Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

Den Balkan er-fahren

Von Hans Ulrich Probst

23 Jahre nach seinem Buch «Going to Santiago» über «Fahrten, Fährten und Feste» in Spanien erscheint von dem Berner Autor Beat Sterchi jetzt «Going to Pristina». Das Buch ist ein launig-listiger Reisebericht einer Autofahrt durch den Balkan, die Sterchi am Steuer zusammen mit seinem Kollegen Guy Krneta, überzeugtem ÖV-Fan und Nichtlenker, im Frühjahr 2017 unternommen hat. Das Ziel der beiden: die kosovarische Hauptstadt Pristina. Die Reise war Teil des Projekts «Kosovo is everywhere», eines von der Gruppe «Bern ist überall» initiierten Kulturaustauschs mit albanischen und serbischen AutorInnen aus dem Kosovo.

Sterchis schmaler Band führt uns von Triest via Sarajevo und Visegrad in den kaum bekannten Kosovo. Mit etwas literarischer Tradition (James Joyce und Ivo Andric) im Gepäck, vor allem aber mit wachem Blick und einer halbernsten Naivität zeichnet er seine Annäherung an den Balkan zwischen Vorurteilen und oft skurriler Realität nach – plastisch, humorvoll und selbstironisch. Die realen und fiktiven Dialoge mit Krneta auf dem Beifahrersitz vertiefen die Auseinandersetzung geschickt und unaufdringlich. Der leichtfüssige Text befasst sich auch mit den vertrackten Verhältnissen im ehemaligen Jugoslawien. Trotz des dunklen Hintergrunds von Kriegstraumata und ungelösten Konflikten in der jungen Republik Kosovo ist das ein Lesevergnügen.

«Going to Pristina» ist der Eröffnungsband der von Beat Mazenauer initiierten Reihe «essais agités. Edition zu Fragen der Zeit». Dank einer neuen Schreibsoftware erfolgt die Buchproduktion vollautomatisiert. Sie erlaubt, «Texte sehr schnell, variabel und in unterschiedlichen Formaten in der Schweiz zu drucken». Inhaltlich will die Reihe «aktuelle Diskurse» führen und «verborgene Themen» aufspüren. Eine vielversprechende Plattform für schlummernde poetische und reflexive Potenziale von Schweizer AutorInnen.

Lesung am Freitag, 23. November 2018, 19 Uhr, in der Haupt-Buchhandlung, Bern.

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