Nr. 44/2019 vom 31.10.2019

Jetzt kocht Bertha

Karin Hoffsten über sehr spezielle Rezepte

Von Karin Hoffsten

«‹Betty Bossi kocht vor Wut› kommt täuschend echt daher», schrieb vor dreizehn Jahren die WOZ-Rezensentin über das Kochbuch der Frauengruppe gegen Sexismus und Rassismus F. A. M. in Bern. So täuschend echt, dass sogar sie den feinen Unterschied, den die Autorinnen aus markenrechtlichen Gründen gemacht hatten, übersah: Die «pfiffigen Alltagsrezepte für den feministischen Widerstand» wurden nämlich damals in fein verschleiernder Absicht «Betti Bossy» zugeschrieben.

Die diskrete Verfremdung nützte leider nichts, ebenso wenig wie der Hinweis: «Allfällige Ähnlichkeiten mit bestehenden Publikationen sind rein zufällig.» Doch als der Betty-Bossi-Verlag mit rechtlichen Schritten drohte, war die Auflage zum Glück schon fast ausverkauft. Die Vertreterin des Verlags schrieb, man habe «850 000 Abonnentinnen, die eine ganz persönliche Beziehung zum Produkt Betty Bossi haben, darauf müssen und wollen wir Rücksicht nehmen.»

Das würde die Dame im Jahr 2019 ja möglicherweise weniger eng sehen, doch für die aktualisierte Neuauflage, herausgegeben vom Feministischen Forum FuF, kocht jetzt – um jeder Verwechslung aus dem Weg zu gehen – «Bertha Bünzly». Auch sie «kocht vor Wut», dürfte sich aber nach dem zweiten Frauenstreik und den eidgenössischen Wahlen auch mal eine stolze Erholungspause gönnen.

Wie schon damals sind die Rezepte nur teilweise konkret ess- oder trinkbar wie der «GleichWertKuchen» oder der Longdrink «Vulva Libre»; andere setzen auf die kräftigende Wirkung von Gedanken wie «Einschränkende Schönheitsideale aus-» und «Selbstfreude anschwemmen» oder «‹Differenzialdiagnostik›, Rezept für fundierte Meinungsbildung bei komplexen gesellschaftlichen Fragen».

Der «Wut-Börger» macht Appetit, und das Rezept für «Mansplaining-Spaghetti» erstreckt sich passenderweise über zwei Seiten, wozu die Redaktion anmerkt, aus Platz- und nervlichen Gründen habe auf ein Bild und ein anständiges Layout verzichtet werden müssen. «Gender Pricing» kann Frau kochen, wenn sie sich wieder mal über höhere Preise ärgern musste, die für viele – oft pinke – Produkte «für Frauen» verlangt werden; sehr empfehlenswert ist auch das Rezept für «Tea Like(s) Consent», das die Bedeutung von einverständlichem Sex am Beispiel einer Einladung zum Tee erklärt. Neu hinzugekommen sind der «Gefüllte Feuerlöscher» und der «Pfefferspray zum Selbermachen», auf die sich wohl der allgemeine Hinweis bezieht, dass der Inhalt des Kochbuchs «in keiner Weise zu illegalisiertem Handeln anstiften» solle.

Als Zielgruppe peilt Bertha Bünzly zweifellos junge, politisch bewusste, gebildete LeserInnen an, die sich selbstverständlich vegan ernähren und die Mannigfaltigkeiten sexueller Orientierung souverän mitdenken; die Zutat «frisches Menstruationsblut als Dünger für deine Pflänzchen» dürfte allerdings für Feministinnen meiner Generation nur über diskrete Umwege erhältlich sein.

Aufgrund bestimmter Persönlichkeits-merkmale kam Karin Hoffsten bisher gut ohne Kochbücher durchs Leben. Doch dieses hier liest sich wenigstens spannend, findet sie.

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