Nr. 13/2018 vom 29.03.2018

Buchmesse als Gegenkultur

Gegründet in Zeiten des Umbruchs, ist die Buchmesse von Kolkata heute ein vielstimmiges Bollwerk gegen den landesweiten Rechtsrutsch in Indien.

Von Mara Züst

Eine lesefreudige Kultur: Buchläden und ein Snack-Anbieter in der College Street in Kolkata. Foto: Danita Delimont, Alamy

Bis 1911 Hauptstadt von «Britisch-Indien», ist Kolkata über die britische Administration hinaus bis heute eine Stadt der Druckerschwärze und des Papiers geblieben. Hier wohnen mehr SchriftstellerInnen als LeserInnen, sagt der Volksmund, was sich an den unzähligen Buchständen zeigt – und auch in zwei Stadtteilen: Chitpur war einst das Herz der Druckproduktion, heute expandiert hier das Rotlichtgewerbe.

Das neue Zentrum des Buchdrucks ist Daftari Para, ein Quartier in der Nähe des Bahnhofs mit vielen Kleinstmanufakturen, die von der Druckvorstufe bis zu Buchbindearbeiten von Hand alles im Angebot haben. Hier sind Maschinen in Betrieb, die in der Schweiz höchstens noch im Museum zu bestaunen sind. Weil Arbeitskraft billig ist und die amortisierten Maschinen noch laufen, lohnen sich Aufträge.

Selbstbewusstsein markieren

Doch ist Kolkata nicht nur ein Ort des Druckerhandwerks. Seit den fünfziger Jahren entwickelte sich hier durch «Little Magazines» – informelle, selbstverlegte Hefte – eine eigenständige linke bengalische Literatur, die bis heute Bestand hat. Sie richtete sich nicht nur gegen die dominante britische Kultur, sondern auch gegen die Zentralregierung, die den Bundesstaat Westbengalen in den Jahren nach der Teilung Indiens 1947 mit den geschätzten sechs Millionen Flüchtlingen praktisch im Stich liess. In der Krise von 1977, nach den maoistischen NaxalitInnen-Aufständen im Norden und kurz nach Ende des von Indira Gandhi verhängten Ausnahmezustands (1975–1977), kam in Westbengalen eine Linksregierung an die Macht, die sich trotz massiver Korruptionsvorwürfe bis 2011 halten konnte.

In diese Umbruchjahre fällt auch die Gründung der Kolkata Book Fair. 1976 erstmals durchgeführt, ist sie eine der weltgrössten nichtgewerblichen Publikumsmessen und repräsentiert über die Vielfalt der Verlage eine vitale bengalische Buchkultur und eine Sprachregion von 300 Millionen Menschen. Im Unterschied zu den meisten anderen indischen Bundesstaaten wird Westbengalen mit seinen über neunzig Millionen BewohnerInnen nicht von der hindunationalistischen Partei BJP regiert. Ein Umstand, der die kulturelle Eigenständigkeit der Region zeigt, deren Geschichte vor 1947 durch europäische und chinesische EinwanderInnen geprägt ist sowie durch ihren Korridor zu den «tribal states», die an Myanmar grenzen, und ihre Nähe zu Bangladesch. Bei den Wahlen von 2016 legte die BJP allerdings auch hier um drei Prozentpunkte zu und errang zehn Prozent der Stimmen.

Doch wie macht sich der landesweite Rechtsrutsch an der Kolkata Book Fair bemerkbar, die im Februar erneut mit mehr als 350 teilnehmenden Institutionen stattgefunden hat? Seit Narendra Modi 2014 Premierminister Indiens geworden ist, nimmt die Redefreiheit ab – Indien ist 2017 im World Press Freedom Index auf Platz 136 abgerutscht. Der Vorwurf «antinational» zur Unterbindung jeglicher Kritik nimmt zu, mit drastischen Folgen für die Angeschuldigten. Dagegen transportiert der Pavillon der Little Magazines eine Idee der real existierenden kulturellen Vielstimmigkeit: Die Themenbreite reicht von literarischen Experimenten über Texte zur Geschichte des bengalischen Films oder zur LGBTQ-Bewegung bis zu monothematischen Publikationen, die sich etwa dem Sujet Paare widmen. Und auch wenn die Auflagen klein sind – von einem bekannteren Magazin wie «Moon Eclipse» werden gerade mal 500 Stück gedruckt –, markieren die AktivistInnen Selbstbewusstsein. Sandip Gupta, seit 1978 Betreiber des Little Magazine Library and Research Centre, boykottierte 2008 mit weiteren UnterstützerInnen die Messe, um gegen staatlichen Landraub zu protestieren.

Doch auch die offiziellen Verlage zeigten sich an der Buchmesse mit engagiertem Programm: darunter Historisches zur Hungersnot von 1943, Kinderbücher zur Förderung der Lesefähigkeit und bengalische Gedichte. Auffallend war auch, dass in vielen Büchern die linksintellektuelle Geschichte von Westbengalen thematisiert wird und die Verbundenheit zu den «tribes».

Gesellschaftliches Ereignis

Wie in ganz Indien ist auch in Westbengalen eine Aufsichts- und Zensurbehörde aktiv; die Zusammenarbeit mit ihr sei allerdings geprägt von einem inhaltlichen Miteinander, berichtet Sumeru Mukhopadhyay von Lyriqal Books, einem Verlag, der Erlebnisberichte von Naxaliten-RebellInnen oder «Tribal»-Kochbücher herausgibt.

Auffallend abwesend waren dagegen national und international ausgerichtete Verlage, die primär in englischer Sprache veröffentlichen. So fehlte Seagull Books, bekannt durch Übersetzungen von Theodor W. Adorno oder Jean-Paul Sartre, aber auch durch die «African» und «Swiss List» mit Namen wie Melinda Nadj Abonji oder Urs Widmer.

Trotz ihres regionalen Charakters lockt die Buchmesse jährlich über zwei Millionen BesucherInnen an und ist als gesellschaftliches Ereignis nicht mehr aus der Stadt wegzudenken: Gerade gegen Abend strömen die Menschen in Massen in die kostenlose Messe. Bleibt zu hoffen, dass die BJP ihren Einflussbereich in der Stadt des Buchdrucks nicht weiter auszubauen vermag. Die Kolkata Book Fair bot jedenfalls auch dieses Jahr der landesweiten rechten Gleichschaltung vielstimmig Paroli.

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