Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

War da was?

Etrit Hasler hat die Olympischen Winterspiele verpasst

Von Etrit Hasler

Und plötzlich war es vorbei. Ich wachte eines Morgens auf, ohne mir Weiteres dabei zu denken, aber als ich einen Blick in die Zeitung warf, stellte ich fest, dass ich die gesamten Olympischen Spiele im südkoreanischen Pyeongchang verpasst hatte.

Von achtzehn Wettkampftagen hatte ich sage und schreibe keine einzige Sekunde Berichterstattung gesehen, keinen Artikel durchgelesen – ja nicht einmal eine Schlagzeile hatte es in meine Social-Media-Filter-Bubble geschafft.

Ich war ein bisschen schockiert. Hatte ich die Spiele boykottiert, und wenn ja, wieso? Ich erinnerte mich vage daran, mir in der ersten Woche einmal vorgenommen zu haben, dann schon einmal noch ein Spiel der beiden Schweizer Eishockeyteams anzusehen. Oder ein Skirennen, einerseits aus nostalgischen Gründen und andererseits, um mir endlich einmal diese Mikaela Shiffrin anzusehen, von der im Vorfeld alles so geschwärmt hatte.

Zugegeben – ich fand Winterspiele schon immer die komischeren Spiele, weil sie lange als letzte Domäne weisser Männer im Sport hatten herhalten müssen und wahrscheinlich ohne den Kalten Krieg irgendwann in den sechziger Jahren in der Bedeutungslosigkeit verschwunden wären. Und zugegeben, das Hinzufügen so esoterischer Disziplinen wie Freestyle-Skiing oder Boardercross hat meiner Begeisterungsfähigkeit über die Jahre nicht gerade geholfen.

Doch daran allein konnte es nicht gelegen haben. War ich medienabstinent gewesen, ohne es gemerkt zu haben? Beim Durchwühlen meines Altpapiers stellte ich fest, dass ich über den olympischen Zeitraum anscheinend nicht einmal mehr irgendwo eine jener hirnbetäubenden Gratiszeitungen mitgenommen hatte, um das Sudoku zu lösen, was sonst durchaus vorkommen kann. Und natürlich stimmte es auch, dass ich schon seit Jahren kein Fernsehen mehr zu Hause schaue (jetzt, wo die Abstimmung durch ist, darf ich das ja endlich wieder sagen).

Und da traf es mich plötzlich wie ein Blitz: Die Olympischen Spiele waren bisher immer die Phase gewesen, in der ich mich in Bars und Cafés gepflanzt und dort die Wettkämpfe nebenbei mitkonsumiert hatte. Ich erinnerte mich sogar plötzlich, dass ich auf der Facebook-Seite eines Freundes gesehen hatte, wie dieser sich über das «dümmste Argument für No Billag» lustig gemacht hatte, nämlich über den Kommentar eines ansonsten unbekannten Nutzers, der sich darüber enerviert hatte, dass die SRG inzwischen so wenig für den Service public tue, dass sie die Übertragung von Olympia nur noch in den Nachtstunden zeige.

Doch alleine an der Zeitverschiebung konnte es nicht gelegen haben, oder? Da fiel es mir plötzlich auf: Die Fernseher in den Bars waren ausgestorben. Abgesehen von den paar Pubs, in denen ich verkehre, um ein paar Pfeile Darts zu werfen, gab es in all den Bars und Cafés keine TV-Geräte mehr – und als logische Konsequenz daraus keine olympische Begleitberieselung. Und in den Pubs lief zwar immer noch Sport, aber die Britinnen und Iren interessierten sich noch nie für Winterspiele – kein Wunder, bei insgesamt 63 AthletInnen aus diesen Ländern bei einem Teilnehmerfeld von knapp 1900.

Wie ich nachlesen konnte, schloss der koreanische OK-Chef Lee Hee Beom mit den Worten: «Parting is such sweet sorrow» – Welch süsse Trauer ist der Abschied. Doch anders als beim grossen Barden und seinem Romeo gibt es in der Realität eben auch den anderen Abschied – jenen, den man salopp auch den Abschied à la Batman nennt: ein Verschwinden, ohne dass es irgendjemand wirklich bemerkt hat. Das Verschlucktwerden von einem schwarzen Loch der Bedeutungslosigkeit.

Ob dieser Abschied nur die Fernseher aus den Cafés betrifft oder ob er eines Tages die ganzen Olympischen Winterspiele betreffen wird, bleibt abzuwarten.

Etrit Hasler hat diesen Winter zum ersten Mal seit 22 Jahren ein Wochenende auf Skiern verbracht. Man kann ihm also nicht unterstellen, dass er etwas gegen Wintersport hätte.