Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Die rosa-blaue Schreckensherrschaft

Karin Hoffsten über den zähen Zement überholter Rollenbilder

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

«Ein Mann muss ins Haus, auch wenn er im Bett sitzt und hustet.» Das stand vor vielen Jahren in einer Frauen-WG, bei der ich häufig zu Besuch war, mit Kugelschreiber über ein Bett gekritzelt. Ich bin sicher, dass dieser Mann damals nicht für kleine Reparaturarbeiten gesucht wurde. Mein gesamtes weibliches Umfeld gab sich nämlich grosse Mühe, diesbezügliche Aufgaben selbst auszuführen.

Auch ich ging tapfer in die Elektroabteilung im Kaufhof und liess mir von der netten Verkäuferin erklären, welchen Zipfel vom dreipoligen Kabel ich in welches Loch schrauben müsste, damit meine Lampe nachher auch brennt. Von derlei hatte ich keine Ahnung.

Die Gründe dafür sind der Beleg für jegliches Genderkonzept: Meine Freundinnen und ich hielten es für total unweiblich, im Physikunterricht unser Hirn einzuschalten. Nachdem der bedauernswerte Lehrer unseren tauben Ohren detailliert die Funktionsweise eines Telefons gepredigt hatte, flüsterten wir uns kichernd zu: «Und ein Wunder bleibt es doch!»

Das fiel mir wieder ein, als kürzlich die elektrischen Anschlüsse unseres Haushalts kontrolliert wurden. Dass der freundliche Kontrolleur kaum etwas zu beanstanden hatte, ist allein dem Manne zu verdanken, mit dem ich heute Tisch und Bett teile. Vernünftiger bin ich im Lauf der Zeit zwar geworden, doch hinsichtlich meiner Physikkenntnisse hat sich leider wenig geändert. Ich weiss, wo der Sicherungskasten hängt (wofür mich ein Angestellter des Elektrizitätswerks explizit lobte – das wüssten nicht viele!), fasse nicht mit dem Finger in Steckdosen und föhne mich nicht in der Badewanne. Darüber hinaus wirds schwierig.

Warum ich das erzähle? Weil ich fürchte, dass der Backlash längst Tsunamidimensionen erreicht hat. Ob Spielzeug, Kindermode oder -möbel – die rosa-hellblaue Flut schwemmt alles weg. Dass die Migros nun auch noch ihr getrenntes Tütensüppchen für Buben und Mädchen kocht, ist nur der Schaum auf dem Wellenkamm. Während die Mädchensuppe aussen rosa und innen vegan ist, enthält die hellblaue für Buben immerhin etwas nahrhafte Pasta. Jahrzehnte nach meiner Physikverweigerung, und es wird immer schlimmer.

Wie ein Lichtschimmer am Horizont scheint mir da eine auf einer Idee der BBC basierende Dokumentation, die letzten Donnerstag auf ZDF Neo gezeigt wurde: Die an Genderfragen höchst interessierte Moderatorin begleitete für eine Woche eine Primarklasse voll bezaubernder Siebenjähriger. Was deren Meinung nach Männer und Frauen gut oder eben gar nicht gut können, unterschied sich kaum von Vorstellungen des letzten Jahrhunderts. Mit Spielen und Experimenten wurden die kindlichen Rollenbilder diversen Prüfungen unterzogen – das Ergebnis ist lustig, lehrreich und manchmal berührend. In Weiterbildungen für LehrerInnen und Eltern sollte diese Dokumentation ab sofort Pflicht sein.

«No More Boys and Girls» kann noch bis Februar 2019 unter www.zdf.de/dokumentation/no-more-boys-and-girls angeschaut werden.

Karin Hoffsten ist perplex, dass die befragten Schulkinder aus dem gepflegten Kölner Stadtteil Marienburg im Jahr 2018 zu neunzig Prozent meinten, Frauen seien fürs Kochen zuständig, während ganze hundert Prozent sicher waren, nur Männer könnten «Sachen reparieren».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch