Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Bye-bye, Olympiadings

Etrit Hasler über Beleidigungen und AmateurInnen.

So. Ist das ganze Geschiss also wieder vorbei. Wurde auch Zeit – ich geniesse zwar Fernsehen als Begleitmedium, so wie andere das Radio bei der Arbeit, aber irgendwann ist auch bei mir das erträgliche Mass an Sport erreicht. Dabei hilft es nicht unbedingt, dass die marxsche These vom Warenfetisch während Olympischer Spiele keines weiteren Beweises bedarf – der Wahn, in den die Schweiz verfällt, sobald «eineR von uns» den mikroskopischen Hauch einer Chance erhält, ein Stück Edelmetall zu gewinnen, reicht da völlig aus. Zugegeben – im Unterschied zu abstrakten strukturierten Finanzprodukten oder «Finanzexperten» wie Konrad Hummler hat uns Gold noch nie verraten.

Aber dass sich ganz normale Menschen nun für Kanufahren, Badminton, Synchronschwimmen, Triathlon interessieren oder mit quasireligiöser Inbrunst das Reglement im Kunstturnen auswendig aufsagen können, ist mir echt zu viel. Badminton? Gehört in den Garten und nicht ins Fernsehen. Kanufahren? Gibts in der Schweiz ohnehin nicht mehr, wenn wir mit dem Atomausstieg ernst machen und jedes Flüsschen zustauen. Synchronschwimmen? Es gehört von den Spielen ausgeschlossen, solange der Frankfurter Schwulenschwimmergruppe Synchro Libido (kein Scherz) die Teilnahme verboten wird. Triathlon? Ich würde gern sehen, wie «eineR von uns» nur schon das erste Drittel eines Triathlons lebend übersteht.

Apropos «eineR von uns»: Hat irgendeinE WOZ-LeserIn tatsächlich schon mal mit Giulia Steingruber nur schon einen Kaffee getrunken? Scheint ja eine ganz nette Person zu sein, und das sage ich nicht, weil ich sie meist nur mit einer dünnen Schicht Plastik bekleidet sehe (nein, das war keine Unterstellung, dass ihre Nase gemacht ist). Vielmehr ist ihre Fähigkeit, ihr Ding entgegen aller Gewinnchancen durchzuziehen, schon fast sozialdemokratisch.

Klar: Der ideologische Hintergrund der Spiele ist hehr. AthletInnen aller Nationen, die sich im friedlichen Wettstreit messen, das Ganze ohne Geld. Deshalb dürfen ja nur AmateurInnen antreten. Ausser im Fussball. Und der Leichtathletik. Und im Tennis. Ehrlich gesagt überall ausser im Boxen. Oder haben Sie eine bessere Erklärung dafür, wieso Roger Federer dabei ist, aber Vitali Klitschko nicht? Immerhin haben die zukünftigen Schweizer Fussballprofis an Amateurhaftigkeit locker wieder wettgemacht, was Federer an Profitum mitbringt – wobei ich überzeugt bin, dass Michel Morganellas Twitter-Skandal nicht daher rührt, dass er Rassist ist, sondern dass er in Wirklichkeit ein süchtiger Diablo-III-Spieler ist, ein Onlinespiel, bei dem speziell die Südkoreaner die Server verstopfen. Und seine Einschätzung der Südkoreaner als «Trisos», will sagen «geistig Behinderte», auf die meisten Diablo-Spieler zutreffen würde, wenn sich Trisomie-21-Geschädigte zu so einem Quatsch wie Diablo herabliessen.

Apropos Beleidigung: Abgesehen davon, dass London mit seiner Abschlusszeremonie bewiesen hat, dass die besten englischen MusikerInnen tot (Freddy Mercury) oder sich zu schade sind (David Bowie), sich für selbstbeweihräuchernden Quatsch einspannen zu lassen – übrig bleiben dann eben nur noch die Spice Girls, Muse und Liam Gallagher –, überdauert zum Schluss der Spiele für mich das Bild von Jacques Rogge, jenem Mann, der einst die Medienfreiheit an das Organisationskomitee der Spiele in Beijing verschacherte und dessen olympische Politik immer darin bestand, sich «gegen den fortschreitenden Gigantismus bei Bauvorhaben und Kommerz einzusetzen», und der nun dastand und sprach: «Es waren glorreiche Spiele.» Kein Wunder, schaute er nicht von seinem Blatt auf. Ich glaube, er wäre rot geworden. Immerhin kosteten die Spiele in London die öffentliche Hand umgerechnet lockere vierzehn Milliarden Schweizer Franken. Erinnern Sie sich bitte an diese Zahl, wenn man uns bald davon überzeugen will, dass die Winterspiele 2022 in der Schweiz stattfinden sollen.

Etrit Hasler hat beschlossen, die Olympischen Sommerspiele fortan zu boykottieren, bis Lyrik wieder als olympische Disziplin zugelassen wird – was sie immerhin bis 1948 war.

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