Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

«Bitte schliessen Sie das Tor richtig»

Die Künstlerin Denise Bertschi hat in Südafrika nach der Schweiz gesucht. Gefunden hat sie einen Schweizer Klub in Kapstadt, seltsame Heimattümelei und Geschichtsvergessenheit.

Von Alice Galizia

Kein schöner Land: Im Kapstädter Swiss Club wird die Heimat altertümlich und traditionalistisch inszeniert (2017). Foto: Denise Bertschi

«Am Ende der Party gehe ich rein und tanze ein bisschen, um mich glücklich zu machen», sagt John und fügt an, «weil ich Teil der Familie bin.» John ist der Hausmeister des Swiss Social and Sports Club (Swiss Club) in Kapstadt, den es seit knapp hundert Jahren gibt. Es ist ein Treffpunkt für AuslandschweizerInnen zur Vernetzung und Freizeitgestaltung. Es gibt Jassturniere und Schiesstrainings, Vorträge und Sportaktivitäten – sozusagen ein kleines Stück Schweizer Heimat in der weiten Welt.

Während eines Rechercheaufenthalts in Südafrika hat die Schweizer Künstlerin Denise Bertschi nach Verflechtungen mit der Schweiz gesucht und ihre Funde in verschiedenen Werken zu einer Ausstellung gemacht, die in Rapperswil unter dem Titel «Forever or in a Hundred Years» zu sehen ist und fast zeitgleich auch in Johannesburg eröffnet wurde. Bertschi hat den Swiss Club besucht, wo John seit rund dreissig Jahren Hausmeister ist. Wir lernen ihn in der Videoarbeit «Please ensure the gate is properly closed» kennen, in der er aus seinem Leben erzählt. John ist als Dunkelhäutiger von der Apartheid stark geprägt. Seine Erzählungen bleiben unkommentiert im Raum stehen. So wird er, der im Club immer Nebenfigur ist, zum Protagonisten. Auch wenn klar sei, wie John sagt, dass er bei Festen nicht dabei sein dürfe – das müsse er respektieren. Aber eben, am Ende der Party könne auch er tanzen.

Der Fokus auf John bietet einen exemplarischen Einblick in ein Land, das 24 Jahre nach Ende der Apartheid noch immer mit deren Nachwirkungen zu kämpfen hat und noch lange nicht die «Regenbogennation» ist, die sich Nelson Mandela einst erträumt hat. Südafrika bleibt ein geteiltes Land mit grosser sozialer Ungleichheit.

Scheinheilige Ausrede

Die Schweiz weigerte sich während der Apartheid – im Gegensatz zu fast allen anderen westlichen Staaten und der Uno –, Sanktionen und Boykotte gegen Südafrika auszusprechen. Begründet wurde dies mit der Neutralität, solche Sanktionen entsprächen nicht den Prinzipien der Schweizer Aussenpolitik. Was als politische Neutralität verkauft wurde, war kaum mehr als eine scheinheilige Ausrede und ermöglichte Banken und Firmen lukrative Geschäfte mit einem rassistischen Staat.

«Die Vorstellung der Neutralität trägt in der Schweiz massgeblich zur Identitätsbildung bei», sagt Künstlerin Denise Bertschi im Gespräch. Doch die Schweiz sei überall auf der Welt verflochten in lokale Strukturen, Handelsbeziehungen, Entscheidungen. Gerade Südafrika sei dafür ein gutes Beispiel. Dieser Kontrast zwischen angeblicher Neutralität und tatsächlicher Involviertheit interessiere sie. Zudem habe sie die Suche nach dem Unsichtbaren vorangetrieben.

Verschiedene Perspektiven auf das Apartheidsregime – und auch das Wegschauen – behandelt sie in der Arbeit «We say, we are fine. They say, we are not». Während in der Schweiz der achtziger Jahre junge Leute auf die Strasse gingen, um gegen Geschäfte mit dem Apartheidregime zu protestieren, ging das Klubleben ungerührt weiter. Newsletter aus dieser Zeit bewerben einen Vortrag über den Schweizer Franken, schalten Anzeigen für Schweizer Juweliere in Kapstadt oder zeigen Fotos der «Settlers Day Procession», an der Klubmitglieder in Trachten durch die Strassen ziehen. Diese Newsletter stellt Bertschi neben Bilder der Fotografin Gertrud Vogler, die die Antiapartheidproteste in der Schweiz festgehalten hat. Im Gegensatz dazu scheinen die Newsletterausschnitte des Klubs mit ihrer Heimattümelei wie aus der Zeit gefallen. Sie stehen jedoch gleichzeitig für die Seite der Schweiz, die sich am Protest gegen das Apartheidregime lieber nicht die Finger verbrannte, solange die Rendite stimmte. Irritierend ist hier aber auch etwas anderes: Die Darstellungen von Schwarzen auf den Plakaten der Protestierenden sind zum Teil so klischiert, wie man sie heute aus dem Werbematerial rechter Parteien kennt.

Wo hinschauen?

In Südafrika seien die Diskussionen generell stärker politisch aufgeladen als in der Schweiz, sagt Bertschi. Dort durchdringt die Apartheid noch immer den Alltag. Die Ausstellung wird auch in diesem Kontext wahrgenommen. Hier spricht währenddessen kaum jemand mehr über diese Zeit. Der diesjährige hundertste Geburtstag des 2013 verstorbenen Nelson Mandela wurde zwar von einigen Zeitungen zum Anlass genommen, die Entwicklung Südafrikas seit dem Ende der Apartheid unter die Lupe zu nehmen. Über die Geschäfte der Schweiz und die fehlenden Entschädigungen wurde dabei aber kaum berichtet. Wieder stellt sich die Frage: Wo schaut man hin? Und wo lieber weg?

Währenddessen scheint im Swiss Club alles beim Alten zu bleiben. Bertschis Fotografien zeigen die derzeitige Innenausstattung: Da hängen eine Kuhglocke, viele Schweizerkreuze, ein Foto des Matterhorns. Altertümlich und traditionalistisch wirkt sie, die Schweiz, die hier inszeniert wird. Vielleicht lindert dies das Heimweh der Expats ein wenig. Passend dazu zeigt eine Fotografie zwei Bierdeckel auf einem Tischchen – wieder das Schweizerkreuz, und die Aufschrift «Les Suisses votent UDC» – Schweizer wählen SVP. Darüber hängt ein Plakat von Nelson Mandela.

Denise Bertschis Arbeiten sind in der Doppelausstellung «Forever or in a Hundred Years» gemeinsam mit den Werken der palästinensischen Künstlerin Inas Halabi zu sehen. In: Rapperswil Alte Fabrik, Mi 12–18 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr, noch bis 28. Oktober 2018.

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