Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Der globalisierte Sound aus der Wüste

Wenn Kinder des Internets eine Band gründen: Das texanische Trio Khruangbin fand einst über seine Begeisterung für Thai-Funk zusammen.

Von Timo Posselt

Klingen manchmal wie ein Tarantino-Soundtrack: Khruangbin. Foto: Mary Kang

Da rumort etwas im Hintergrund, als wir mit Khruangbin skypen. Sie sitzen im Backstagebereich eines Clubs in Bristol und können gerade an keinen stilleren Ort. Still ist es um die Band nicht mehr, seit dem kürzlich erschienenen Album «Con todo el mundo». Vom Geheimtipp sind Khruangbin inzwischen zu Lieblingen der digitalen Musikpresse geworden. Die Band, deren thailändischer Name grob übersetzt «Flugzeug» bedeutet, pfeift auf die Songstruktur von Strophe und Refrain und klingt manchmal wie ein Tarantino-Soundtrack. Laura Lee hält ihren Bass dubbig tief, Gitarrist Mark Speer verirrt sich mit seinen psychedelischen Riffs nur, um wieder zum Beat von Schlagzeuger Donald Johnson zurückzufinden. Der Beat ist das Zentrum, er hält jeden Song zusammen.

Taxifahrerfunk

«Con todo el mundo» ist fast ausschliesslich instrumental, Gesang ist nur manchmal leise im Hintergrund zu hören. War das Debüt «The Universe Smiles Upon You» noch stark vom Thai-Funk der sechziger und siebziger Jahre geprägt, hat die Band ihre musikalischen Importbeziehungen auf dem neuen Album hörbar nach Indien und in den Iran erweitert: In «Maria también» klettert die Gitarre orientalisch anmutende Tonleitern rauf und runter, in «Shades of Man» zirpt sie wie in einer Bollywoodballade. Die musikalische Offenheit von Khruangbin spürt man in jedem Song. Sie war es auch, die sie einst als Band zusammenbrachte.

Drummer Johnson und Gitarrist Speer lernten sich in einer Kirchenband in Texas kennen, Bassistin Laura Lee kam in einem Café mit Speer ins Gespräch: «Er schaute sich gerade eine Dokumentation über afghanische Musik an, das weckte mein Interesse», erzählt sie. Zur Bandgründung inspirierte sie dann die gemeinsame Begeisterung für thailändischen Funk und den Blog «Monrakplengthai» des Musiknerds Peter Doolan. Der in Bangkok lebende Doolan digitalisiert dort regelmässig thailändische Kassetten aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren – Einordnung und Hintergrundinformationen liefert er gleich mit.

Der sogenannte Thai-Funk entstand aus der traditionellen Molam-Musik, deren Klang durch die Bambusmundorgel Khaen und den scheppernden Sound der Laute Phin geprägt ist. Als US-Soldaten in den Siebzigern Rock, Soul und Funk in die Region brachten, fingen einheimische MusikerInnen an, einzelne Klänge und Riffs davon in ihre traditionellen Kompositionen zu integrieren. Es entstand ein eigenes, zusammengewürfeltes Genre. Was früher von Thailands Mittelschicht als Bauern- oder Taxifahrermusik verschrien war, feiert nun unter anderem dank zeitgenössischer Thai-Funk-Bands wie Paradise Bangkok und Khun Narin eine Renaissance.

Remix mit Respekt

Khruangbin wollen sich nicht als Konkurrenz zu diesen Bands verstehen. «Ich glaube, der Respekt ist gegenseitig. Sie wissen, dass wir nicht versuchen, eine Thai-Funk-Band zu sein», sagt Lee. «Eigentlich remixen wir diese Musik nur», schiebt Gitarrist Speer nach. Diesen Remixgedanken kann man als Versuch verstehen, Vorwürfen der kulturellen Aneignung mit postmoderner Unbeschwertheit den Wind aus den Segeln zu nehmen: «Wenn du einen Remix machst, denkst du auch nicht darüber nach, woher der Track kommt, du tust ihn mal rein», sagt Speer.

Wobei die Frage nach dem Ursprung bei einer so eigenwilligen Genrekreuzung wie Thai-Funk sowieso müssig wird. Was Khruangbin feiern, ist vielmehr das Internet als grosse Zugänglichkeitsmaschine, die Musik quer durch die Zeiten und über kulturelle Grenzen hinweg verfügbar macht. Die Globalisierung hat sich inzwischen auch im Bandalltag niedergeschlagen: Lee wohnt in London, die anderen beiden in Texas. Aufgestöberte Musik, Songskizzen und Riffs spielen sie einander via Skype vor, und auf diese Weise haben sie auch das neue Album vorbereitet. Erst für die Aufnahmen verbrachten sie dann eine Woche zusammen in einer Scheune von Speers Eltern. Bei bitterer Kälte und in Decken gehüllt, spielten sie in der texanischen Weite die Songs ein.

Zwischen den global verstreuten Bezugspunkten zeichnen Khruangbin auf dem neuen Album eigene musikalische Linien. «A Hymn» etwa ist ein dösiger Tagtraum und «Evan Finds the Third Room» die funkige Discomitmachnummer, die live bestimmt sehr gut ankommt. Als Kinder des Internets sind Khruangbin begeistert über jeden ungehörten Sound, den die digitalen Kanäle aus aller Welt zu ihnen spülen. So verstehen sie ihre Songs nicht als Aneignung ferner Quellen, sondern vielmehr als Hommagen an die Sounds aus dem globalen Hinterland. Alles bleibt dabei in Bewegung. Das sei es schliesslich, was Kultur ausmache, meint Speer: «Sie breitet sich aus.»

Khruangbin in Düdingen, Bad Bonn, Montag, 19. Februar 2018.

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