Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Weltschmerz als Lifestyleprodukt

Von Stephan Pörtner

Mit dem Weltschmerz war es so eine Sache. Trotz mehr als hinreichend begründeter Daseinsberechtigung hatte er einen langen Abstieg in der Beliebtheitsskala vorherrschender Emotionen hinter sich. Es haftete ihm der Makel des Zartbesaiteten, Hochsensiblen, ja Jammerlappigen an. Noch vor wenigen Jahrzehnten hoch im Kurs und von Jugendlichen mit langen schwarzen Mänteln und bleichen Gesichtern verehrt, fristete er nun ein Schattendasein, das nicht einmal den Namen Subkultur verdiente. Doch es dauerte nicht lange, bis ihn eine findige Werbeagentur entdeckte, digitalisierte, streamlinete und mit einer Pappnasigkeit ausstattete, die ihn zur perfekten Lifestyle-Emotion machte, mit der sich vortrefflich industriell hergestellte Individualisierungsprodukte verkaufen liessen.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Seine neue Gaunerkomödie «Die Bank-Räuber» wird aktuell mit Beat Schlatter in der Hauptrolle im Theater am Hechtplatz in Zürich aufgeführt. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» sowie «Mordgarten» sind im WOZ-Shop www.woz.ch/shop als Buch erhältlich.

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