Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Nahles und der Bluthund von 1918

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

«Die sind immer im Heute. Die haben kein Gestern und deshalb leider auch kein Morgen», schimpfte Bernd Faulenbach, Geschichtsprofessor und Vorsitzender der Historischen Kommission der SPD im Sommer. Grund für seine Verärgerung war die Ankündigung des Parteivorstands, das von ihm geleitete Gremium aus Kostengründen auflösen zu wollen. Die Historische Kommission befasst sich mit sozialdemokratischer Traditionspflege und Geschichtspolitik. Aufgaben, die nach Ansicht führender SozialdemokratInnen verzichtbar sind oder zumindest keiner eigenen Institutionen bedürfen.

Umso überraschender die Sätze, die – wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» berichtete – nun von der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles zu hören waren. Letzten Donnerstag lud die Partei ins Berliner Willy-Brandt-Haus, um der Novemberrevolution von 1918 zu gedenken. Nahles beklagte dort zunächst die Spaltung der Arbeiterbewegung, die die Weimarer Republik destabilisiert und letztlich auch die Machtübernahme der Nazis begünstigt habe. Bezogen auf den Umsturz von 1918 meinte sie, dass die Rolle der SPD nicht beschönigt werden dürfe – vor allem was die Zusammenarbeit der Parteispitze mit dem Militär angehe. Nahles ging noch weiter und sagte: «Dass Gustav Noske seine Hände beim Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Spiel hatte, ist wahrscheinlich.»

Der Sozialdemokrat Noske war eine zentrale Figur bei der blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstands im Januar 1919, als Luxemburg und Liebknecht ermordet wurden. Hundert Jahre lang hatte die SPD den von Noske zu verantwortenden Terror wie ein Tabu behandelt. Zumindest geschichtspolitisch scheint die Parteispitze die viel beschworene Erneuerung in Angriff nehmen zu wollen.

Nachtrag zum Artikel «Als die Matrosen meuterten» in WOZ Nr. 45/2018.

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