01.05.2003

Operettenimperialismus

AmerikanerInnen konsumieren mehr, als sie produzieren, damit wächst die wirtschaftliche Abhängigkeit. Auch als Schutzmacht sind die USA nicht mehr gefragt. Mit einem verzweifelten Willen zur Weltgeltung kompensieren sie ihren Machtverlust.

Von Ulrich Berger und Christoph Stein*

Allenthalben hört man von der unendlichen Überlegenheit der USA, von ihrer ökonomischen Übermacht, ihrer waffentechnischen Einzigartigkeit, ihren unendlichen Ressourcen. Im scharfen Kontrast zur angeblichen Allmacht der USA stand das Vorspiel zum Irak-Krieg im UN-Sicherheitsrat: Die USA und Grossbritannien standen allein. Mexiko, Chile und Deutschland sagten Nein, selbst politische und wirtschaftliche Zwerge wie Angola muckten auf, und zum Schluss verweigerte gar die Türkei die Gefolgschaft. Und auch jetzt geht das Gezerre in der Uno munter weiter. Zwei Fragen drängen sich auf: Sind die USA wirklich so mächtig? Braucht die Welt diese Macht überhaupt?

Emmanuel Todd, französischer Historiker und Demograf, der in einer Studie schon 1976 den Untergang der Sowjetunion vorhergesehen hat, beantwortet in seinem Essay «Weltmacht USA: Ein Nachruf» beide Fragen mit einem klaren Nein.

Die globale Schwäche der USA

Todd steht damit in einer Reihe verschiedener Theoretiker, für die die USA sich eher im Niedergang als im Aufstieg befinden. Erinnert sei an einige Stimmen aus der letzten Zeit. Immanuel Wallerstein, einer der führenden Historiker an der Yale-Universität, schrieb in der Zeitschrift «Foreign Policy» einen langen Aufsatz, «The Eagle Has Crash Landed», unter der Frage: «Werden die Vereinigten Staaten lernen, ruhig zu verblassen, oder wird der Widerstand der Konservativen den langsamen Niedergang in einen raschen und gefährlichen (für die ganze Welt gefährlichen) Fall verwandeln?» Anatol Lieven von der Carnegie-Stiftung beschreibt das Dilemma eines amerikanischen Imperiums: Es ist entweder zu teuer, oder es funktioniert nicht.

Charles Kupchan, Professor an der Georgetown University, stellt die Frage nach dem Ende des Westens und dem Beginn einer Entfremdung zwischen Europa und den USA mit ungewissem Ausgang für die USA. Martin Walker, Fellow am World Policy Institute, spricht von Amerikas virtuellem Imperium aus Microsoft und Coca-Cola und warnt vor dem Bestreben nach einem realen Imperium, das dann ebenso verwundbar wird wie alle Imperien, die in der Geschichte schon untergegangen sind. Michael Hardt warnt die globalen Eliten, dass der US-Imperialismus nicht in ihrem Interesse ist, da er dem alten und stets gescheiterten hybriden Glauben eines jeden Imperialismus folgt, er könne die Welt nach seinem Bilde formen.

Todd sieht in dem martialischen Auftreten der USA auf der Weltbühne den Versuch, die eigene Schwäche zu überspielen und sich unentbehrlich zu machen. Tatsächlich brauche die Welt die USA nicht als Weltmacht, auch nicht im Kampf gegen den Terrorismus. Dieser werde sich ganz von selbst erledigen, meint Todd.

Für Todd befindet sich die Welt auf einem eigentlich guten Wege. Es gibt einen gewaltigen kulturellen Fortschritt, der alle Länder, auch und gerade die ärmsten, erreicht hat. Im gleichen Masse, wie die Alphabetisierungsquote weltweit gestiegen ist, ist die Geburtenrate weltweit gesunken. Beide Tendenzen zusammen bewirken eine kulturelle Revolution, die die Menschen aus ihren traditionellen Verwurzelungen herausreisst und sie in eine Übergangskrise aus Orientierungslosigkeit und Leid sowie Aufbruch und Hoffnung stürzt. Diese Übergangskrise ist nicht sehr verschieden von der Krise, die wir in Europa vor zweihundert, dreihundert Jahren durchlebt haben.

Am Ende der Krise, die in den islamischen Ländern den Terrorismus hervorgebracht hat, wird ebenso wie in der europäischen Vergangenheit eine Stabilisierung und eine Demokratisierung eintreten, in welcher Form auch immer. Der Terrorismus ist ein vorübergehendes Phänomen, das in nächster Zukunft von selber verschwinden wird, ganz ohne jegliche Intervention von aussen. Die Welt befindet sich unaufhaltsam auf dem Weg zu Demokratie und Liberalität. Todd fügt mit diesen Überlegungen demografisches Fleisch an die dürren, spekulativen Thesen Francis Fukuyamas. Für die USA bedeutet dieser Prozess der Demokratisierung der Welt eine ernsthafte Bedrohung: Sie wird als Weltpolizist überflüssig.

Verlust der Hightech-Überlegenheit

Zu diesem Funktionsverlust kommt nach Todd noch eine weitere Kränkung hinzu: Die USA befinden sich wirtschaftlich in einer Situation zunehmender Schwäche. Todd begründet dies mit dem schon vielfach diskutierten Fakt des immensen Aussenhandelsdefizits. Dieses Defizit wird in der linken Debatte gerne als Menetekel des bald bevorstehenden endgültigen Zusammenbruchs des Kapitalismus angesehen, Todd interpretiert es jedoch auf eine neue und theoretisch interessante Weise.

Tatsächlich bleibt das Wachstum der industriellen Güterproduktion der USA seit Mitte der achtziger Jahre hinter den anderen Branchen, insbesondere Handel, Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen, weit zurück. Im gleichen Masse wächst das Handelsbilanzdefizit. Es hat im letzten Jahr die astronomische Summe von fünfhundert Milliarden Dollar pro Jahr angenommen. Diesen Daten entspricht auch die Alltagserfahrung: Computer stammen aus Taiwan, Werkzeugmaschinen und Autos aus Deutschland, Roboter aus Japan. Einzig in einigen engen Segmenten der Computerindustrie halten die USA noch Monopole, und auch Microsoft behauptet sich noch im Markt der Betriebssysteme und Bürosoftware, obgleich bedroht von Linux und anderen Open-Source-Projekten. Ansonsten kämpfen die USA um ihre Pfründe aus vergangenen Zeiten, um Urheberrechte und Patente. Der amerikanische Kapitalismus ist auf dem Weg in den Rentierkapitalismus. Die USA haben ihre Produktion ausgelagert, damit haben sie aber auch ihren Entwicklungsvorsprung verloren.

Die USA haben ihre Überlegenheit auf dem Hightech-Sektor nicht kampflos aufgegeben, sie haben alles, was ihnen möglich war, versucht: Geheimhaltung, Exportbeschränkungen, Industriespionage. Es hat alles nichts genutzt. Grund war vermutlich, neben rein ökonomischen Faktoren, ein kultureller Faktor.

«Ökonomie» ist nach unserer Überzeugung keine ontologische Wesenheit, die man aus sich selbst heraus begreifen könnte, sondern bestenfalls eine Betrachtungsweise mit begrenzter Aussagekraft. In das tatsächliche Wirtschaften gehen politische, mentale, demografische und andere Faktoren mindestens gleichgewichtig ein. Am Beispiel der Software-Entwicklung wird dies anschaulich. Im US-amerikanischen, wenn auch vielleicht nicht im kalifornischen Verständnis ist Software, wie jede andere geistige Schöpfung auch, eine Ware wie alle anderen, verdammt dazu, ein Handelsartikel zu sein und seinem Produzenten – möglichst viel – Geld einzubringen. In einem alteuropäischen und auch asiatischen Sinn ist eine geistige Schöpfung, also auch Software, Gemeineigentum der Menschheit. Dieser geistige Krieg zwischen einem proprietären und besitzegoistischen und einem universalistischen und kooperativen Verständnis der neuen Technologien ist unserer Überzeugung nach im Begriffe, zugunsten des universalistischen und kooperativen Zugangs auszugehen.

Neue Technologien, also wissensbasierte Technologien, üben einen stummen Zwang zur Kooperation, zum Universalismus aus. Kein Konzern, kein Land kann sich dieses Wissen monopolistisch aneignen. Ein Unilateralismus auf dem Gebiet der Hightech ist nach unserer Überzeugung zum Scheitern verurteilt. Im Fall der USA ist das bereits geschehen. Da dieses Scheitern der neoliberalen Ideologie, dem Glauben an die Macht des Egoismus und der Abgrenzung, widerspricht, dürfte diesem Glauben auch keine grosse Zukunft beschieden sein. Die USA haben ihren technischen Vorsprung auf fast allen Gebieten eingebüsst. Todd erwähnt in seinem Buch exemplarisch das europäische Satellitennavigationssystem Galileo und die Stärke von Airbus.

Der amerikanische Aktienboom

Die USA sind den Weg der geringsten Mühen gegangen. Sie haben ihre Position als letzte Supermacht sowie die Rolle des US-Dollar als faktische Weltwährung ausgenutzt und eine Politik des starken Dollar verfolgt. Dieser schwächte zwar die US-Industrieproduktion und begünstigte die Importe, mit der Folge eines wachsenden Handelsbilanzdefizits, auf der anderen Seite aber war der US-Dollar ein natürlicher sicherer Hafen, eine globale Anlagewährung. Die USA konnten so ihre defizitäre Handelsbilanz über Kapitalimport finanzieren, was die Aktienkurse stetig steigen liess und damit wiederum neues Kapital anlockte und die Kurse weiter in die Höhe trieb.

Die USA exportieren keine Waren, sie exportieren Aktien. Dieser Export stieg von 35 Milliarden US-Dollar im Jahr 1991 auf 502 Milliarden US-Dollar im Jahr 2001. Der Kauf einer Aktie ist aber nur in Ausnahmefällen, bei den eher seltenen Aktienemissionen, eine Investition in ein Unternehmen. In den meisten Fällen ist der Aktienhandel ein Secondhand-Handel: der Kauf einer Aktie von einem Vorbesitzer. Und dieser kann sich für das Geld dann Beliebiges kaufen, Truthahnbraten, Rotwein oder auch einen neuen Porsche. Das Resultat ist eine historisch bisher einzigartige Situation: Die USA bilden den globalen Endverbraucher im Sinne der Keynes’schen Theorie, der die ganze Welt für sich arbeiten lässt und diesen Megakonsum mit dem Profit der Eliten der anderen Länder finanziert. Dieses Geld fehlt dann trivialerweise in den anderen Ländern, mit der Folge, dass dort die Nachfrage zusammenbricht. Diese schwelende Deflation kann jederzeit in eine akute deflationäre Abwärtsspirale umschlagen.

Todd beschreibt das als eine globale keynesianische Situation: Das weltweite Zinskapital wird von den USA aufgesogen und in Konsum verwandelt. Die Situation der USA erinnert an das römische Imperium. Auch Rom hat die Produkte der ganzen damaligen Welt konsumiert und selbst wenig produziert, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied: Die damaligen unterworfenen Völker, ihre Eliten ebenso wie deren Untertanen, wussten sehr genau, welchen Tribut sie Rom entrichten mussten. Heute wird stattdessen in populistischen Wirtschaftsmagazinen der naive Glaube genährt, das Geld, das an die Wallstreet fliesst, werde in produktive Anlagen investiert. Ein Glaube, der unserer Ansicht nach durch diverse Mythen noch verstärkt wird.

Die Mythen über das Wunder der amerikanischen Wirtschaft lassen sich in eine einfache Formel fassen: Wir sind noch nicht so weit. Man stilisiert die einzigartige Situation der USA zum historischen Trend, liest etwa aus dem Niedergang der amerikanischen Industrie und dem Aufblähen des Dienstleistungssektors und des Konsums eine neue historische Epoche heraus und erfindet eine neue Gesellschaftsformation: die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft.

Tatsächlich bedeutet der technische Strukturwandel das Ende der fordistisch organisierten Industrie. Also nicht die Abkehr von der Industrie überhaupt, sondern eine anders organisierte Industrie. Ihre Kennzeichen sind enge kooperative Strukturen aus Grundlagenforschung, Entwicklung und Produktion in kleinen, flexiblen Einheiten.

Der Untergang der fordistischen Industrie hat eine immense Zahl von Arbeitskräften in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ob die neuen Produktionsstrukturen eine gleichwertige Zahl neuer Arbeitsplätze schaffen, ist noch offen, auf jeden Fall wird sich das Qualifikationsprofil entscheidend wandeln. Für unqualifizierte Hilfskräfte besteht kaum noch Bedarf. Die verselbständigten Kapitalströme hingegen verzerren das Bild, sie bewegen sich konträr zur tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Krise der New Economy hat gewisse Zweifel geweckt an der Zukunftsfähigkeit der US-Ökonomie. Der Enron-Skandal, der Offenbarungseid des US-Besitzegoismus beim Umgang mit den neuen Technologien, demonstrierte den Eliten der Vasallen die Brüchigkeit des amerikanischen Wunders.

Die amerikanische Paranoia

Das Resultat der Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre ist für Todd eine allseitige wirtschaftliche Abhängigkeit der USA. Sie sind abhängig vom Warenimport, nicht nur beim Öl, sondern bei allen Produkten, und sie sind abhängig vom Kapitalimport. Diese Abhängigkeit ist für die USA eine neue Erfahrung. In ihrer gesamten bisherigen Geschichte waren sie wirtschaftlich autark. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam zu dieser Stärke noch ihre Rolle als Schutzmacht der kapitalistischen Nationen gegenüber der Sowjetunion hinzu. Sie waren stark, sie wurden gebraucht und sie konnten sich ihren gewaltigen Rüstungsaufwand leisten. Mit dem Ende der Sowjetunion haben sie ihre Funktion als Schutzmacht verloren und ihre Autarkie eingebüsst.

Der bequeme Weg, den die USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegangen sind, führte sie in eine kontradiktorische Situation. Die Auslagerung der Produktion in die Peripherie widerspricht dem Wunsch nach ihrer Beherrschung. Die Peripherie gewinnt technische Kompetenz und damit Macht und Selbständigkeit, die Zentrale des globalen Kapitals verliert dagegen ihre Überlegenheit. Europa entgleitet der Kontrolle, Russland erholt sich wieder, China entwickelt sich unaufhaltbar zur Wirtschaftsmacht, und Japan behauptet sich trotz Dauerkrise. Mit dem Euro und der Entwicklung hightechgestützter neuer Handelsplattformen – Ware gegen Ware – droht der Verlust des US-Dollar-Monopols und damit das mögliche Ende des scheinbar unendlichen Kapitalimports.

Dies stürzt die USA in eine tiefe paranoide Krise. Ihre Antwort ist der verzweifelte und hybride Wille zur imperialen Weltgeltung. Innenpolitisch schwindet das universelle, der Gleichheit zugewandte Bewusstsein, es steigt die Diskriminierung, etwa der Schwarzen und der Latinos. Dieser innenpolitische Rassismus geht einher mit dem Willen nach imperialer Herrschaft über die Welt. Israels Diskriminierung der PalästinenserInnen wird so zum Vorbild.

Jedoch reicht die tatsächliche Stärke der USA zu einem offenen weltweiten Imperialismus nicht aus. Aus dieser Schwäche heraus und dem paranoiden Wunsch nach Stärke folgt eine theatralische Simulation der Überlegenheit, ein theatralischer Mikromilitarismus. Die USA haben keine imperiale Strategie, sie schaffen nur, wo sie können, Unordnung, um sich dann als angeblich unverzichtbare Ordnungsmacht ins Spiel zu bringen. Es war unserer Ansicht nach schon immer eine Strategie der USA, die eigene Stärke durch die Schwächung des Gegners zu sichern. Diese Strategie setzt aber eine tatsächliche eigene Stärke voraus. In dem Masse, in dem diese schwindet, wird diese Strategie irrational.
Der theatralische Mikromilitarismus der USA treibt die euroasiatischen Mächte in ein gemeinsames Boot. Absehbare Folge wird eine multipolare Welt sein, in die sich auch die USA einordnen werden. Die regionalen Wirtschaftszentren werden wieder einen eigenen Keynesianismus entwickeln müssen, samt einem die Demokratie fördernden neuen wirtschaftlichen Protektionismus. Die Uno wird zukünftig eine wesentlichere Rolle spielen. Damit wird aber der globale Wallstreet-Keynesianismus unhaltbar.

Die USA werden sich also umorientieren und wieder selbst produzieren müssen. Todd sieht dies aber nicht als prinzipielles Problem an. Zwar schätzt er, dass der Lebensstandard der USA um fünfzehn bis zwanzig Prozent sinken dürfte, wenn sie ihr Handelsbilanzdefizit ausgleichen müssen, weil der Kapitalimport ausbleibt. Die amerikanische Flexibilität werde auch dieses Problem meistern. Wir denken, dass man an diesem Punkt skeptischer sein sollte. Immerhin gibt es in den USA einen recht militanten bewaffneten Rassismus.

Neoliberale Diktatur der Eliten?

Im ersten Beitrag zur aktuellen WoZ-Debatte (WoZ Nr. 14/03) hat Oliver Fahrni die Grundthese vertreten, es gehe nicht primär um die USA, sondern um den Weltbürgerkrieg einer globalisierten Elite gegen den Rest der Menschheit. Tatsächlich sei Globalisierung ein soziales Erdbeben: die Lösung eines entscheidenden Teils des Kapitals von ihren Gesellschaften, also die Emanzipation von jener Form der politischen Organisation der Menschheit, die das Kapital mitgeschaffen habe. Zwischen 1985 und 1995 entstanden mehr transnationale Konzerne als in den zweihundert Jahren zuvor. Sie erwirtschaften heute fünfzig Prozent der Wertschöpfung. Da ist eine Ökonomie entstanden, die sich jedem politischen Zugriff entzieht. «Die rechten Revolutionäre um Wolfowitz & Kristol glauben, dass die Menschheit vor der Alternative steht, entweder mit der Marktwirtschaft zu brechen – was sie nicht wollen – oder mit zunehmenden sozialen Differenzen, zunehmender Gewalt, dem molekularen Bürgerkrieg zu leben. Dafür rüsten sie. Die Burg zieht die Zugbrücke hoch», schreibt Fahrni. «Gated Communities sind das künftige Lebensmodell für die Eliten. Amerika sucht keine territoriale Ausdehnung. Sein Imperialismuskonzept ist nicht mehr amerikanisch – es ist das Unterfangen, sich den globalisierten Eliten als Gewaltmonopolist anzubieten. Um das durchzusetzen, werden Feinde geschaffen.»

Wir haben an diesen Überlegungen unsere Zweifel. Ist Marktwirtschaft dasselbe wie Globalisierung? Wie sollen die strukturellen Nachfrageprobleme der Marktwirtschaft gelöst werden ohne keynesianische Lösung, wie auch immer diese aussieht, also ohne Transformation des Zinskapitals in Konsumnachfrage, also ohne realwirtschaftliche Wertschöpfung? Dies ist die Stärke der Todd’schen Überlegungen, auf die Oliver Fahrni leider nicht eingeht. Eine Diktatur der Elite bringt zur Lösung dieses prinzipiellen Problems nichts.

Kann eine postfordistische Industrie als Diktatur einer Elite funktionieren? Gibt es kooperative Strukturen in einer neoliberalen Situation? Technologisch führend sind Japan und Deutschland, also Länder, in denen der Neoliberalismus umstritten ist. Die Gated Communities gibt es in den USA und in einigen Ländern Südamerikas, also Ländern mit ruinierter beziehungsweise mit schrumpfender Industrieproduktion.

Zugespitzt formuliert: Sind die Eliten der Zukunft rassistische Kapitaleliten, eingemauert hinter Stacheldraht und bewacht von privaten Armeen? Oder sind nicht vielmehr universalistisch orientierte Bildungs- und Wissenseliten die Motoren der engen Verschmelzung von Wissenschaft und Produktion, an der teilzuhaben eine Zukunftsfrage für jede moderne Gesellschaft ist?

Der Text erschien zuerst bei «Telepolis: Magazin der Netzkultur»

*Ulrich Berger, 1944, Studium der Mathematik, Physik und Philosophie, langjährige Universitätstätigkeit zum Schluss an der FU-Berlin, lebt als freier Autor in Berlin. Themengebiete: Probleme der makroökonomische Entwicklung und die Perspektiven neuer Technologien.

*Christoph Stein, 1958, Studium der Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft an der FU-Berlin, lebt als freier Autor und Dramaturg in Berlin.

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