Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

Sie weiss es am besten

Das Tor für restriktivere Abtreibungsgesetze steht so gefährlich offen wie schon lange nicht mehr.

Von Laura Cassani

«Abtreibung hat im Strafgesetzbuch nichts verloren», sagt Zita Küng. Die Juristin gehört zu den bewegten Frauen, die ab den siebziger Jahren in der Schweiz für das Recht auf Abtreibung kämpften. «Für uns war klar: Was eine Frau mit ihrem Körper macht, entscheidet nur sie alleine.» Oder traute man den Frauen etwa nicht zu, dass sie verantwortungsvoll entschieden, ob sie ein Kind austragen können und wollen? «Glaubt man wirklich», fragt Küng, «dass man Frauen mit einer drohenden Strafe disziplinieren muss, damit sie sich nicht kurz vor der Geburt eines Kindes noch dagegen entscheiden?»

Die Frauenbewegung erreichte 2002 mit der Fristenregelung wenigstens einen Kompromiss – nach jahrzehntelangem Ringen mit religiös geprägten AbtreibungsgegnerInnen. So folgt im Strafgesetzbuch der Schwangerschaftsabbruch zwar noch heute direkt auf Mord, Totschlag und fahrlässige Tötung. Doch in den ersten drei Monaten ist eine Abtreibung straffrei, wenn die Schwangere sie wünscht: Sie muss sich ärztlich beraten lassen und schriftlich bestätigen, dass sie sich in einer Notlage befindet. Nach den ersten zwölf Schwangerschaftswochen muss ein Arzt, eine Ärztin beurteilen, ob die körperliche oder psychische Gesundheit der Person so stark gefährdet ist, dass ein Abbruch notwendig ist. Treibt sie ohne dieses Urteil noch ab, macht sie sich strafbar. Sie könnte ins Gefängnis kommen. Dies gilt übrigens auch für Menschen, die eine Gebärmutter haben und sich nicht als Frau identifizieren – etwa manche Transmänner.

Die Fristenregelung war ein wichtiger Schritt: De facto ist eine Abtreibung in der Schweiz heute legal und sicher möglich. Wohl deshalb ist die Regelung in der breiten Gesellschaft auch kaum umstritten. Die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper steht jedoch weltweit unter massivem Druck: In über hundert Ländern ist es Frauen auch in den ersten Wochen einer Schwangerschaft nicht erlaubt, alleine zu entscheiden. Etwa in Polen, wo nur heftiger öffentlicher Protest die rechtsnationale Regierungspartei davon abhält, das eh schon sehr restriktive Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen.

Und auch dort, wo sich Schwangere anfangs selbstbestimmt für eine Abtreibung entscheiden können, ist diese Errungenschaft in Gefahr: In Deutschland wird eine Gynäkologin verurteilt, weil sie auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informiert. In den USA will Präsident Donald Trump der Organisation Planned Parenthood die staatliche Unterstützung streichen, wenn sie weiterhin Abtreibungen anbietet; sein Vize Mike Pence wird am «March for Life» in Washington von Tausenden radikalen AbtreibungsgegnerInnen bejubelt. In Italien führen siebzig Prozent der FrauenärztInnen keine Abtreibungen durch – aus «Gewissensgründen». Das Tor für restriktivere Abtreibungsgesetze stand lange nicht mehr so gefährlich offen.

Auf den Körper der Frau zugreifen und ihn kontrollieren zu können, ist zentral für patriarchal geprägte Gesellschaften. Die Mächtigen – und das sind eben noch immer mehrheitlich Männer – verschaffen sich Zugriff auf individuelle Körper. Zum Beispiel auch, wenn ein einflussreicher Filmproduzent junge Schauspielerinnen dazu nötigt oder zwingt, mit ihm Sex zu haben. Und jene, die Macht haben, bemühen sich mit Gesetzen und Strukturen auch um die Kontrolle des kollektiven Frauenkörpers: Die weibliche Fruchtbarkeit muss beherrscht werden, um die Reproduktion der Gesellschaft zu steuern, so wie es den Mächtigen richtig erscheint.

In Kanada, wo Schwangerschaftsabbrüche nicht gesetzlich geregelt sind, zeigt sich: Schwangere treiben so früh wie möglich ab, zu Spätabbrüchen kommt es nur, wenn es gesundheitlich unausweichlich ist. Und weltweit zeigt sich: Es gibt weniger Abtreibungen, wenn ohne Tabus über Sexualität, Verhütung und eben über Abtreibung gesprochen wird – wenn Frauen wissen, dass sie ihre Familienplanung in der Hand haben können.

Jede Frau muss deshalb das Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Immer. Auch wenn sie schwanger ist.

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