Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

An der Brust der Stillmission

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

2015 sponserte die Familienstiftung Larsson-Rosenquist aus Zug die Universität Zürich mit zwanzig Millionen Franken – auf dass sie an der medizinischen Fakultät einen Lehrstuhl für Muttermilchforschung einrichte. «Da ist der Alma Mater ja die Milch eingeschossen!», kalauerte die WOZ damals. Was die Uni Zürich letzte Woche verkündete, kann nur folgerichtig genannt werden: Die Stiftung legt zehn Millionen nach, um die Langzeitwirkung des Stillens erforschen zu lassen. Diesmal soll der Lehrstuhl an der Ökonomischen Fakultät angesiedelt werden.

Auch das ist kein Zufall. Mitinitiator des Stilllehrstuhls ist der wissenschaftliche Hansdampf in allen Gassen Ernst Fehr – jener Ökonomieprofessor, der schon für die hundert Millionen der UBS-Stiftung weibelte, die 2012 zum umstrittenen UBS-Center an der Uni Zürich führten. Nach der Grossbank wirft sich die Ökonomische Fakultät nun also auch einer Vertreterin der «Stillmission» an die Brust. Oder wie würden Sie eine Stiftung bezeichnen, die einen «globalen Aktionsplan für Muttermilch und Stillen» verfolgt und hinter der ein Unternehmen steht (die Firma Medela aus Baar), das weltweit Milchpumpen und Stillzubehör verkauft?

Unirektor Michael Hengartner sieht die Unabhängigkeit der Forschung deswegen nicht in Gefahr. Ein bisschen wundert das einen schon. Vor allem angesichts der Forschungsfragen, die Ernst Fehr besonders interessieren, zum Beispiel, «ob ein Kind später eine emotional gefestigtere Persönlichkeit entwickle, wenn es übers Stillen früh eine enge emotionale Bindung zur Mutter erlebt habe», wie ihn der «Tages-Anzeiger» zitiert. Hat der Verhaltensökonom Fehr da eben die tautologische Thesenforschung erfunden?

Ambivalente Gefühle jedenfalls lässt die Uni nicht aufkommen: Bereits auf das kommende Wintersemester 2018/19 hin soll der neue Lehrstuhl besetzt werden. Sie verdrängt damit erfolgreich die Schmach des nach wie vor vakanten Lehrstuhls für Muttermilchforschung.

Als «Stillmission» wird üblicherweise eine Glaubensgemeinschaft aus Stillberaterinnen, Stiftungen und Firmen bezeichnet, die für das Stillen lobbyieren und das Nichtstillen fast als Kindesmisshandlung begreifen.

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