Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Die falsche Trennung von Mensch und Natur

Es gibt keine Individuen, alle Lebewesen sind miteinander verwoben und verstrickt: Ausgehend von aktueller Forschung porträtiert der US-amerikanische Biologe David G. Haskell Bäume und ihre Beziehungen.

Von Bettina Dyttrich

Leben ist ein Geflecht von Beziehungen: Kapokbaum im ­ecuadorianischen Regenwald. Foto: Alamy

Bei einer Autobahn, einem Kanal oder einer Skipiste ist die Sache klar. Doch nicht immer ist so leicht zu erkennen, ob eine Landschaft von Menschen verändert wurde oder nicht. Lichte Lärchenwälder in den Alpen, in denen Gras und Blumen wachsen, sehen überhaupt nicht «künstlich» aus – und sind es doch: BäuerInnen haben den Baumbestand jahrhundertelang locker gehalten und andere Baumarten entfernt, um die Vorteile von Wald und Weide gleichzeitig zu haben. Auf der Alpe Veglia im Piemont, gleich hinter der Schweizer Grenze, hat man im Auftrag des regionalen Naturparks darum begonnen, Fichten zwischen die Lärchen zu pflanzen. So soll der ursprüngliche Zustand, ein weniger heller Lärchen-Fichten-Mischwald, wiederhergestellt werden.

Auch im Tessiner Bleniotal wachsen Lärchen. Dort zeigte mir ein Angestellter des Nationalparkprojekts Parc Adula, das 2016 an der Urne scheiterte, begeistert einen Lärchenwald, in dem man die vereinzelten Fichten gerade gefällt hatte – mit dem Ziel, den lichten Lärchenwald als traditionelle Kulturlandschaft zu fördern.

Natur schützen? Welche Natur?

Beide, die Verantwortlichen des italienischen Naturparks und des gescheiterten Schweizer Nationalparks, waren überzeugt, etwas für den Naturschutz zu tun. Aber für welchen Naturschutz? Geht es um den Schutz eines Urzustands ohne menschlichen Einfluss, der «Wildnis»? Oder um den Schutz von Landschaften, die auch und gerade wegen der landwirtschaftlichen Nutzung artenreich sind? Diese Kontroverse prägt die Naturschutzbewegung seit ihren Anfängen, und geografisch lassen sich die beiden Positionen recht klar zuordnen: Die Begeisterung für «Wildnis» begann in Nordamerika – weil die EroberInnen nicht verstanden, dass sie es mit indianischen Kulturlandschaften zu tun hatten. Bis heute ist die nordamerikanische Umweltdiskussion viel stärker von Wildnisideen geprägt als die europäische.

Einer stemmt sich allerdings dagegen: der US-amerikanische Biologe David G. Haskell. «Wenn wir glauben, dass die Natur das Andere ist, ein angeblich reines Gefilde, von unnatürlichen menschlichen Spuren unbefleckt, verleugnen wir unser eigenes wildes Wesen», schreibt er in seinem neuen Buch «Der Gesang der Bäume».

Darin porträtiert er individuelle Bäume und erforscht ihre Beziehungen zur Welt, die sie umgibt: zu Vögeln, Insekten, Bakterien, Bodenpilzen, Feuer, dem Meer – und zu Menschen, denn er schreibt auch über eine Pappel in einem Park in Denver, eine Wildbirne an einer New Yorker Kreuzung, einen Olivenbaum in Jerusalem und einen von Indigenas verehrten Kapokbaum im Regenwald von Ecuador.

Haskell lehnt die Dualität von Mensch und Natur nicht nur ab, weil sie ihm unsympathisch ist: Sie sei auch «aus biologischer Sicht eine Illusion». Leben sei ein Beziehungsgeflecht, in dem sich die Einzelnen nicht voneinander trennen liessen. Der Biologe zeigt das an vielen eindrücklichen Beispielen. Und auch wenn das manchmal mystisch klingt, esoterisch ist es nie: Haskell stützt sich auf aktuelle Forschung, die Quellen kann man in den Endnoten nachlesen. Vielen Beziehungen, etwa dem Ausmass der komplexen gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Bäumen und Pilzen, kamen ForscherInnen erst in den letzten Jahren auf die Spur.

Relativismus ist keine Lösung

Doch was sind die Konsequenzen dieser Ablehnung der Dualität? Die Beurteilung der Umweltzerstörung hängt immer auch von der Frage ab, welche Rolle man den Menschen im Ökosystem gibt. Es ist leicht, sie angesichts von ökologischen Desastern wie der Klimaerwärmung als Feinde «der Natur» zu sehen, als invasive Art, wie manche UmweltschützerInnen sagen. Wer diese Sichtweise nicht teilt, steht vor anderen Widersprüchen, landet unter Umständen beim totalen Relativismus: Okay, Menschen sind ein Teil der Natur, also ist auch die Zerstörung der Welt natürlich, was solls. Haskell vermeidet auch diese Sackgasse. Stattdessen kommt er zum Schluss: «Wenn wir wach und aufmerksam an den Prozessen des Lebensnetzwerks teilnehmen, dann achten wir darauf, was kohärent und was zerstörerisch ist.»

Wach und aufmerksam ist der Autor auch, wenn es um gesellschaftliche Machtbeziehungen geht. Zu den spannendsten Teilen des Buchs gehören seine Beobachtungen über den Rassismus der US-amerikanischen Naturschutzpioniere oder den Outdoorsport, der (nicht nur) in den USA bis heute eine Angelegenheit der weissen Mittelschicht ist. Ausflüge in wilde Landschaften sind ein Privileg, das nicht alle geniessen können, nicht nur aus finanziellen Gründen: «Das Draussen (…) erinnert auch an alte und aktuelle Bedrohungen und Gewalt», etwa Lynchmorde an Schwarzen.

Wie sich das nichtdualistische Denken praktisch umsetzen liesse – in einer Konsumgesellschaft, in der viele Alltagshandlungen auf der anderen Seite der Welt zerstörerische Auswirkungen haben –, darauf geht Haskell nicht näher ein. Doch als Denkanstoss zur Frage, in welche Richtung Umweltschutzpolitik gehen sollte, ist das Buch hilfreich. In einem Gespräch mit der «Zeit» fasste es der Autor kürzlich gut zusammen: «Die Ethik, die wir brauchen, erreichen wir nicht, indem wir uns als Aliens auf diesem Planeten begreifen.»

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