Nr. 12/2021 vom 25.03.2021

Wenn das Fieber um sich greift

Überleben allein ist nicht genug: Unsere Welt war noch eine andere, als Emily St. John Mandel und Ling Ma ihre Pandemieromane schrieben. Erkennen wir sie jetzt darin wieder?

Von Florian KellerMail an AutorIn

Endstation Shoppingcenter? Ling Mas Erstling «New York Ghost» ist weit mehr als ein postapokalyptischer Roadtrip. Foto: Anjali Pinto

Die ganze Bürowelt, sie ist doch eigentlich voller Geister: «Im Grunde sind das alles Hochleistungsschlafwandler.» So bekommt das ein Unternehmenscoach zu hören, als er eine Firma durchleuchten soll, um die Produktivität zu steigern. Der Mann lässt sich nichts anmerken, aber es kommen ihm fast die Tränen, denn in diesem Moment wird ihm klar: Er war zwar nicht mitgemeint, aber letztlich ist auch er nichts anderes als ein Bürogespenst. Wie ein Geist sucht er anderer Leute Arbeitsplätze heim, danach zieht er weiter, ein Hochleistungsschlafwandler im eigenen Leben.

Die Szene stammt aus Emily St. John Mandels Roman «Station Eleven» (2014), auf Deutsch unter dem Titel «Das Licht der letzten Tage» erschienen. Das kurze Gespräch über die Bürogeister der neoliberalen Arbeitswelt spielt noch in der alten Normalität, kurz vor Ausbruch einer Pandemie. In unheimlicher Vorwegnahme dessen, was uns inzwischen wirklich ereilt hat, breitet sich im Roman ein tödliches Grippevirus aus, aber in apokalyptisch beschleunigter Zuspitzung: Nur wenige Wochen später hat das Virus im Buch schon einen Grossteil der Menschheit dahingerafft – so schnell, dass dabei auch die gesamte zivilisatorische Infrastruktur zusammengebrochen ist.

Dabei interessiert sich die kanadische Autorin nicht so sehr für die Seuche und ihre Folgeschäden als dafür, was zwanzig Jahre danach sein könnte. Da suchen nun die wenigen, die die Katastrophe überlebt haben, in den Ruinen unserer Zivilisation nach neuen Formen des Zusammenlebens. Manche finden ihr Heil im Stammeskult eines endzeitlichen Sektenpredigers, andere richten ein Museum der verlorenen Zivilisation ein, wo sie Kreditkarten und weitere nutzlos gewordene Alltagsobjekte aufbewahren, als Fetische einer unwiederbringlichen Vergangenheit. Im Zentrum aber steht eine Theatertruppe, die durchs Land zieht, um mit ihren Aufführungen das kulturelle Erbe von einst (Shakespeare!) wachzuhalten. «Survival is insufficient» lautet ihr Credo, nach einem Satz aus «Star Trek». Überleben allein genügt nicht.

Vernunft trägt Maske

Der ewige Shakespeare als symbolisches Lagerfeuer, um das sich die dezimierte Restmenschheit andächtig versammeln kann? Solche hehren humanistischen Ideale sucht man bei der US-Chinesin Ling Ma vergebens, die vor rund drei Jahren in ihrem Romandebüt «Severance» gleichfalls ein Stück weit unsere pandemische Gegenwart antizipiert hat. Unter dem Titel «New York Ghost» ist ihr eigenwilliger Seuchenroman jetzt auf Deutsch erschienen, vom Verlag wird er als «Buch der Stunde» beworben.

Unsere Welt war noch eine andere, damals, als Ling Ma diesen Roman schrieb – jetzt erst erkennen wir sie darin wieder. Etwa, wenn die Ich-Erzählerin Candace erklärt, warum sie irgendwann nur noch mit Maske nach draussen ging. Das sei nicht in erster Linie eine Frage der Wirksamkeit, sondern der Kommunikation: «Es war ein visuelles Kürzel dafür, dass ich vollkommen bei Bewusstsein war, dass ich wusste, was vor sich ging.» Die Maske nicht so sehr als Talisman, sondern als Signal von Vernunft. (Wie ja umgekehrt heute auch die, die keine Maske tragen, damit vor allem kommunizieren – ein visuelles Kürzel dafür, dass sie sich das nicht vorschreiben lassen.)

Wie bei St. John Mandel gibt es auch in «New York Ghost» einen frömmlerischen Leitwolf, der nach der Pandemie mit ein paar Getreuen seine Kreise zieht und von der Geburt eines neuen Heilands träumt. Wenn er von der Seuche spricht, redet er von «göttlicher Auslese»; die Überlebenden, also nicht zuletzt sich selbst, sieht er als Auserwählte. Und weil sonst fast niemand mehr da ist, zieht nun auch Candace mit diesen Unentwegten durch die Gegend – in einem gespenstischen Amerika, das doch nicht ganz so menschenleer ist, wie es den Anschein hat. Wobei man sich fragen darf, ob die traurigen Gestalten, die hier an einem rätselhaften Fieber erkrankt sind, guten Gewissens noch menschlich genannt werden können.

Aus leeren Tellern essen

«Shen-Fieber» heisst die Krankheit, die hier von China aus über die Welt gekommen ist. Die «Fiebernden», wie sie im Buch genannt werden, sterben dann nicht gleich, sondern stecken erst mal geistlos in irgendwelchen alltäglichen Verrichtungen fest. Candace beschreibt das einmal ganz beiläufig, als sie einer abgemagerten Kleinfamilie durch ein Fenster beim Abendessen zusieht: In einer sinnentleerten Mimikry essen Eltern und Kind aus leeren Tellern, ehe die Mutter das blitzblanke Geschirr wegräumt und dann wieder auftischt, worauf alles von vorn losgeht – ein Loop, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Oder dann die Verkäuferin einer Boutique, die einfach sinnlos weiter pastellfarbene Poloshirts zusammenfaltet, obwohl ihr schon der Kiefer fehlt: Die ganz normal gespenstische Arbeitswelt, wie sie in «Das Licht der letzten Tage» beschrieben wurde, hat hier ihre zombiehafte Apotheose gefunden.

Die Kranken in «New York Ghost» sind nur noch Schatten ihrer selbst, Gespenster in ihrem eigenen Alltag. Als wären sie beim Schlafwandeln hängen geblieben, aber ohne Hoffnung, je wieder aufzuwachen. Die fiebrige Familie am Esstisch merkt dann auch nicht mal, dass Candace und ihre Schar gekommen sind, um das Haus zu plündern. Und danach: Gnadenschuss.

Klingt grausig, nach einer melancholisch abgemilderten Zombieapokalypse. Und tatsächlich: Die sichere «Anlage», zu der die Gruppe mit Candace geführt wird, um dort ein neues Leben anzufangen, erweist sich als leer stehendes Einkaufszentrum – die Shoppingmall als Safe Space für die letzten Menschen, wie einst in George A. Romeros Zombiefilm «Dawn of the Dead». Und wie so oft, wenn es um Untote geht, fragt man sich auch in diesem Roman laufend: Wer sind hier eigentlich die Unmenschen?

Doch dieser ganze postapokalyptische Roadtrip ist nur der eine Strang in «New York Ghost». Ling Ma bricht dieses etwas stereotype Setting auf, indem sie parallel dazu eine lakonische Satire auf die neoliberale Bürowelt in der Zeit vor der Pandemie entwirft. Da treffen wir Candace bei ihrem Brotjob in New York: Von ihren künstlerischen Ambitionen als Fotografin kann sie nicht leben, so arbeitet sie bei einer Firma, die für Verlage den Buchdruck koordiniert, in der vagen Hoffnung, dass sie dereinst auch mal hochwertige Kunstbücher betreuen darf. Ihr Büro ist nur eine Abstellkammer, dabei ist Candace für den alljährlichen Bestseller des Jahres zuständig: Bibeln, massgefertigt nach den absurdesten Sonderwünschen. Und weil dies hier die noch unverseuchte Welt des grenzenlosen Warenverkehrs ist, werden die Bibeln dort gedruckt, wo es am billigsten ist: in China, der alten Heimat von Candaces Eltern.

Autorin Ling Ma ist selber 1983 in China geboren, aufgewachsen ist sie in den USA, den Roman hat sie ihren Eltern gewidmet (die subalterne Arbeit im Verlagswesen wiederum kennt sie, seit sie mehrere Jahre als Faktencheckerin beim «Playboy» gearbeitet hat). Während des Studiums in Cornell habe man sie gedrängt, einen klassischen Migrationsroman zu schreiben, sagte sie in der «Chicago Tribune». Sie habe einen Erwartungsdruck gespürt, über ihr Anderssein zu schreiben, sich zu erklären: «Ich bin mehrheitlich im weissen Amerika aufgewachsen und wurde oft gefragt, wo ich herkomme. Ein Einwanderungsroman wäre eine Antwort auf diese Frage gewesen, und darauf hatte ich keine Lust.» Wie zum Trotz ist ihr Debüt nun beides geworden: ein autobiografisch gefärbter Roman, der zugleich aber die Erwartungen an migrantische Literatur listig aushebelt.

Religion ist ansteckend

Denn spätestens dann, als Candace im Buch an ihre Eltern zurückdenkt und an deren Bemühungen, im neuen Land Fuss zu fassen, wird «New York Ghost» als Geflecht fortwährender Übertragungen lesbar – nicht nur von Krankheiten. Auch der christliche Glauben ging einst auf Candaces Mutter über, als diese in Salt Lake City einer christlich-chinesischen Gemeinde beitrat – nicht etwa, weil sie religiös gewesen wäre, sondern weil die Kirche schlicht der einzige Ort war, wo sie in der Fremde ihresgleichen fand. Not wandelt sich in Religion, heisst es im Buch, und im Gebet als Christin konnte die Mutter sich ein eigenes amerikanisches Leben erfinden.

Dass Candace dann ausgerechnet in China die dorthin ausgelagerte Bibelproduktion überwachen muss, ist also auch die ironische Pointe einer migrantischen Biografie. Und die geistlose mechanische Arbeit, die von New York aus in die chinesischen Fabriken wegdelegiert wurde, überträgt sich mit dem Shen-Fieber dann gewissermassen zurück in das Land, für das die Bibeln bestimmt sind. So fügen sich in «New York Ghost» nach und nach die Motive dieser beiden scheinbar so disparaten Erzählwelten zusammen: die Zeit vor der Pandemie und die Zeit danach, die Absurditäten des globalen Kapitalismus einerseits – und andererseits, als deren schauerliche Spiegelung, die Fiebernden in ihren traurigen Endlosschleifen.

Als Hausgeist im Büro

Auch Emily St. John Mandel springt in «Das Licht der letzten Tage» zwischen den Zeiten hin und her, doch bei ihr steht das alles im Dienst einer durchkonstruierten Plotmechanik, in der jedes motivische Detail bis ins Letzte überdeutlich auserzählt wird. In seiner ausgeklügelten Komposition ist das durchaus bewundernswert, doch in «New York Ghost» öffnet sich der weitere Resonanzraum. Die Bibeln aus dem Billiglohnland und dann die biblische Seuche, die schattenhafte Existenz der chinesischen Eltern in ihrer neuen Heimat und dann die gespenstische Scheinexistenz der Fiebernden: Wie in einem Spiegelkabinett spuken die Motive durch diesen Roman.

Und der Geist im deutschen Titel? «New York Ghost» heisst der Fotoblog, den Candace betreibt und auf dem sie bald einmal als eine der Letzten, die bei Ausbruch der Pandemie in New York geblieben sind, fotografische Lebenszeichen aus der verlassenen Metropole postet. Da ist sie auch in ihrem Job gewissermassen zum Hausgeist geworden. In ihrem absurd gesteigerten Pflichtbewusstsein harrt Candace länger aus als alle anderen, schliesslich hat sie einen Arbeitsvertrag zu erfüllen. So geht sie bald als Einzige weiterhin täglich ins Büro – auch dann, als es dort längst nichts mehr zu tun gibt. Das Gespenst im Titel, das ist sie selbst.

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