Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

«Die Frauen müssen angehört werden»

Bei den Friedensgesprächen zum Bürgerkrieg im Jemen sind Frauen bisher enorm untervertreten. Die beiden Aktivistinnen Nisma Mansur und Muna Luqman setzen sich dafür ein, dass sich das ändert.

Interview: Annegret Mathari

WOZ: Beim Abkommen, das letzte Woche in Schweden unter Uno-Vermittlung zwischen den Konfliktparteien im Jemen beschlossen wurde, ging es vor allem um eine Waffenruhe in Hodeidah. Was denken Sie darüber?
Nisma Mansur: Es ist ein sehr guter erster Schritt. Denn in Genf und in Kuwait sassen die Konfliktparteien nicht am selben Tisch. Schade ist, dass sie keine Einigung für Tais fanden, eine der grössten Städte. Sie wird wie Hodeidah von den Huthi kontrolliert. Die meisten Einwohner wurden vertrieben. Jene, die noch in der seit drei Jahren belagerten Stadt sind, leben unter schlechten Bedingungen.

Muna Luqman: In Schweden wurde aber auch eine gute Gelegenheit verpasst, mehr zu tun. Die Jemeniten leiden nicht nur in Hodeidah Hunger, sondern im ganzen Land. Das Abkommen für Hodeidah ist gut – aber ohne zusätzliche Uno-Massnahmen wird es nicht halten. Die Huthi haben schon Dutzende Abkommen unterzeichnet und wieder gebrochen.

Was müsste besser geregelt werden?
Luqman: Die Menschen müssen eine Verbesserung spüren. Die Löhne der Staatsangestellten müssen endlich bezahlt werden, von der Regierung und den Huthi. In Schweden wurde das nicht klar geregelt. Im Abkommen wurden die Löhne mit dem Hafen von Hodeidah verknüpft: «Die Einnahmen des Hafens sollen an den Zentralbanksitz in Hodeidah überwiesen werden für die Lohnzahlungen in Hodeidah und im ganzen Land», heisst es. Die Leute hungern, weil sie kein Geld für Lebensmittel haben. Seit fast drei Jahren gab es keinen Lohn. In Tais hat 2011 der jemenitische Arabische Frühling begonnen, die Stadt ist ein politischer Knotenpunkt. Wenn es eine Lösung für Tais gibt, gibt es auch eine für den Jemen.

Muna Luqman Foto: Charlotte Hooij

Was muss an den nächsten Friedensgesprächen im Januar unbedingt behandelt werden?
Luqman: Die tödlichen Luftschläge der von Saudi-Arabien geführten Koalition müssen gestoppt werden. Wir sind froh, dass der US-Senat etwas Druck gemacht hat. Aber selbst wenn die wahllosen Bombardierungen jetzt aufhörten, gäbe es noch keinen Frieden. Milizen töten und kidnappen Menschen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Für den Krieg gibt es lokale, regionale und internationale Gründe. Neben Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten müssen auch die Milizen zur Rechenschaft gezogen werden.

Mansur: Wichtig sind Demilitarisierung und Wiederintegration. Viele junge Männer aus Aden, wo ich lebe, kämpfen in Hodeidah. Wie sollen sie in die Gesellschaft reintegriert werden, wenn sie in den kommenden Wochen traumatisiert zurückkehren? Viele von ihnen denken: Mein Gewehr ist mein Stolz. Das ist sehr gefährlich und wird zu mehr Unsicherheit und häuslicher Gewalt beitragen.

Nisma Mansur Foto: Charlotte Hooij

Sie setzen sich dafür ein, dass mehr Frauen an den Friedensverhandlungen teilnehmen. Was haben Sie bisher erreicht?
Mansur: An der Konferenz des Nationalen Dialogs von März 2013 bis Januar 2014 hat die Frauenbewegung erreicht, dass in allen politischen Gremien mindestens dreissig Prozent Frauen vertreten sein sollen. Wir erleben aber einen Rückschritt: Bei den Friedensverhandlungen jetzt in Schweden war unter allen Teilnehmenden nur eine einzige Frau, und zwar in der Regierungsdelegation. Frauen sind aber vor Ort sehr aktiv, sie leisten Hilfe, arbeiten als Krankenschwestern, gelangen eher durch Strassenblockaden, tragen Sauerstofftanks für Spitäler auf dem Rücken und beteiligen sich am Organisieren von lokalen Waffenruhen. Ihre Stimmen müssen angehört werden.

Luqman: Ich war eine von vier Frauen, die im September versucht haben, in die Verhandlungsräume in Genf zu gelangen. Regierungsvertreter sagten uns aber, die Frauen hätten zurzeit keine Priorität. Wir hatten ein Statement zu vier Punkten dabei, das wir mit Frauen im Jemen diskutiert hatten, einiges davon floss auch ins Abkommen von Schweden, etwa zur Freilassung von Gefangenen.

Und ansonsten?
Luqman: Wir konnten Botschafter der neunzehn Staaten treffen, die die Friedensgespräche begleiten. Wir haben versucht, auf internationaler Ebene Druck auf die Kriegsparteien zu machen. Schon zuvor hatten wir uns dafür eingesetzt, dass sich der Uno-Vermittler Martin Griffith von einer Gruppe von Frauen beraten lässt. Dass es eine solche Frauengruppe in Genf und jetzt in Schweden gab, ist der Arbeit der Peace Track Initiative und des Women’s Solidarity Network, dem 500 Jemenitinnen angehören, zu verdanken. Genauso wie den Frauen des Yemeni Pact for Peace, der von der Organisation UN Women der Uno betreut wird. Jetzt kämpfen wir dafür, dass an der nächsten Verhandlungsrunde auch eine Delegation unabhängiger Frauen teilnehmen kann.

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