jedenfalls. Als die Freundin mal so weit ist, dass sie einen neuen Freund mit nach Hause bringt, geht die Eifersucht mit dem Geist durch, es flackern kurz die Lichter. Sonst aber steht er einfach da, schaut hilflos zu, als die Freundin die Leere stopfen will, indem sie, auf dem Küchenboden sitzend, einen ganzen Apfelkuchen vertilgt. Später wird irgendwann das Haus abgerissen, da verliert der Geist sein Obdach und irrt durch Raum und Zeit.

Gespenster sind ja unerlöste Wesen, die auf eine Klärung drängen, sie erzählen immer von einer Vergangenheit, die nicht bewältigt ist. Doch «A Ghost Story» interessiert sich nicht für die schaurigen Effekte, die wir gewöhnlich mit solchen Heimsuchungen verbinden. Hier ist es der filmische Blick selber, der gespenstisch ist: Der Geist sind immer auch wir selbst. Wie entrückt schauen wir auf die Welt der Lebenden und suchen eine Erlösung, die nicht zu haben ist. Oder ist sie vielleicht wenigstens in der geheimen Notiz aufgehoben, die die Freundin des Toten in einer Ritze hinterlässt, als sie aus dem traurigen Haus auszieht?

Traumwandlerische Einfachheit

Einmal wandelt das Gespenst durch eine Hausparty, und am Küchentisch sitzt Will Oldham, der als Spassbremse in endlosen Schlaufen über die Vergeblichkeit menschlichen Tuns referiert: Wenn Gott der Versuch des Menschen war, seine eigene Endlichkeit zu transzendieren, was machen wir, wenn wir gemerkt haben, dass der Himmel vakant ist? Und er hört auch dann nicht auf in seinem Palaver, als man längst begriffen hat, worauf er hinauswill.

Es ist ein vorsätzlicher Exkurs ins hochgestochene Geschwätz, der nur umso schöner die traumwandlerische Einfachheit konturiert, die von diesem Film ausgeht, in seinem schlichten Academyformat, das Bild abgerundet an den Ecken. Dabei war der traurige Spuk gar nicht so kinderleicht, wie es jetzt aussieht: Leintuch über den Kopf, und fertig ist das Gespenst? Von wegen. Statur, Faltenwurf, die runden Augenlöcher, die nicht verrutschen sollen: Das alles, so erzählt es Regisseur David Lowery, erforderte offenbar eine aufwendige Kostümmechanik, viel komplizierter als gedacht.

Aber ist dieser ganze melancholische Mummenschanz nicht zum Lachen? Schon auch. Doch dieses Lachen ist immer auch ein Ventil, wenn uns die Trauer zu ersticken droht. Wie in der Szene, als das Gespenst zum Nachbarhaus hinüberschaut und dort am Fenster ein anderes Gespenst erblickt, genau wie seinesgleichen, aber im geblümten Leintuch. Da finden sich zwei verlorene Seelen in stummer Übereinkunft, in einem Dialog ohne Worte, denn auch für solche Momente hat man schliesslich Untertitel im Kino. Und nach diesem Zwiegespräch die Erkenntnis: Gibt es etwas Traurigeres als ein Gespenst, das von niemandem beachtet wird? Ja, das gibt es: ein Gespenst, das auf jemanden wartet, aber sich nicht mehr erinnern kann, auf wen.

In Bern im Kino Rex, ab 1. März 2018 auch in Zürich im Kino Kosmos.