Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Kleid überm Gewehr

Der US-amerikanische Rapper Young Thug hat mit seinen anarchischen Impulsen nicht nur den Hip-Hop aufgewühlt, sondern auch eine der ausdrucksstärksten Popstimmen entwickelt. Wer ist dieser nihilistische Expressionist?

Von David HunzikerMail an AutorIn

«Every time I dress myself it go motherfuckin’ viral.» Fotos: Getty, Alamy

«Yeehaw», ruft Young Thug und näselt wie ein Cowboy zur Westerngitarre; und je genauer man hinhört, desto seltsamer wird es: Ein Gitarrenloop läuft rückwärts, Young Thugs Singsang, von seinen eigenen Echos begleitet, erzählt vom Rausch von Joints und Beruhigungspillen. Will sich hier einer über die konservative Countrywelt lustig machen?

Es klingt fast so, als hätte Young Thug mit seinem Song «Family Don’t Matter» bereits den subversiven Country Trap erfunden, mit dem der schwule Rapper Lil Nas X und der Countrymusiker Billy Ray Cyrus 2019 den Welthit «Old Town Road» landeten. Aber nein – Subversion, so scheint es, ist bei Young Thug höchstens ein Nebenprodukt. Der Country ist hier bloss eine austauschbare Kulisse, vor der der Rapper seine Stimme tänzeln lässt. Erschienen ist «Family Don’t Matter» 2017 auf «Beautiful Thugger Girls», einem gleichsam kitschigen wie versauten Liebes- und Sexalbum, das in seinem schamlosen Popappeal, mal mit Dancehall-, mal mit Flamencoaroma, zunächst fast anbiedernd wirken kann. Bis die feinen, zuweilen intuitiv wirkenden Unterschiede in den Kapriolen der Stimme überhandnehmen.

Es ist ein langer Weg, den der wilde Streetrapper aus Atlanta bis in den Popmainstream zurückgelegt hat. Doch in seinen besten Momenten leuchtet auch heute noch sein anarchischer Spieltrieb auf und kann dem kalkulierten Gefühl eines Popsongs planlose Tiefe geben. Dann hört man, warum Young Thug eine der bemerkenswertesten Stimmen in der heutigen Poplandschaft ist.

Doch zuletzt musste man sich um diese Qualitäten eher Sorgen machen. Im Sommer 2019 erschien «So Much Fun», vermarktet als Young Thugs erstes Studioalbum (einige der offiziell als Mixtapes taxierten Werke werden von der Kritik gleichsam als Alben behandelt). Mit «So Much Fun» landete der Rapper erstmals an der Spitze der US-Albumcharts – war er nun auf dem Olymp angekommen? Oder hatte sein kreativer Abstieg längst begonnen? Der kommerzielle Erfolg des Albums jedenfalls wirkte kalkuliert. Young Thug, bekannt für seinen ausschweifenden Stil, klingt hier vergleichsweise wohltemperiert – vielleicht sogar gezähmt? Den Titel erklärte er in einem Interview einmal so: Früher habe er rappen können, wie er wollte, mit diesem Album solle man einfach eine gute Zeit haben.

Punk

Es gibt bei Young Thug dieses latente Gefühl, dass in ihm noch etwas schlummert, was erst auf einen Ausbruch wartet. Letztes Jahr nährte er es wieder einmal, als er ein weiteres Album ankündigte; sein Tupac-Album werde das, ein introspektives, persönliches Gegenstück zu «So Much Fun» mit dem verheissungsvollen Titel «Punk». Wollte sich da einer auf seine rebellische Seite besinnen? «Punk» bleibt bis heute ein Versprechen; stattdessen kam im Frühling eine musikalische Enttäuschung: ein belangloses Album mit dem wegen häuslicher Gewalt an seiner Exfreundin Rihanna verurteilten R ’n’ B-Sänger Chris Brown, das an einem einzigen Tag entstanden sein soll. Im Netz erschien bald darauf eine Version, in der Browns Stimme von Fans einfach rausgeschnitten wurde; und man fragte sich: Hat Young Thug überhaupt einen Plan?

Die Kollaboration mit Brown ist nicht das erste Beispiel dafür, wie seine Raffinesse von anderen geradezu erdrückt werden kann. Nicht einmal «Super Slimey» mit dem Rapper Future, wie er aus Atlanta und prägend für den heutigen Trap, wollte recht zünden; die herausragenden Momente des Albums waren allesamt Soloparts. In «Goodbyes», einem hundertmillionenfach gestreamten Song von Post Malone, trällerte Young Thug zwar hübsch durch den Autotune, doch in Flow und klanglicher Tiefe glich er sich seinem Mitstreiter gegen unten an. Ist Young Thug, dieser musikalische Rebell, so leicht korrumpierbar?

Die Hip-Hop-Welt und die Klatschpresse beschäftigt eine andere Frage mehr: Wie queer ist Young Thug? Ein Rapper, der sich in extravagante, feminine Kleider hüllt, das ist nicht neu, wenn man an André 3000 von Outkast und sein Spiel mit Identitäten denkt. Jedenfalls weiss sich Young Thug zu inszenieren. «Every time I dress myself it go motherfuckin’ viral», rappte er 2015 im Song «Halftime». Ein paar Monate später erschien im Magazin «Dazed and Confused» eine Fotostrecke mit ihm, auf einem der Bilder trug er ein feines Tüllkleid der Londoner Designerin Molly Goddard. Ein Jahr später tauchte er in einem schwarzen, ärmellosen Kleid aus der Damenkollektion in einer Kampagne von Calvin Klein auf. Doch es wurde noch bezaubernder: Auf dem Cover seines Albums «Jeffery» posierte er seitlich vor weissem Hintergrund in einem Kleid, pastelllila und weiss, mit voluminösem, in verschachtelten Faltungen fallendem Rock und einem Schirmhut, der sein Gesicht verbarg. Der italienische Designer Alessandro Trincone, der das Kleid entworfen hatte, hat sich zum Ziel gesetzt, die zweigeschlechtliche Mode hinter sich zu lassen.

Young Thug äusserte sich auch zu Gender. In einem Video zu jener Calvin-Klein-Kampagne zum Beispiel: «In meiner Welt spielt es keine Rolle, du kannst ein Gangster in einem Kleid sein oder ein Gangster in Baggy Pants.» Oder in einem Interview anlässlich einer Modeshow: «Vor sieben Jahren sah ich Prince in einem Video, er trug einen gelben Overall mit ausgeschnittenem Hintern. Zuerst dachte ich: What the fuck! Doch dann dachte ich: So etwas wie Gender gibt es nicht.»

Nihilist

Young Thug als queerer Unterwanderer von Homophobie und Hypermaskulinität? So einfach ist es nicht. In seinen Songtexten wimmelt es von misogynen Floskeln, von sexuell gefügigen «bitches». Heftige Kritik löste ein Ausraster von ihm am Flughafen von Seattle aus, als ihm zwei schwarze Mitarbeiterinnen eine bevorzugte Behandlung verwehrten, nachdem er für den Flug zu spät aufgetaucht war. Er beschimpfte sie sexistisch und rassistisch und stellte das gegen ihren Willen aufgenommene Video ins Netz. Der «Guardian» titelte: «Frauenfeind in einem Kleid».

Passender als queer oder genderfluid wäre wohl, Young Thug als gendernihilistisch zu bezeichnen. Von einem Rapblogger auf Homophobie angesprochen, sagte er einmal, solche Anfeindungen seien ihm völlig egal, er habe ja sechs Kinder, er könne also nicht schwul sein. Und ein Kleid habe er getragen, um seine Kalaschnikow darunter zu verstecken.

Vielleicht ist es auch der Nihilismus, der zur Faszination dieser mysteriösen Figur beiträgt. Young Thug verbirgt seine Augen meist hinter einer Sonnenbrille, auf Videoaufnahmen wirkt er abwesend und zugedröhnt. Er soll manchmal tagelang wachbleiben, kaum essen, und wenn, dann Süssigkeiten oder Fastfood; einmal im Monat soll ein Arzt ihm die nötigen Vitamine spritzen. Er gibt kaum mehr als einzelne Wörter von sich, deren Aussprache und Sinn oft schwer verständlich sind. Einmal soll er mitten in einem Interview kommentarlos aufgestanden, zum Flughafen gefahren und abgeflogen sein. Ein Journalist des Magazins «GQ», der Young Thug für ein Porträt begleitete, beobachtete in einem Zeitraum von zwanzig Stunden kein einziges richtiges Gespräch zwischen ihm und den Leuten um ihn herum. Der Journalist stellte ihm eine unverfängliche Einstiegsfrage und bekam nach einer Minute Schweigen die Antwort: «I don’t give a fuck.» Was das heisse? Er habe keine Gefühle.

Das Porträt im «GQ» endet mit der Schlussfolgerung, dass es kaum möglich sei, authentischer zu sein als Young Thug: «Er scheint überhaupt keine Empathie zu haben (…). Er spielt keine Rolle für dich, weil er nicht in der Lage scheint, sich selber aus deiner Perspektive zu sehen und sich deinen Wünschen entsprechend zu verhalten.» Was würde das für Musik heissen, dass sie ohne Empathie auskommt? Ist sie dann reiner Ausdruck?

Jeffery Lamar Williams wird 1991 in einem armen Viertel von Atlanta geboren und wächst mit zehn Geschwistern auf. Er landet schon als Jugendlicher im Gefängnis, nachdem er einer Lehrperson den Arm gebrochen hat. Mit siebzehn wird er zum ersten Mal Vater. Als sein Bruder, der ebenfalls gerappt hat, erschossen wird, beschliesst er, selber Rapper zu werden. 2011 erscheint sein erstes Mixtape: «I Came from Nothing». Williams gibt sich einen Namen, wie er für einen Rapper banaler kaum sein könnte: «Young», wie «Lil» eine weitverbreitete Vorsilbe für junge Rapper, die meist im Verlauf der Karriere abgelegt wird, und «Thug» für Gangster.

Expressionist

Auf jenem ersten Mixtape ist noch deutlich der Einfluss von Lil Wayne zu hören, den Young Thug immer wieder sein Idol genannt hat: der virtuose Umgang mit dem Rhythmus, der nasale Klang und die schmierigen Verrenkungen der Stimme, in denen Rausch und Wahnsinn aufblitzen. Wenn man zuhört, wie Young Thug in seinen Songs mit seiner Stimme herumspielt, klingt es wie ein schlechter Witz, dass dieser Mann keine Gefühle haben soll. In «Stoner», einem selber veröffentlichten frühen Strassenhit, setzt er abgehackte Wörter mal leichtfüssig, mal energisch auf den psychedelisch bimmelnden Beat, rast plötzlich mit gepresster Kopfstimme durch triolische Verse, lallt durch die eingängige Hook. Egal wie strub ein Song von Young Thug sich anfühlt, er ist immer catchy.

Inhaltlich ist «Stoner» bloss Prahlerei mit Frauen, Geld und Drogen, doch zwischendurch stösst man auf seltsame Sprachbilder: «We don’t stand in line, foreign shoes hurt your feet»; wollen die Reichen darum nicht Schlange stehen, weil ihre importierten Designerschuhe so unbequem sind? «I’m high as hell ain’t got no satellites on me»; ist der so high, dass sich alles dreht, aber nichts mehr um ihn?

Im besten Fall werden seine frühen Texte mit der abstrakten Poesie von De La Soul oder Ghostface Killah verglichen; auf jeden Fall scheinen sie mehr oder weniger intuitive Auswürfe von Rausch und Übermut. Einer der Produzenten von «Stoner» erzählte, wenn Young Thug seine Verse aufnehme, habe er vor sich zwar ein Blatt Papier, aber nicht mit Text, sondern mit seltsamen Zeichen und Umrissen drauf. Andere, die ihn im Studio beobachtet haben, beschreiben seine Arbeitsweise als einen spiralförmigen Bewusstseinsstrom: Er wiederholt eine oder mehrere Zeilen mit leichten Variationen so lange, bis sie ihm passen, merkt sie sich in der Wiederholung, hängt grössere Teile aneinander und so weiter.

Young Thug ist ein Expressionist. Seine Songs erzählen nichts über die Welt, die Wörter sind für ihn letztlich bloss Klangmaterial, Träger für den subjektiven Ausdruck.

Nirgends klingt Young Thug so explosiv, so wahnsinnig wie auf seinem Mixtape «1017 Thug» von 2013. Zum Beispiel im düsteren «2 Cups Stuffed»: Die hyperaktiven Hi-Hats treiben den Puls in die Höhe, der dramatische Synthesizer treibt den Rapper wie eine Peitsche an. Dieser drückt seine Stimme, bis sie sich überschlägt. Zwischen den Zeilen entladen sich unartikulierte, überdrehte Schreie. Wörter mutieren zu Sounds: Nach sieben immer schnelleren Wiederholungen klingt das Wort «lean» (ein in der Trap-Szene beliebtes, codeinhaltiges Getränk) wie ein Klingeln aus dem Computerspiel «Super Mario». Eine Stelle von «Ball» klingt wie das Echo von Rihannas «Work», das durch einen Horrortrip spukt, und in «Picacho» schlingert sein Singsang so zielsicher an den Tönen vorbei, dass einem schwindlig wird; trotzdem fühlt sich das alles auch noch auf seltsame Weise zugänglich an. «Pikachu» (das gelbe Pokémon mit den Blitzen) blendet über in «peek at you»: Was uns hier anblickt und anblinkt, sind nicht nur Young Thugs Diamanten, sondern auch die hellen Vokale und das Zischen der Konsonanten.

Vielleicht war «Picacho» der erste Moment, in dem Young Thug in die Nähe eines Popsongs kam – Pop nicht verstanden als kommerzielle Strategie, sondern als Zugänglichkeit, als melodischer Flirt. Als Sänger glänzt Young Thug nicht in den Parts, die er für Ed Sheeran oder «Havanna», einen Welthit der kubanischen Sängerin Camila Cabello, eingesungen hat. In solchen Auftragsarbeiten (einen Vers von ihm soll es für 50 000 US-Dollar geben) fehlt ihm schlicht der Raum, sich auszutoben.

Ein anderer Young Thug als im anarchischen «1017 Thug» ist in der Trap-Hymne «Lifestyle» zu hören, noch ganz im Hip-Hop verwurzelt und 2014 mit dem Rapper Rich Homie Quan unter dem Namen Rich Gang erschienen. In seiner rhythmischen Zuspitzung ist das irgendwie noch Rap, was er hier macht, doch die melodischen Kringel und das zarte Gejaule, zu dem er die Silben dehnt, setzen eine Emotionalität frei, die vorher nur zu erahnen war. Oder in «Pacifier», wohl kurz vor der Popularisierung der Black-Lives-Matter-Bewegung 2014 aufgenommen und 2015 als einzelne Single veröffentlicht. Eine schlanke Gitarre schrammelt die Akkorde wie ein zartes Gerüst für die melodischen Spielereien der Stimme. In der karibisch angehauchten Hook bleibt die Stimmung feierlich, doch der Text ist angriffig, spielt mit der Bedeutung von «pacifier» (Friedensstifter, Nuggi): «nigga need a pacifier, pacifier», bis die Aussprache, beim Aggressor angekommen, plötzlich scharf wird: «bleed the cops, bleed it, bleed it, bleed it, bleed it, bleed», blutet die Cops aus! Könnte man «Pacifier» als eine verkannte Widerstandshymne gegen rassistische Polizeigewalt hören, in einer Linie mit Body Counts «Cop Killer» oder Outkasts «B. O. B» (Bombs Over Baghdad)?

Voll entfaltet ist der Expressionismus von Young Thug in den Eskapaden von Songs wie «Drippin’» oder «Harambe», beide von 2016, die geradewegs aufs Spektakel zielen; oder eben in jenem seltsamen Popexperiment von 2017, auf dem sich alles ums rohe Gefühl dreht: «Beautiful Thugger Girls». «Feel It» heisst ein Song darauf passend, in dem er seine Stimme über einem langsamen Trap-Beat schmachten und stöhnen und säuseln lässt. «Me or Us» liegt ein akustisches Gitarrensample aus «First Day of my Life», einem liebesgetränkten Indiefolksong von Bright Eyes, zugrunde – nur dass die Gitarre hier ganz anders funktioniert als in der authentischen Folkperformance: als statische, fast seelenlose Kulisse, gegen die sich die agile Lebendigkeit der Stimme abhebt. «Ich habe diesen Song nicht geschrieben, ich bin nur geradewegs reingegangen», singt Young Thug im überschwänglichen «For Y’all».

In den Gitarrensongs des Albums klingt es, als habe Young Thug verwirklicht, woran Lil Wayne mit seinem Crossover-Experiment «Rebirth» einst gescheitert ist: eine schräge Rapstimme für vielschichtige Popsongs zu mobilisieren. Zufall, dass die beiden Rapper auf den jeweiligen Albumcovern mit Gitarren und in ähnlichen Farbtönen abgebildet sind?

Wie ein flauschig produzierter Hipster-Young-Thug klingen kann, hat der britische Produzent Jamie xx 2015 mit «I Know There’s Gonna Be (Good Times)» vorgeführt. Der Song baut auf einem Sample der A-cappella-Gruppe The Persuasions von 1971 auf. Jamie xx hat den jamaikanischen Sänger Popcaan und Young Thug unabhängig voneinander Versionen einsingen lassen und all diese Stimmen dann kongenial verwoben. Es braucht nicht viel mehr als eine Snare, ein paar Claps und Glöckchen mit Karibikvibe, um Trap, Dancehall und Soul, also fast alles, was der heutige Pop begehrt, in einer melancholischen Sommerschwärmerei zu bündeln. Young Thug singt in zwei Versen dreimal «pussy», und trotzdem klingt er hier so zärtlich wie kaum irgendwo.

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