Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Fotografie ist mehr als eine schöne Geste

Mit verhaltenen Bildern beleuchtet die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada – äusserst erfolgreich – die angespannte Situation in ihrer Heimatstadt Tanger.

Von Edith Krebs

Seit Jahren gilt Yto Barrada in der Fachwelt als Geheimtipp, doch hoppla, damit scheint es nun endgültig vorbei zu sein. Barrada, Barrada, Barrada – wohin man schaut! Radio und Fernsehen wollen die Gefragte porträtieren, und auch die Printmedien lassen nur Wohlwollendes verlauten. Doch ausgerechnet an der Winterthurer Eröffnung war ihr kein Wort zu entlocken: Erkältung, totale Heiserkeit, die Stimme einfach weg! Vielleicht symptomatisch für eine Künstlerin, die eher den leisen Tönen zugeneigt ist.

Künstlerin des Jahres

2011 wurde Yto Barrada von der Deutschen Bank zur «Künstlerin des Jahres» gekürt; verbunden mit dieser Auszeichnung ist eine Ausstellungstour durch verschiedene Museen in Europa und den USA. Teilnahmen an zahlreichen Biennalen und anderen «wichtigen» Ausstellungen runden das Karriereprofil der 41-Jährigen ab.

Dieser fulminante Durchbruch erstaunt angesichts eines Werks, das alles andere als spektakulär erscheint. Barradas Fotografien sind von einer grossen Zurückhaltung geprägt; es sind assoziative Bilder, die von Andeutungen leben und sich erst in der Zusammenschau, in der bedeutungsvollen Anordnung zu einzelnen Werkgruppen, erschliessen.

Betrachten wir das grossformatige Porträt eines kleinen Jungen, dessen Kopf mit einem Kranz aus Oxalis-Blüten geschmückt ist («Couronne d’Oxalis», 2006). Ernst, fast abweisend sind sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung, ein Widerspruch zu den lieblichen gelben Blüten, die farblich einen schönen Kontrast zu seinem türkisfarbenen Hemd ergeben. Im unscharf fotografierten Hintergrund sind einige kahle Baumstämme zu erkennen, die jedoch keinen Rückschluss auf eine konkrete Örtlichkeit erlauben.

Im selben Raum treffen wir auf eine Ansicht von ganz oder halb fertig gebauten Häusern; ein Haufen roter Backsteine im Vordergrund verweist auf die rege Bautätigkeit in dieser kargen, hügeligen Landschaft («Briques», 2003/2011). Auf einer weiteren Fotografie sehen wir eine Menge achtlos weggeworfener Kartonverpackungen am Rande einer Treppe inmitten einer Art Niemandsland. Hier immerhin verweist der Titel «Emballages à la frontière» (1999/2011) auf das Thema der Grenze, das in der Arbeit der marokkanischen Künstlerin eine zentrale Rolle spielt.

Die nordmarokkanische Stadt Tanger, an der Meerenge von Gibraltar gelegen, ist Dreh- und Angelpunkt von Barradas Schaffen. Seit rund fünfzehn Jahren lebt die Künstlerin nach Studien in Paris und New York wieder in ihrer Heimatstadt. Ihr Interesse für Fotografie entwickelte sie, als sie für ihre Dissertation in Politikwissenschaft die Strassensperren in der Umgebung von Jerusalem dokumentierte.

Eine ähnlich perverse Situation wie in der Westbank beherrscht auch die Grenzstadt zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Kontinent. Mit der Umsetzung des Schengen-Abkommens 1995 hat Europa seine Aussengrenze geschlossen, während der innereuropäische Reiseverkehr durchlässiger geworden ist. Für Menschen aus dem Süden ist seither der Weg nach Europa versperrt, während in der Gegenrichtung EuropäerInnen völlig ungehindert einreisen dürfen. Aus dem «Tor zu Afrika», wie Tanger auch heute noch gerne bezeichnet wird, ist eine touristische Einbahnstrasse geworden – auch wenn das exotische Flair der Stadt, das in den fünfziger und sechziger Jahren Schriftsteller wie Paul Bowles, Jack Kerouac und William S. Burroughs angezogen hatte, längst verblasst ist.

Viele Fotografien Barradas haben diese angespannte Situation zum Thema, so etwa «Tunnel – ancien chantier d’étude de la liaison fix Maroc-Espagne» (2002), die eine verlassene Baustelle des geplanten Gibraltartunnels zwischen Marokko und Spanien zeigt, oder das Bild zweier schwarzafrikanischer Flüchtlinge in einem Lager in der spanischen Enklave Ceuta, die an Baumstämme gelehnt die Zeit vorüberziehen lassen («Camp de Calamocarro, Sebta, 1999/2011).

Zeichen der Globalisierung

Yto Barradas Fotografien sind politisch, ohne indessen je explizit zu werden. Schuldige werden hier nicht genannt, vielmehr hält die Kamera seismografisch die Auswüchse der Globalisierung fest, die dem Kapital eine grenzenlose Zirkulation erlauben, während vielen Menschen jegliche Mobilität versagt bleibt. Konzentriert nimmt die Künstlerin Nebenschauplätze ins Visier, in denen Zeichen des urbanen Zerfalls, der illegalen Migration und der bedrückenden Situation der lokalen Bevölkerung aufscheinen. Und immer wieder verwebt sie diese Spurensuche mit Persönlichem, etwa wenn in «Arbre généalogique» (Stammbaum) auf einer ausgebleichten, rosa marmorierten Wand Umrisse von entfernten Familienporträts sichtbar werden oder sie im Film «Hand-me-Downs» (2011) aus anonymen Heimkinofragmenten ihre eigene Familiengeschichte rekonstruiert.

Mag sein, dass sich diese distanzierte Haltung auf lange Sicht als wirkungsvoller erweist als die anklagende Rhetorik der traditionellen Dokumentarfotografie. Yto Barrada hat aber auch eine andere, lautere Seite. In ihrem 2009 gedrehten Kurzfilm «Beau Geste» interveniert sie direkt in die fragwürdigen Praktiken, die den marokkanischen Alltag beherrschen. Weil in Tanger nur dort gebaut werden darf, wo keine Bäume wachsen, hat ein Grundbesitzer eine Palme zu vergiften versucht. Auf Initiative von Barrada versuchen drei Männer in einer illegalen Aktion, das Wurzelwerk der Pflanze zu reinigen und anschliessend mit Kies zu stabilisieren. Ein aktivistischer Impuls steht auch hinter der Cinémathèque de Tanger, einem von Yto Barrada 2005 gegründeten Kino und Kulturzentrum. Mit diesem Gemeinschaftsprojekt ist es ihr gelungen, die kulturelle Ödnis der Stadt aufzumischen und der lokalen Bevölkerung eine Perspektive zu geben.

«Riffs», die Ausstellung von Yto Barrada im Fotomuseum Winterthur, dauert noch bis 10. Februar 2013. Der Katalog, erschienen bei Hatje Cantz, kostet 49 Franken. www.fotomuseum.ch

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