Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Konkrete Berge sind besser

Bettina Dyttrich entkommt der virtuellen Realität trotzdem nicht

Von Bettina Dyttrich

Einmal stiess ich zufällig auf eine Onlinediskussion über Gamedesign. Die TeilnehmerInnen unterhielten sich begeistert über Gras. Nicht über Cannabis, sondern «normales» – besser gesagt normales virtuelles – Gras. Sie waren beeindruckt, wie echt das Gras in einem neuen Game aussah. Wie es sich im Wind bewegte, als wäre es lebendig.

Ironisch, dass sich gerade in einer Zeit, in der die Ökosysteme dieser Welt unter Druck sind wie noch nie, viele Leute in virtuelle Ökosysteme verabschieden. Vielleicht ist das ja gut für ihre Psyche: Wenn sie die aussterbenden Lebewesen da draussen nicht kennen, werden sie sie auch nicht vermissen. Andererseits laufen sie Gefahr zu glauben, das Verlorene lasse sich so leicht nachdesignen wie ein Computerspiel.

Computer sind spannend – was Menschen mit ihnen machen, was sie mit Menschen machen. Allerdings finde ich die virtuellen Netzwerke dann doch nie ganz so faszinierend wie die noch viel komplexeren lebendigen – etwa die Wurzelpilznetze in einem Waldboden oder Bakterien, an denen sich Evolution im Eiltempo studieren lässt. Und ein Bedürfnis nach virtuellen Welten hatte ich nie. Neben konkreten Bergen mit konkretem Wetter und lebendigen Pflanzen und Tieren ist virtuelle Realität ein trauriger Abklatsch: Riecht nicht, schmeckt nicht, wärmt nicht, macht nicht nass.

Und wie so manche, die dreidimensionale Berge bevorzugen, dachte ich lange, ich könne mich aus den unangenehmen Seiten des Internets einfach raushalten: Ich benutze alternative Suchmaschinen und bin nicht auf Facebook, also manipulieren mich Google und Facebook nicht. Spät erkannte ich, dass das eine Illusion ist. Wenn zwei Konzerne mehr Macht haben als die meisten Staaten der Welt, wenn Facebook mitentscheidet, wie Wahlen ausgehen, und ich mangels Alternativen fast gezwungen bin, unterwegs mobil zu telefonieren, dann betrifft mich das, auch wenn ich selbst versuche, ausser Texten möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.

Es sollte zu denken geben, dass gerade die Techfreaks, die sich etwa im Chaos Computer Club organisieren und alles andere als TechnikpessimistInnen sind, heute mit drastischen Worten vor den Gefahren von Big Data für die Demokratie warnen. Das Internet sei ein panoptisches Gefängnis geworden, sagte etwa Christian Grothoff, Informatikdozent an der Berner Fachhochschule in Biel, im Januar an einer Tagung ebendort.

Das Internet sei «broken», kaputt, dieser Satz ist oft zu hören. Die Techfreaks plädieren dafür, es neu zu bauen: dezentral, überwachungssicher, unkommerziell. Ein solcher Versuch, gestartet von Christian Grothoff, ist GNUnet. Viele solche Initiativen haben zum Ziel, dass NutzerInnen keine Cracks mehr sein müssen, um sich online sicher zu bewegen. Ein guter Plan – aber geht das neben den riesigen Monopolisten überhaupt noch? Haben Alternativen eine Chance, mehr als eine Nische zu werden?

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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