Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Mitten im surrealen Schauermärchen

Mit wilden Texten zwischen Gewalt und feinem Humor rüttelte Aglaja Veteranyi einst die Schweizer Literatur auf. Sechzehn Jahre nach ihrem Tod sind zwei neue Bücher mit Texten aus dem Nachlass erschienen. Zeit für eine Wiederentdeckung.

Von Alice Galizia

Sie war eine Suchende, die gar nicht finden wollte: Die Schriftstellerin Aglaja Veteranyi (1962–2002). Foto: Ayse Yavas, Keystone

Über ihren Debütroman sagte Aglaja Veteranyi einmal, sie hätte ihn nicht anders schreiben können: «Nur aus der Perspektive des Kindes heraus war ich fähig, all das Grausame, Moralische dieser Geschichte zu erzählen.»

«Warum das Kind in der Polenta kocht» war 1999 ein Überraschungserfolg. Angelehnt an Veteranyis eigene Biografie, erzählt ein Mädchen die Geschichte ihrer Familie von ZirkusartistInnen, die vor der Diktatur Nicolae Ceausescus aus Rumänien flieht, herumzieht, sich versteckt. Erzählt von Gewalt und Missbrauch durch den Vater, von der Angst, die Mutter könnte bei ihrem täglichen Zirkusauftritt, an den Haaren von der Kuppel hängend, eines Tages zu Tode stürzen. Von einem im Hotelzimmer gerupften Huhn für die Suppe, die wie zu Hause schmeckt, von Menschen, die essen und gekocht werden. Gerade durch die kindliche Sprache glaubt man sich oft mitten in einem Schauermärchen, das kaum auf ein gutes Ende hoffen lässt.

Ein seltsames, brutales, wunderbares Buch ist das, auf keinen Fall Zirkusromantik, in seiner Verknappung teilweise fast lyrisch anmutend. Von vielen wurde der assoziative, poetische Stil gefeiert, für den Veteranyi hin und wieder Lücken in der Erzählung in Kauf nahm. Doch kam er nicht überall gleich gut an: Beim Ingeborg-Bachmann-Preis fiel Veteranyis Erstling durch. Die Kinderperspektive wurde kritisiert, das Buch als «Rumänienkitsch» abgekanzelt. Klar ist aber: So wie Veteranyi schrieb und schreibt in der Schweiz sonst niemand. Kein Wunder, wurde sie auch mal als «Paradiesvogel» bezeichnet von einer Literaturkritik, die teils nicht so recht wusste, was anfangen mit ihr.

Deutsch im Selbststudium

Trotz des autobiografischen Tons in vielen ihrer Texte stellte Veteranyi klar: Die Romanfigur aus dem Erstling und die Ich-Erzählerinnen aus späteren Werken seien nicht mit ihr als Autorin zu verwechseln – auch wenn sie selbst aus einer rumänisch-ungarischen Zirkusfamilie stammte, die aus Rumänien floh und dann jahrelang in Europa, Afrika und Südamerika herumzog.

Veteranyi war fünfzehn, als sich die Familie 1977 in der Schweiz niederliess. Zwar vielsprachig, aber bis dahin Analphabetin, brachte sie sich Deutsch im Selbststudium bei. Die Neugier auf ihre erste Schreibsprache ist in ihren Texten deutlich zu spüren, ihr Umgang damit spielerisch. Ab 1982 lebte sie als freie Schriftstellerin und Schauspielerin in Zürich, sie absolvierte eine Schauspielausbildung und war Teil verschiedener Theaterkollektive. 2002 nahm sie sich mit 39 Jahren das Leben.

Veteranyi war eine Vielschreiberin, schon lange vor dem Erscheinen ihres Debütromans veröffentlichte sie Texte in Anthologien und Zeitschriften und schrieb fürs Theater. Posthum erschienen noch der Roman «Das Regal der letzten Atemzüge» (2002) über den Tod ihrer Tante und der Sammelband «Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter» (2004). Viele Texte jedoch blieben nach ihrem Tod unveröffentlicht. Nun, endlich, sind aus ihrem Nachlass zwei weitere Bücher entstanden, so abgründig und skurril, wie man es von ihr nicht anders kennt.

Die Fluchterfahrung ebenso wie die Frage nach Heimat in der Fremde sind auch in diesen Texten wiederkehrende Motive. Veteranyis Zirkusleben war immer schon nomadisch; dadurch unterscheidet sich ihr Schreiben von «klassischer» Migrationsliteratur, die sich oft auf das Herkunftsland als Sehnsuchtsort und Kontrast zum neuen Zuhause bezieht. Da ist es eher Veteranyis Mutter, die Rumänien als Bezugspunkt hat, sei es im Monolog «Mamaia» oder aus Sicht der Tochter in der «Polenta»-Urfassung: «Ich darf nie wieder zurück, das ist verboten. Meine Mutter sagt, hier ist alles viel besser, und weint.»

Der finsterste Mann der Welt

Die Auseinandersetzung mit den Eltern nimmt viel Raum ein, das zeigt sich auch an der wiederkehrenden Vaterfigur, oft in Zusammenhang mit Gewalt und Missbrauch, etwa im Romanfragment «Café Papa» oder als Kurzprosa: «Der finsterste Mann der Welt zog von Ort zu Ort und zeigte sein furchterregendes Gesicht. Er hiess Vater und war bei Kindern sehr beliebt.» Im Erstling und in «Café Papa» ist die Gewalt, die der Vater der Erzählerin und ihrer Schwester antut, extrem präsent. Der sexuelle Missbrauch wird vielerorts angedeutet, aber auch die Eifersucht auf die Schwester, die vom Vater so mehr vermeintliche Zuneigung bekommt. Bis sich das erzählende Mädchen heimlich wünscht, der Vater würde ihr beim gemeinsamen Filmschauen unter den Rock fassen.

Allgegenwärtig ist auch der Tod, meist mit einer zynischen Note versehen: Auf wenigen Zeilen erzählt Veteranyi zum Beispiel von einer Mutter und ihrem neugeborenen Kind, die gleich nach der Geburt von einer Bombe getroffen werden. Fazit: «Neben Sachschäden in Millionenhöhe entstand ein Verlust von 69,8 kg Mensch.»

Ja, es schmerzt, solche Dinge zu lesen. Doch sind die Sätze von einer Dringlichkeit, die es schwermacht, sich davon zu lösen. Veteranyis ganz eigener Blick auf die Welt ist sicher gewöhnungsbedürftig. Sie legt Stolpersteine, wenn es bei ihr etwa die Kleider sind, die ihre Menschen zum Trocknen aufhängen, gräbt Fallgruben, wenn sie einfach mal etwas auslässt: Denkt selber weiter, scheint sie sagen zu wollen.

An allen Ecken lauert Humor

Auf einmal aber ist man drin in dieser Welt und findet es auch gar nicht mehr seltsam, wenn der russische Dichter Daniil Charms nach seinem Tod eine Reise nach Venedig unternimmt und dort mit Goethe über das Schreiben fachsimpelt. So lauert denn trotz aller Härte der Humor an allen Ecken, blitzt die Freude an der Sprache auf: Diese Texte schmerzen nicht nur, sie machen, gerade im Moment der Irritation, auch grossen Spass.

«Wer findet, hat nicht richtig gesucht», schrieb Veteranyi einmal auf eine Postkarte, und genau das scheint sie gewesen zu sein: eine Suchende, die gar nicht finden wollte. Sondern ihre Themen umkreisen, immer neue Schlaglichter auf sie werfen. Man möchte gar nicht aufhören, ihr dabei zuzuschauen. Zum Glück gibt es nun mehr von ihr, mehr solche Sätze zwischen Nachdenklichkeit und Knalleffekt: «Als Gott den Faden verlor, begann er die Welt zu erschaffen. Ende.»

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