Nr. 37/2005 vom 15.09.2005

Ein goldener Stecker?

Interview: Susan Boos, Foto: Ursula Häne

Giuse Togni: «Vor meinem Haus kann ich nachts problemlos ein Buch lesen – das ist doch nicht der Sinn der Strassenbeleuchtung.»

WOZ: Setzen wir unseren kleinen Lehrgang «Was ist Strom?» fort. Was ist der Unterschied zwischen Wechsel- und Gleichstrom?
Giuse Togni: Glauben Sie wirklich, das interessiert jemanden?

Jemand wollte nach dem letzten Interview wissen, weshalb es bei der Installation einer Lampe egal ist, wie er die Drähte anschliesst. Das hat doch mit Wechselstrom zu tun, oder?
Ja. Aus den Steckdosen kommt Wechselstrom. Gleichstrom bedeutet, dass die Spannung immer gleich bleibt – vergleichbar mit einem gleichmässigen Wasserstrahl. Eine Batterie liefert immer Gleichstrom. Beim Wechselstrom wechselt die Spannung wie in einer Wellenbewegung. Mal positive Spannung – etwa bis 325 Volt, mal negative Spannung – etwa bis minus 325 Volt. Das wechselt extrem schnell, beim Strom, den wir zu Hause beziehen, etwa fünfzig Mal pro Sekunde. Da wird dann von fünfzig Hertz gesprochen. Es wäre, wie wenn der Wasserhahn stottert, aber so schnell, dass wir es gar nicht merken. Eine Glühbirne lässt sich mit Wechselstrom betreiben, andere Geräte wie Computer oder Handys müssen jedoch aus technischen Gründen mit Gleichstrom versorgt werden – deshalb ist in diesen Geräten ein Gleichrichter eingebaut.

Jetzt müsste man wissen, wie der funktioniert ... ich kapituliere. Letztes Mal sprachen wir davon, dass Stromsparen nicht sexy ist. Sie scheinen aber dieses dröge Geschäft meisterhaft zu vermitteln. Ein Mitarbeiter der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (Safe) schwärmte davon, wie Sie kürzlich eloquent drei Fachmänner der Industriellen Betriebe Lausanne eingepackt haben. Worum ging es?
Es hat nicht viel gebracht (lacht), wir haben das Projekt nicht starten können. Es ging um den «goldenen Stecker», den wir auch in der Westschweiz verstärkt lancieren wollten.

Den «goldenen Stecker»?
Safe lädt regelmässig eine Jury ein, die schönsten energieeffizienten Leuchten mit dem «goldenen Stecker» auszuzeichnen. In der Jury sitzen Architekten und Designer. Deshalb ist es eher ein Designpreis. Die Lampen sind sehr schön, aber oft auch teuer ...

... die meisten kosten um die tausend Franken. Wer kann sich das leisten?
Sie sind teuer, Halogenlampen sind aber auch nicht billiger! In der Stadt Zürich übernahm das Elektrizitätswerk EWZ bis zur Hälfte der Kosten, wenn Sie eine von Safe prämierte Lampe gekauft haben. Das gilt im Moment aber nicht mehr, die Fördermittel sind aufgebraucht. Falls Sie aber einen energieeffizienten Kühlschrank kaufen, zahlt Ihnen das EWZ immer noch 200 Franken. Das ist in einigen Städten so, nur wissen das die wenigsten Leute.

Die Westschweiz macht nun beim «Stecker»-Projekt nicht mit?
Wir wollten mit dem Projekt, das wir in Lausanne vorgestellt haben, den «goldenen Stecker» etwas weg vom elitären Image, dafür etwas näher an die Bevölkerung heranbringen und zeigen, dass man schöne effiziente Lampen auch günstig kaufen kann. Die Stadt Lausanne wäre dabei gewesen, aber andere Partner möchten in der Westschweiz etwas Eigenes machen und nicht einfach den «goldenen Stecker» übernehmen.

Sie beschäftigen sich zurzeit auch mit Strassenbeleuchtung. Werden wir bald im Dunkeln gehen, um Strom zu sparen?
(Lacht.) Nein. Wir machen in verschiedenen Energiestädten eine Umfrage zum Thema Strassenbeleuchtung. Wir haben festgestellt, dass die Zuständigen zwar wissen, welche Lampen sie installiert haben und wann sie sie einschalten – aber sie haben oft keine Ahnung, wie gross deren Energieverbrauch ist. In den sparsamsten Gemeinden, zum Beispiel in Erstfeld, verbraucht die Strassenbeleuchtung sieben Kilowattstunden pro Kilometer Strasse und Jahr. In den schlechtesten sind es bis zu dreissig Kilowattstunden.

Was machen diese Gemeinden falsch?
Sie lassen die Lampen die ganze Nacht durch brennen, sogar ohne die Leistung zu verringern.

Damit sich die Leute auf der Strasse sicher fühlen?
So wird argumentiert. Aber ich empfinde es als Belästigung. In Zürich müssen die Leute die Rollläden schliessen, um nachts schlafen zu können. Auf dem Trottoir vor meinem Haus kann ich problemlos ein Buch lesen. Das ist doch nicht der Sinn einer Strassenbeleuchtung. Es ist eine absolute Luxusvariante, die jährlich Millionen verschlingt.

Giuse Togni, 43, ist Energiefachfrau, Physikerin und Mutter von zwei Töchtern. Sie ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission (Core) und sitzt im Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

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