Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Vision einer vielfältigeren Welt

Von der Fähigkeit, Unterschiede zu feiern: Was uns eine Ausstellung aus den fünfziger Jahren über den Universalismus der Gegenwart beibringen kann.

Von Andreas Schwab

Ein Angebot für eine Welt, die gefordert ist, kulturelle Unterschiede fruchtbar zu machen: «The Family of Man» bei der Erstpräsentation in New York, 1955. Foto: Andreas Feininger, Getty

Kann man in einer fragmentierten Welt ein gemeinsames Anliegen aller Menschen ausmachen? Und wie soll man mit den Differenzen zwischen unterschiedlichen kulturellen Gruppen umgehen? Weil sie das Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft betreffen, haben Fragen des Universalismus jüngst eine verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Etwa wenn nach einer Abstimmung der Graben zwischen Stadt und Land aufklafft, wenn ein Burkaverbot diskutiert wird oder die Frage im Raum steht, ob der Händedruck in der Schule ein abendländisches Kulturgut sei.

Als reiches und in sich widersprüchliches historisches Anschauungsmaterial zur Beantwortung solcher Fragen bietet sich die über sechzig Jahre alte Ausstellung «The Family of Man» an. Sie ist explizit mit einem universalistischen Anspruch konzipiert worden und kann bis heute 9im mittelalterlichen Schloss Clervaux im Norden von Luxemburg besichtigt werden. Als eine der erfolgreichsten Fotoausstellungen aller Zeiten ist «The Family of Man» von über zehn Millionen Personen besucht worden, der Ausstellungskatalog ist eines der meistverkauften Fotobücher überhaupt. Schon 1955, im Jahr ihrer Erstpräsentation im Museum of Modern Art von New York, wanderte die Ausstellung durch die USA und nach Europa, dann nach Moskau, Afghanistan und Rhodesien – insgesamt waren es 37 Länder.

Bilder der Eintracht

Zum legendären Ruf von «The Family of Man» hat auch die Entstehung beigetragen: Anfang der fünfziger Jahre sichtete Edward Steichen zusammen mit seinem Assistenten Wayne Miller ungefähr sieben Millionen Aufnahmen, von denen sie 503 definitiv für die Ausstellung auswählten; unter den FotografInnen sind Grössen wie Diane Arbus, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson oder, aus der Schweiz, Robert Frank, Jakob Tuggener, René Groebli, Sabine Weiss und Werner Bischof.

Tritt man in die dunkel gehaltenen Ausstellungsräume, wird man vom Pathos der fokussiert beleuchteten Fotografien überwältigt. Die teils monumentalen, teils nur porträtgrossen Schwarzweissfotos, angeordnet entlang der grossen Menschheitsthemen wie Geburt, Alltagsleben in der Familie, Feste oder Tod, strahlen eine ungeheure Wucht aus. Alle Fotografien sind nur mit einer minimalen Legende versehen, wie überhaupt Steichen in der Ausstellung ganz auf einordnende Sachtexte verzichtete. Stattdessen integrierte er poetische Texte von Navajos, aus der Bibel oder vom Philosophen Bertrand Russell. Auch ein Zitat aus dem Tagebuch von Anne Frank hat Eingang in die Ausstellung gefunden: «Trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen.»

In dem von Steichen verfolgten humanistischen Ansatz ähnelt «The Family of Man» weniger einer thematischen Fotoausstellung als vielmehr einem Essay, der die These von der Vergleichbarkeit menschlicher Erfahrung ungeachtet aller politischen Systeme zu belegen versucht. Das lässt sich an den zwölf verwandten Fotografien von Ringelreihen verdeutlichen, die in der Ausstellung versammelt sind: Sie stammen aus so unterschiedlichen Ländern wie Frankreich, Japan, China, Peru, Spanien, der Sowjetunion, Rumänien, Deutschland, Israel, der Schweiz und Italien. In zwölffacher Bekräftigung zeigen sie, wie Männer, Frauen und Kinder sich an der Hand fassen, wie sie sich im Kreis drehen, wie alle miteinander verbunden sind und niemand ausgeschlossen ist, egal ob es sich um italienische Mädchen beim Spielen in den Ruinen ihres zerstörten Waisenhauses (1948) oder um Schweizer Älpler handelt. Es sind Bilder der Eintracht und Harmonie, nicht selten vor einem bedrohlichen Hintergrund wie einem Friedhof in West Virginia.

Das war auch Ausdruck eines Zeitgeists: In den fünfziger Jahren war die politische Situation in den USA prekär. Nach dem Sieg über den Faschismus waren die ehemaligen Verbündeten Sowjetunion und China zu neuen Feinden aufgestiegen. Innerhalb der USA selbst gab es grosse Spannungen, rechte DemagogInnen wie der Senator Joseph McCarthy hetzten gegen die «KommunistInnen», als die sie kritische BürgerInnen innerhalb des Staats- und Kulturlebens denunzierten. Ganz augenfällig verfolgte Steichen mit «The Family of Man» die Vision einer vielfältigeren und toleranteren Welt. Der weltweite Erfolg der vordergründig apolitischen Ausstellung hatte sicher auch damit zu tun, dass sich Steichens Vorlieben und Intuitionen mit denen seines Publikums deckten. Beide wollten sie nicht die halbe Welt als Feind sehen – trotz der Polarisierung des Kalten Krieges. Stattdessen versuchte Steichen, die Einheitlichkeit der menschlichen Erfahrung zu zeigen, ungeachtet aller staatlichen und kulturellen Grenzen. Das westliche Modell wurde immer in Verbindung mit anderen Modellen gezeigt, die japanische Familie hatte in der Ausstellung ebenso ihren Platz wie die US-amerikanische oder die afrikanische.

Unterströmung von Protest

Ebendieser Ansatz Steichens stiess jedoch auf fundamentale Kritik. Der französische Kulturtheoretiker Roland Barthes befürchtete in seinem schneidenden Urteil, «dass die Rechtfertigung dieses ganzen Adamismus darauf hinausläuft, für die Unveränderbarkeit der Welt die Bürgschaft einer ‹Weisheit› und einer ‹Lyrik› zu liefern, durch die die Gebärden der Menschen nur verewigt werden, um sie leichter zu entschärfen». Er nahm den Artikel über «The Family of Man» in sein Buch «Mythen des Alltags» (1957) auf, und Legionen von KulturkritikerInnen folgten ihm in seinem Urteil. Unter ihnen die Essayistin Susan Sontag: «Indem sie zu zeigen vorgibt, dass die Menschen überall auf der Welt auf die gleiche Weise geboren werden, arbeiten, lachen und sterben, verleugnet ‹The Family of Man› den prägenden Einfluss der Geschichte – der echten, historisch bedingten Unterschiede, Ungerechtigkeiten und Konflikte.» Eine ins Allgemeingültige transponierte Conditio humana sei bedeutungslos.

2012 vertrat der kalifornische Kulturtheoretiker Fred Turner eine dezidierte Gegenposition zu Sontag und Barthes. Für ihn modellierte «The Family of Man» eine tolerantere Gesellschaft, in der die Menschen nach ihren eigenen Vorstellungen leben konnten: variantenreich, individualistisch und frei. Andere Ethnien würden hier gezeigt, AfrikanerInnen, JapanerInnen ebenso wie die kommunistischen RussInnen und ChinesInnen, wobei Steichen bewusst die Ähnlichkeiten der einzelnen Gruppen und nicht ihre Unterschiede herausstreiche. Auch zeige Steichen mit einer polygam lebenden afrikanischen Familie durchaus auch Abweichungen vom traditionellen westlichen Familienmodell.

Gemäss Turner hat Steichen damit die Theoreme von Harold Dwight Lasswells «Democratic Character» (1951) in eine künstlerische Form gebracht. Denn in Demokratien seien im Unterschied zu den autoritären Staaten ethnische, sexuelle und kulturelle Unterschiede akzeptiert. Die «Fähigkeit, Unterschiede zu feiern» mache Demokratie aus. Für Turner trug «The Family of Man» damit bereits eine Unterströmung des Protests und des utopischen Globalismus in sich, der die Welt ab den sechziger Jahren prägen sollte.

Notgedrungen verengt

Auch die israelische Fototheoretikerin Ariella Azoulay hat jüngst eingewendet, dass Barthes und Sontag «The Family of Man» als Einheit – sozusagen einzig als Konstrukt ihres Kurators Edward Steichen – betrachtet hätten. Dabei seien die multiplen, einander nicht selten widersprechenden Betrachtungsweisen ausser Acht gelassen worden. BesucherInnen seien nie bloss passive RezipientInnen, sondern mitbeteiligt an der Konstruktion und Interpretation der Ausstellung. Damit lässt sich die Kritik von Barthes und Sontag direkt gegen sie selbst wenden: Mit einem Kniff hätten die beiden ihr eigenes Argument universalisiert, um es künstlich zu stärken, folgert Azoulay.

Während der nun schon über sechzig Jahre dauernden Rezeptionsgeschichte wurde «The Family of Man» als uramerikanische Ausstellung gesehen: Westliche Werte wie Demokratie, Freiheit und Variantenreichtum würden als Massstab für die ganze Welt gesetzt. Machte sie dies zu einem visuellen Monolithen der US-Lebensart, wie KritikerInnen monierten? Wurden in ihr universelle Werte verhandelt, die überall gelten sollten – oder werden doch nur die Werte des Westens in nahezu kolonialistischer Weise ungeachtet aller kulturellen Unterschiede auf die gesamte Welt übertragen? In vielen aktuellen Diskussionen, etwa zur Stellung der Frauen in strengen Religionsgemeinschaften, werden solche Fragen – und Vorwürfe – erneut aufgegriffen.

Aus der Ausstellung lässt sich eine differenzierte Antwort ablesen, und das macht sie bis heute brandaktuell. Zwar schwingt manches überholte Zeitkolorit aus den fünfziger Jahren in ihr mit: Frauen in Führungspositionen kommen ebenso wenig vor wie die gleichgeschlechtliche Liebe. Die Betonung liegt auf dem Völkerverbindenden und Zeitlosen, konkrete politische Kämpfe sind höchstens angedeutet. Deutlich wird, dass die Sicht Steichens und seiner MitstreiterInnen, obschon auf das Universalistische bedacht, notgedrungen verengt bleiben muss und die intendierte Weltsicht nicht umfassend einlösen kann – aber welche Ausstellung könnte das schon?

Stets neu aushandeln

Mit gutem Recht ist eingewendet worden, dass die homogenisierenden Ansätze, die KritikerInnen der Ausstellung unterstellen, im Austausch mit dem gemischten weltweiten Publikum ständig unterlaufen werden. Universalistische Fragestellungen werden durch «The Family of Man» immer wieder neu aktualisiert und letztlich konsequent auf die Betrachtenden zurückgeworfen.

So bietet «The Family of Man» ein weiterhin bedenkenswertes Angebot für eine Welt, die gefordert ist, mit kulturellen Unterschieden umzugehen und sie fruchtbar zu machen. In dieser universalistischen Perspektive dürfen und sollen wir uns ein reflektiertes Werturteil über Entwicklungen in der Welt erlauben, ohne dass dies in jedem Fall als ungebührliche Einmischung empfunden werden soll. Im Sinne eines reflexiven Universalismus ist es legitim, den Verschleierungszwang für Frauen oder die Beschneidung moralisch zu verurteilen; damit ist keine «Vergleichgültigung der Erdoberfläche» verbunden, wie der rechte Denker Frank Böckelmann seinen Antiuniversalismus begründet. Zugleich gilt es auszuhalten, dass es auf viele Fragen keine eindeutigen abschliessenden Antworten geben kann. Wo die Grenze zwischen unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten und weltweit verbindlichen Standards liegen soll, ist stets neu auszuhandeln. Es kann hier, auch das legt «The Family of Man» nahe, keine eindimensionalen, «stabilen» Antworten geben, da sich angeblich zeitlose Werte wie Familie, Ehe oder Freundschaft ständig verändern. Auch das ist eine Einsicht, die bei einem Ausstellungsbesuch in Clervaux eindrücklich bestätigt werden kann.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch