Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

Diese Queen macht sich zur Kaiserin

Von David Hunziker

Erst verstehen wir nur, wie sich «appointment» auf «disappointment» reimt, und ein paar weitere Fetzen. Bis in der Hookline dann «The Message» von Grandmaster Flash zitiert wird. Die kenianische Rapperin Muthoni Drummer Queen hat die Strophe des Songs «Kenyan Message» in Sheng verfasst, einem vor allem im Rap und unter Jugendlichen beliebten Slang aus Swahili, lokalen Sprachen und Englisch, der in den siebziger Jahren in der Unterschicht von Nairobi entstanden ist. Es ist eine Kritik am kaputten politischen System in Kenia, die sie im Rückgriff auf die Rap-Pioniere aus New York zur Widerstandshymne macht.

Dieser eklektische Weltpop aus Afrogrooves, Rap, Dancehall, Trap und Soul hat auch Wurzeln in der Schweiz. Neben der Sängerin, Rapperin und Perkussionistin Muthoni Ndonga, die in Nairobi aufgewachsen ist und Internationale Beziehungen und Philosophie studiert hat, gehören zu Muthoni Drummer Queen auch die Schweizer Produzenten GR! & Hook. Erschienen ist das aktuelle Album «She» auf dem Berner Label Mouthwatering Records. Die Wechsel in Stil und Produktionsästhetik sind teilweise so drastisch, dass das Album insgesamt eher wie eine Ansammlung von Singles wirkt denn als stringente Einheit.

Dennoch ist «She» thematisch durchaus kohärent: In jedem Song geht es jeweils um eine kenianische Frauenfigur. «Kenyan Message» malt sodann nicht nur düster, sondern erzählt auch von einer kämpfenden Aktivistin. Auch die anderen Figuren kämpfen mit den elementaren Aspekten der menschlichen Existenz, wie Kunst («Caged Bird»), Geld («Suzie Noma») oder Sex («Love»).

Der stärkste Song auf dem Album ist «Million Voices», wieder so eine Hymne. Über einem karibisch gebrochenen Beat und einer perfekt geölten Hookline erklärt sich die Ich-Erzählerin gleich selber zur Kaiserin. Da denkt man natürlich zuerst an Muthoni und ihre spektakulären Frisuren, die sich wie futuristische Kronen auftürmen. Aber hier geht es um ein geflüchtetes Mädchen – nein, nicht übers Mittelmeer, sondern von Somalia nach Kenia. Diese Musik wird vom Süden her gedacht.