Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

«Auf gute Nachbarschaft»

Karin Hoffsten über ein Geflecht aus Geld und Gefühlen

Von Karin Hoffsten

Es sah aus wie ein Panini-Sammelalbum, war aber keins. Statt Fussballstars lächelten auf den über vierzig Hochglanzseiten nur Privatpersonen: Alle Porträtierten wohnen oder arbeiten im neu gebauten Zürcher Quartier Freilager, in dem 800 neue Wohnungen entstanden.

Unter dem Motto «Auf gute Nachbarschaft» hatte man sich beim quartiereigenen Supermarkt – korrekter: bei der beauftragten Marketingfirma – dieses Sammelalbum ausgedacht, das über die Jahreswende der Kundschaft verteilt wurde. «Es war ein Nachbarschaftsprojekt mit dem Ziel, die Menschen im Zollfreilager ein wenig näher zu bringen und sich gegenseitig kennen zu lernen», menschelte es aus der Medienstelle der Supermarktkette. Und irgendwie wars ja auch sympathisch – neu zugezogen hätte ich mir früher in mancher Stadt solche Unterstützung gewünscht.

Natürlich hatte auch der Supermarkt was davon. Wie mir ein junger Mann dort mit leuchtenden Augen erzählte, war die Aktion ein Riesenerfolg: Alle sammelten – sogar Leute, die gar nicht im Quartier, ja noch nicht einmal im Kanton Zürich wohnten! Für jeden Einkauf im Wert von zehn Franken gabs 3 Klebebildchen, was bei insgesamt 297 Bildchen pro Album den Umsatz angeregt haben dürfte.

Doch in meinem Hirn rumorte es: Ist es wirklich egal, ob ein Geschäft Plastikfigürchen, Märchenbilder oder Fotos der neuen NachbarInnen als Gadget verteilt? Und wie bekommt man in Zeiten von Datenschutz und Sicherheitsstandards über 250 Leute dazu, sich – zum Teil mit Kindern – unter Nennung des Vor-, manchmal auch Nachnamens für etwas fotografieren zu lassen, von dem niemand weiss, wo und bei wem es landet?

Im neuen Quartier residiert auch eine Stiftung, die sich seit sechzig Jahren in vielfältiger Form um Menschen mit Behinderungen kümmert und dafür, dass sie eine Menge Gutes tut, viel zu wenig bekannt ist. Weil auch viele der dort betreuten Menschen im Sammelalbum abgebildet waren, wollte ich wissen, wie man bei dem Projekt Fragen von Datenschutz und Bildrechten gehandhabt hatte. Das erforderte ein paar Recherchen, denn die Herstellung liegt fast zwei Jahre zurück.

Die Medienstelle der Supermarktkette gab nur dürftig Auskunft. Der Zuständige bei der Stiftung versicherte glaubhaft, der Datenschutz werde bei ihnen sehr streng eingehalten, er selbst sei aber erst seit sieben Monaten da. Die Fotografin empfahl, zum Datenschutz den Projektleiter der beauftragten Marketingfirma zu fragen. Dieser wurde erst ein bisschen nervös, weil er fürchtete, ich sei auf der Suche nach begrabenen Hunden – wie es die Presse halt so macht –, gab dann aber erleichtert Entwarnung: Selbst der Stiftungsrat habe damals zustimmen müssen! Alles war gut.

Inzwischen beklagen sich laut «Tages-Anzeiger» im Freilager viele MieterInnen über Baumängel. Falls die sich inzwischen dank Sammelalbum kennengelernt haben, können sie jetzt gemeinsam gegen die Baufirma vorgehen.

Karin Hoffsten ist sich trotz allem ganz sicher, dass sie niemals für ein Supermarktsammelalbum fotografiert werden möchte.