Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Rasend in die Gegenwart

Daneben sieht auch eine LGBTQ-Hymne von Taylor Swift nur noch konservativ aus: Der Pop von Charli XCX tänzelt zwischen Mainstream und Avantgarde und wirkt damit total gegenwärtig.

Von David HunzikerMail an AutorIn

Charli XCX: Mal auf Nostalgiejagd, mal in der wilden queer-futuristischen Utopie. Foto: Andrew Toth, Getty

Was soll das überhaupt sein, ein «Popstar der Zukunft»? Über Charli XCX liest man diese Marketingfloskel immer wieder. Klar, bei der 27-jährigen Britin sind wir schnell beim Thema Zukunft. Auf ihrem aktuellen Album «Charli», auf dessen Cover sie sich wie ein Androide inszeniert, gibt es Songs, die «1999» und «2099» heissen, und in einem ihrer neuen Videos tauchen queere MutantInnen aus der Zukunft auf. Doch wieso schreien KritikerInnen gleich nach der Zukunft, wenn Pop (im engeren Sinn) einfach mal sein emanzipatorisches und transformatorisches Versprechen ernst nimmt? «Charli» ist eine grosse Popplatte – nicht, weil sie wie die Zukunft klingt, sondern, als wäre das nicht schwer genug, total gegenwärtig.

Vor dem Internet?

«1999», bereits vor einem Jahr als erste Single veröffentlicht, ist der Schlüsseltrack des Albums. Im Video dazu steigt Charli XCX in einen weissen Mercedes, der sie als Zeittaxi in die neunziger Jahre zurückbefördert. Was dann folgt, ist ungebrochene Verehrung für die damalige Popkultur: «Titanic», das Computerspiel «The Sims» und natürlich der Song, der die junge Charli XCX dazu bewogen haben soll, selber Musik zu machen: «… Baby One More Time» von Britney Spears. Alles viel besser damals!

Doch wenn man sich die Musik dazu anhört, wird klar, dass die Nostalgie hier kein Gefühl ist, sondern ein Motiv. Das euphorisch gestimmte Duett mit dem australischen Sänger Troye Sivan lehnt sich zwar oberflächlich an den Eurodancesound der Neunziger an, doch mit der detail- und zitatversessenen Retrokultur hat dieser Popsong mit Mainstreamappeal wenig zu tun. Im Video passieren noch andere Dinge, Charli XCX posiert als Steve Jobs mit farbigem iMac, und als ein Tastenhandy von Nokia ins Bild kommt, wirft sie im Flow der Spice Girls die Frage in den Raum: Erinnert sich überhaupt noch jemand, wie wir es damals gemacht haben? Charlotte Aitchison, die ihr Pseudonym Charli XCX aus dem ersten Messenger von Microsoft übernommen hat, wohl kaum – 1999 war sie erst sieben.

Die Erinnerung an die Zeit vor dem Internet ist natürlich auch nur: eine Sammlung von Memes. Nein, hier wird nicht Kultur-, sondern Technologiegeschichte verhandelt. Auf dem Cover zur Single «1999» sind Charli XCX und Troye Sivan in Kostümen aus «The Matrix» zu sehen, dem Film, der der aufblühenden digitalen Welt 1999 einen dystopischen Denkzettel verpasst hat. Seither ist viel passiert, der Einfluss des Internets totaler und die Euphorie kleiner geworden; in seinen hasserfüllten Echokammern wurde jener kritisch gemeinte Film gar selber zur visuellen Ressource rechter Memekultur. Dennoch findet sich bei Charli XCX kein konservativer Reflex, im Gegenteil: Ihre Musik stellt die Frage, wie emanzipatorischer Pop heute klingen kann.

Schon der erste Song des Albums dreht am Anschlag. «Next Level Charli» ist der Form nach zwar eher eine Ballade, doch der Beat klingt völlig überdreht, und Charli XCX besingt mit digital geschärfter Stimme die Geschwindigkeit, den Rave, den nächsten Dopaminkick. Ob Lieben oder Partymachen, bei ihr geschieht es heftig und schnell. Das war schon bei «I Love It» so, ihrem ersten Welthit von 2012, gesungen vom schwedischen Duo Icona Pop. Sein Inhalt: wie viel Spass es macht, das Auto des Ex gegen eine Wand zu fahren.

Scheiss auf den Ruhm!

Das Beste an «Charli» sind die unzähligen Kollaborationen, auf die sich Charli XCX hier einlässt. Da ist etwa die Französin Christine and the Queens, eine Art queere Post-Chansonnière, der estnische Rapper und Künstler Tommy Cash oder die brasilianische Dragqueen Pabllo Vittar. Doch es geht hier nicht nur um solidarische Diversität an sexuellen und Geschlechteridentitäten, sondern um die schrillen musikalischen Stimuli dieser Begegnungen, die das Album reizvoll zwischen Hitmaterial und avantgardistischem Nervenzusammenbruch mäandrieren lassen.

«Denkst du, mich kümmert der Ruhm?», fragt Charli XCX in «2099» rhetorisch. Das ist witzig, wenn man ihr kompliziertes Verhältnis zum Mainstream kennt. 2014 schielte Charli XCX mit öligem Poppunk nach dem eigenen Megahit (für andere hatte sie schon mehrere geschrieben) und schämt sich heute dafür. Letztes Jahr ging sie mit Taylor Swift, dem erfolgreichsten Popstar der Gegenwart, auf Stadiontour und sagte kürzlich, das habe sich angefühlt, wie für Fünfjährige zu singen. Mit fehlender Aufrichtigkeit hat das natürlich nichts zu tun, sondern so fühlt es sich eben an, wenn man auf der Schneide zwischen Kommerz und Avantgarde tänzeln will.

Die Avantgarde, das ist zum Beispiel die schottische Produzentin Sophie (siehe «Echt Plastik», WOZ Nr. 11/2019), deren verstörende digitale Soundwelt Charli XCX 2016 auf neue Pfade brachte. Oder A. G. Cook, der mit dem Londoner Label PC Music 2014 ein Labor für Plastikpop mit Kunstappeal geschaffen hat und nun den Grossteil von «Charli» produziert hat. 2017 hat Charli XCX mit dem Mixtape «Pop 2» ein Sequel ohne Prequel geliefert, nun setzt sie einen Albumtitel, der nach Zu-sich-selber-Kommen klingt.

Bei diesen Einflüssen überrascht es nicht, dass dieser Prozess nicht immer heimelig klingt. Während Charli XCX die Popsongform auf «Charli» kaum je verlässt, brechen die Sounds munter aus. Das an sich kitschige «Silver Cross» wird plötzlich von einem Synthesizer verschluckt, ein paarmal gewendet und wieder ausgespuckt. «Click» versinkt am Schluss in einem Gewitter von Glitch-Sounds. Und in «Shake It» wird ein Stimmsample durch eine Reihe struber Filter gejagt, sodass es wahlweise wie blubberndes Wasser oder ein Glockenspiel klingt. Vielleicht versucht Charli XCX damit nur, ebenso interessant zu klingen wie die Rapperin oder der Rapper Big Freedia, der oder die nach ihrem Intro übernimmt.

Unerträglich affirmativ

Wie frei dieser Pop eigentlich ist, wird einem zum Beispiel im Vergleich zu ebenjener Taylor Swift bewusst. Mit «You Need to Calm Down» hat sich Swift an einer LGBTQ-Hymne versucht. Der Song wurde Mitte Juni veröffentlicht, als in den USA unzählige Gay-Pride-Paraden stattfanden. Wie Swift in diesem Song ihren selbstherrlichen Liberalismus von den Haters der LGBTQ-Community abgrenzt und sich im pastellfarbenen Video dazu mit zahlreichen prominenten Queers wie der Talkerin Ellen DeGeneres oder der Dragqueen RuPaul schmückt, ist schwer zu ertragen. Dazu läuft belangloser Electropop.

Nicht nur fehlt bei Swift jegliche musikalische Repräsentation von Queerness, ihre demonstrativ affirmative Haltung wirkt geradezu klaustrophobisch. So jedenfalls fühlt sich ihre aktuelle Platte «Lover», Swift nennt sie einen «Liebesbrief an die Liebe», über weite Strecken an. Dieser Pop ist genuin konservativ, er geht ästhetischen Risiken aus dem Weg und verkauft eine bestätigende Message (wenn man nicht gerade ein Redneck ist).

Wie Pop über Liebe auch gehen kann, zeigt «Blame It on Your Love» von Charli XCX. Lustigerweise macht diese selbstkritische Ballade schon im Songtext das Gegenteil von dem, was als Taylor Swifts Paradedisziplin gilt: das bekenntnishafte Exfreundbashing. Doch richtig zur Sache geht es bei «Blame It on Your Love» im Video. Wir sehen menschenähnliche Wesen mit koboldhaften Spitzohren, flossenähnlichen Gebilden auf dem Kopf oder katzenhaften Nasen. Sie knutschen und kuscheln, und dann sagen sie uns, was mit ihnen passiert ist: «Wir haben uns 2023 evolviert» – und wir sind in einer queer-futuristischen Utopie gelandet. Genauso wild ist sie, die Gegenwart von Charli XCX.

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