Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Beim letzten Mal traf es die Dinos

Weltweit sterben Arten in alarmierendem Tempo aus. Darauf braucht es politische Antworten – und eine Allianz mit der Klimabewegung.

Von Bettina Dyttrich

Am 6. und 7. Juni hat der Weltbiodiversitätsrat nach Bern eingeladen und einen neuen Bericht über Biodiversität und Ökosystemleistungen in Europa und Zentralasien vorgestellt. «Wir erleben einen massiven Biodiversitätsrückgang in dieser ganzen Weltregion», sagt der Pflanzenökologe Markus Fischer, Hauptautor des Berichts.

Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) ist 2012 nach dem Vorbild des Weltklimarats (IPCC) gegründet worden. Mit dem Unterschied, dass der Biodiversitätsverlust weit weniger Aufmerksamkeit bekommt als das Klima. Auf den Alltag der meisten Menschen scheint er noch keinen spürbaren Einfluss zu haben.

Vom Tiger bis zum Hausgarten

Biodiversität wird oft mit Artenvielfalt gleichgesetzt, aber das greift zu kurz: Zur Biodiversität gehören auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Lebensräume. Es geht also nicht nur um Tiger, Monarchfalter, Edelweiss und Fliegenpilz, sondern auch um ganze Korallenriffe, Regenwälder, Hausgärten und die vielen Nutzpflanzensorten und Nutztierrassen, die durch Züchtung aus wenigen Arten entstanden sind. Bei wilden wie auch bei gezüchteten Lebewesen nimmt die Vielfalt rapide ab. Manche sprechen bereits vom sechsten grossen Massenaussterben der Erdgeschichte. Bisher fünfmal wurde die Erde so lebensfeindlich, dass ein Grossteil der Arten ausstarb – wegen extremer Hitze und toxischen chemischen Reaktionen oder extremer Kälte. Beim fünften grossen Aussterbeereignis vor 66 Millionen Jahren, das den Dinosauriern den Garaus machte, schlug ein Asteroid auf der mexikanischen Halbinsel Yucatàn ein und schleuderte Unmengen Staub in die Atmosphäre, der dann eine Kältewelle auslöste.

«Das sechste Sterben» heisst das anschaulichste bisher geschriebene Buch über die Bedrohung der Biodiversität. Die US-Journalistin Elizabeth Kolbert besucht Amphibienspezialisten in Panama, denen die Frösche wegsterben – befallen von einem Hautpilz aus Afrika. Sie schnorchelt in Italien, wo Forscherinnen untersuchen, was mit den Meerestieren geschieht, wenn das Wasser wegen des CO2 in der Luft immer saurer wird. Sie begleitet Biologen in den peruanischen Bergwald, wo sich die Baumarten nicht schnell genug an die Erwärmung anpassen können. Dann beginnen in ihrer Heimat im Nordosten der USA die Fledermäuse zu sterben – ebenfalls ein eingeschleppter Pilz. Das Buch erzählt eine Horrorgeschichte nach der anderen, ist aber so spannend und klug geschrieben, dass es sich kaum weglegen lässt.

Was tun? Viele NaturschützerInnen betonen den Nutzen der Biodiversität für die Menschen, die «Ökosystemleistungen»: Wilde Insekten leisten einen wichtigen Beitrag bei der Bestäubung von Nutzpflanzen, Böden mit einer vielfältigen Fauna filtern Schadstoffe besser, abwechslungsreiche Landschaften tun der Psyche gut. Und wer weiss, wie viele unentdeckte Heilpflanzen in den tropischen Regenwäldern wachsen? «Der Verlust der Biodiversität kann Ökosysteme destabilisieren, Epidemien auslösen, die Produktion von Nahrungsmitteln beeinträchtigen und den Schutz vor Naturkatastrophen vermindern», sagte Uno-Mitarbeiterin Cristina Romanelli 2016 an der jährlichen Berner Naturschutzbiologietagung.

Zu betonen, wie sehr die Menschen von der Biodiversität abhängen, ist sicher sinnvoll. Anders sieht es aus, wenn man versucht, sie in Geldwerten zu fassen, wie es etwa das globale Projekt TEEB (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) tut. Manche halten solche Rechnungen, die zu imposanten Beträgen von Billionen Dollar kommen, für ein überzeugendes Argument. Doch sie sind einfach nur absurd: In Kosten-Nutzen-Rechnungen werden Profite gegen Umweltzerstörung abgewogen, und man rechnet aus, wie viel die «Dienstleistungen» der Ökosysteme kosten würden, wenn man sie technisch ersetzen müsste – als wäre so etwas jemals möglich. Der Ökonom Clive Spash kritisiert das Ganze als «Kopie oder eher Parodie eines verengten ökonomischen Diskurses».

Schutzgebiete reichen nicht

Braucht es einfach mehr Schutzgebiete? Ja, es braucht mehr Zonen, in denen Wildtiere ihre Ruhe haben, Bäche frei fliessen und Bäume wirklich alt werden können. Aber Schutzgebiete genügen nicht. Zwei der grössten Bedrohungen der Biodiversität, die Klimaerwärmung und die Überdüngung der Ökosysteme, machen nicht an Reservatsgrenzen halt. Auch invasive Pilzkrankheiten und Tierarten lassen sich damit nicht aufhalten. Dazu kommt: Schutzgebiete zementieren die mentale Trennung zwischen Mensch und Natur – da wird geschützt, dort wird zerstört. Sie lassen vergessen, dass die menschliche Nutzung bis zur Industrialisierung viel zur Biodiversität beigetragen hat (vgl. «Jedem Käfer einen Götti»).

Darum sieht zum Beispiel der Alpenspezialist Werner Bätzing die Forderung nach «Wildnis» kritisch: «Die alpinen Kulturen der Vergangenheit zeigen: Es ist möglich, die Natur zu nutzen und zu verändern, ohne sie zu zerstören», sagt er. Doch eine solche Nutzung ist selten geworden. Das betont auch der IPBES-Bericht: «Die Aufgabe der traditionellen Landnutzung hat zu einem Rückgang von halbnatürlichen Lebensräumen von hohem Naturschutzwert geführt.» Die von fossilen Energieträgern abhängige Wirtschaft ist keine Nutzung mehr, sondern nur noch Verbrauch. Auch die industrielle Landwirtschaft verbraucht Boden, statt ihn zu erhalten.

«Wir forcieren sehr einseitig die Nahrungsproduktion, sie hat in Europa und Zentralasien stark zugenommen», sagt Markus Fischer. «Doch alle anderen Ökosystemleistungen, von der Bodenbildung über die Klimaregulation und die Wasserreinigung bis zur Bestäubung, funktionieren schlechter.» Dies erfordere mehr Kohärenz in der Politik: «In der EU gibt es etwa grosse Widersprüche zwischen der Agrar- und der Umweltpolitik.»

Doch trotz aller heutigen Schäden: Richtig organisiert kann die Landwirtschaft unabhängig vom Erdöl funktionieren und die Biodiversität fördern, also ein Teil der Lösung sein. Die Autoindustrie kann das nicht.

Seit einigen Jahren sind viele KlimaforscherInnen so besorgt, dass sie sich zunehmend politisch, teils radikal äussern. BiodiversitätsforscherInnen tun das noch kaum. Doch Biodiversität und Klima sind vom Gleichen bedroht: von einer Wirtschaftsweise, die das Leben auf der Erde gefährdet – irgendwann auch das menschliche.

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