Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Lose verbundene Leben

Von Caroline Baur

Die Berberfrau Yto (Saadia Ladib) hat einen Olivenbaum auf ihre Stirn tätowiert. Sie hält die Zeitebenen von Nabil Ayouchs essayistisch aufgefächertem Drama zusammen. Die unterschiedlichen Stränge des Films verknüpfen sich aber auch im kathartischen Ausbruch blutiger Proteste in Casablanca.

«Razzia» führt uns inmitten von fünf lose verbundenen Leben aus drei verschiedenen Generationen. Jede Figur hat auf ihre eigene Art mit sich und der marokkanischen Umwelt zu kämpfen. Die Stimmung ist geladen und getrübt durch religiösen Fundamentalismus, Antisemitismus und patriarchale Gewalt, aber auch durch einen unterwürfigen Blick nach Europa. «Was nützt Sprache, wenn sie ihnen die Stimme nehmen?», lautet der Refrain dieser mehrstimmigen Erzählung. Der tätowierte Olivenbaum steht für Widerstandskraft. Und so bewegen sich auch Ayouchs Figuren unweigerlich in Richtung eines befreiten, würdevollen Lebens – koste es, was es wolle.

Der idealistische Lehrer Abdallah (Amine Ennaji) unterrichtet seine SchülerInnen gegen den Willen der Behörden in einer berberischen Sprache, bis er verbannt wird. Seine Geliebte beschliesst, ihn zu suchen – und findet sich Dekaden später als weise Greisin in einer selbstbewussten Frauengemeinschaft in Casablanca wieder. Dort berät sie die schwangere Salima (Maryam Touzani), die nicht weiss, ob sie in diesen sexistischen Zeiten ein Mädchen gebären will. Der jüdische Barkeeper Joe (Arieh Worthalter) verbreitet gute Stimmung, erntet aber wegen seiner religiösen Herkunft bloss Abscheu. Der Musiker Hakim (Abdelilah Rachid) träumt davon, Rockstar zu werden. Die aus reichem Hause stammende Jugendliche Ines (Dounia Binebine) wiederum liebt ihre beste Freundin mehr, als es die gesellschaftlichen Verhältnisse erlauben. Ihre Geschichten verbinden sich in «Razzia» zum Stimmungsbild einer Gesellschaft, die die Hoffnungen des Arabischen Frühlings noch nicht aufgegeben hat.

Läuft im Kultkino Basel.

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