Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Der grimmige Jahrestag

Vor zehn Jahren erschoss ein Polizist in Athen den fünfzehnjährigen Alexandros Grigoropoulos. Das Ereignis markierte den Beginn des Aufstiegs von Syriza – der wiederum Hoffnungen auf eine solidarische linke Politik weckte. Was ist von der Euphorie von damals geblieben? Ein Besuch.

Von Ted Gaier (Text) und Zoe Hatziyannaki (Fotos), Athen

Es ist der 7. Dezember, frühmorgens am Athener Exarchiaplatz. Sogenannte Angehörige der anarchistischen Szene haben sich hier die ganze Nacht lang eine Schlacht mit der Polizei geliefert. Wir schwärmen aus, um die Resultate des ritualisierten kampfsportlichen Kräftemessens zu betrachten.

Diese «Morgen danach»-Situationen nach Riots erinnern mich immer an meine Teenagerzeit, als man nach einer Party die elterlichen Buden in Schutt und Asche gelegt hatte und dachte: Jetzt ist alles aus. Zerstört. Nicht zu reparieren. Und dann, nach zwei Stunden Putzen, war der (klein-)bürgerliche Schein doch wieder hergestellt.

Tränengas liegt in der Luft, ein paar wenige Haufen von zusammengefegtem Schutt qualmen noch. Ausser drei skelettierten Mopeds, diversen angekokelten Müllcontainern und einem komplett abgebrannten Kleinwagen – weiss der Teufel, warum der stehen gelassen wurde, hatten doch quasi alle BewohnerInnen des Viertels ihre Autos wohlwissend in Sicherheit gebracht – gab es nicht viel zu zerstören. Es schien darum zu gehen, Massen von Molotowcocktails, Steinen und sehr weit reichenden Leuchtraketen gegen Polizeibeamte in Vollmontur zu feuern und dafür mit Tränengaskartuschen beschossen zu werden. Oder in einem Scharmützel den ein oder anderen Polizeiknüppel zu spüren zu bekommen, um dann eventuell verhaftet zu werden.

Alle hier kennen das Ritual des 6. Dezember, das sich vor zehn Jahren zum anderen wichtigen Jubiläum für militante Strassenkämpfe gesellt hat: dem des 17. November, dem Tag des Massakers der Militärjunta gegen die BesetzerInnen der polytechnischen Universität in Athen im Jahr 1973.

LadenbesitzerInnen waschen mit Gartenschläuchen den Russ und das Tränengas vom Asphalt. Um die Ecke kommen Gelbwesten der anderen Art und beginnen ihre Schicht. «Lasst uns erst mal eine Zigarette rauchen, und dann fangen wir gemeinsam an», sagt eine Frau aus dem Reinigungstrupp. Die anderen sind ungeduldig, die Frau störrisch: «Also, ich werde definitiv erst mal eine rauchen.»

Unweit des Exarchiaplatzes wurde am 6. Dezember 2008 Alexandros Grigoropoulos kaltblütig von einem Hilfspolizisten erschossen. Der Tod des fünfzehnjährigen «Jungen aus gutem Hause», wie es immer heisst, wurde zum Symbol. Ein knappes Jahr später kam das, was «die Krise» genannt wird – eine Bezeichnung, die viele nicht mehr hören können. Schliesslich ist das Wesen einer Krise ja, dass sie dann auch wieder einmal vorbeigeht. Aber die Krise in Griechenland geht nicht vorbei.

Damals begann der Widerstand der «700-Euro-Generation» und mit ihm der Aufstieg des Syriza-Bündnisses. Zehn Jahre später und nach vier Jahren mit Syriza an der Macht schweigt der Grossteil dieser Generation, die – bei einer Jugendarbeitslosigkeit von annähernd vierzig Prozent – inzwischen die «Generation 300 Euro» genannt wird. Nach dem ganzen Hin und Her, dem Schock der Krise, der Wut über die Austeritätspolitik der EU und die eigenen Eliten, nach der Hoffnung auf eine solidarische, wirklich linke Politik im parlamentarischen System und der totalen Desillusionierung erstaunt es mich, wie politisiert viele nach wie vor sind.

Neue Widerstandsformen

Für meine GesprächspartnerInnen, die sich alle auf die eine oder andere Weise als Teil des linken Spektrums beschreiben lassen, begann mit Grigoropoulos’ Tod eine Selbstorganisation von unten, der Aufbruch in eine neue Idee von Politik jenseits der ausgetretenen parteipolitischen oder fundamentalanarchistischen Pfade. Überall im Land und auch in den Vorstädten von Athen entstanden Assemblies: Es konnte passieren, dass Leute aus einem kleinbürgerlichen Viertel mit AnarchistInnen und Fussballfans über die Kommerzialisierung ihrer öffentlichen Plätze zu reden begannen. Migrantische Gruppen, rechtlose Reinigungskräfte und StrassenverkäuferInnen traten erstmals als eigenständige Akteure auf. Was mit der Empörung über Polizeigewalt begann, transformierte sich in Windeseile in grundsätzliche Debatten über die Frage, wie man leben wolle.

«Im Dezember 2008 zeigte sich, wie schnell etwas, das ruhig und balanciert ist, brechen kann. Es war der erste Schritt zu den grossen Streiks, den Besetzungen der Plätze – allem, was in der letzten Dekade mit der einsetzenden Krise an Widerstandsformen neu entstand», erzählt Olga Lafazani, die seit Jahren in Initiativen gegen das europäische Grenzregime aktiv ist und ihre universitäre Karriere auf Eis legte, um im «City Plaza» zu leben und mitzuarbeiten, einem von rund 400 MigrantInnen besetzten Hotel im Zentrum Athens. «Okay, man sagt, Alexis sei ein Upperclass-Kid gewesen, aber zuallererst war er einfach ein Kid. Also identifizieren sich alle Kids und alle Eltern mit seinem Schicksal.»

Für Nelli Kambouri begann nach Grigoropoulos’ Tod auch eine neue Diskussionskultur. «Da waren einige Feministinnen, die das kritisierten. Die fragten, wieso sein Leben so viel mehr zählte als das von anderen.» Schliesslich habe es auch andere Fälle gegeben: etwa den brutalen Mordversuch an Konstantina Kuneva, einer bulgarischen Frau, die für die Rechte der Angestellten im Reinigungssektor gekämpft hatte und die, nachdem sie gezwungen worden war, Schwefelsäure zu trinken, nur knapp mit dem Leben davonkam. «Für mich waren das alles Anzeichen dafür, dass wir neu über die Frage diskutierten, was wir als politisch ansehen», sagt Kambouri.

Ich erinnere mich an den Februar 2012. Auf dem Höhepunkt der deutschen Antigriechenlandpropaganda waren wir mit dem Agitpropkollektiv Schwabinggrad Ballett nach Athen gereist, um Teil des Widerstands gegen die von «unserer» Regierung verbockte Politik zu sein. Mit Interventionen auf Demos und vor der deutschen Botschaft sowie einem Blog versuchten wir, Gegenöffentlichkeit zu schaffen zur gleichgeschalteten «Faule Griechen»-Rhetorik vieler deutscher Politikerinnen und Pressevertreter. Ich erinnere mich, wie Zigtausende gegen das «zweite Memorandum» demonstrierten, während die ParlamentarierInnen über das 2000-seitige Sparpaket abstimmen sollten, das sie quasi erst am Vorabend zu Gesicht bekommen hatten.

Eine riesige Menschenmenge – man sprach von der grössten seit Ende der Militärjunta 1974 – harrte stundenlang vor dem Parlament aus: Frauen in Pelzmänteln neben Arbeitern, ergraute Intellektuelle und Vorstadtkids. Ein Querschnitt durch die griechische Gesellschaft. Die meisten ausgestattet mit Gasmasken, die es zu dieser Zeit an jeder Strassenecke zu kaufen gab. Bei jeder Tränengasattacke zurückweichend und dann wieder im Vorrücken den Slogan skandierend: «Wir sind Kakerlaken, wir kommen immer wieder.» Das Ganze dauerte acht Stunden – und endete mit Parteiausschlüssen jener Angehörigen etablierter Parteien, die sich weigerten, die Vorgaben der sogenannten Troika durchzuwinken.

Syrizas Versprechen

Ich erinnere mich an Stadtteilkonferenzen, an denen ganz praktisch Strukturen aufgebaut wurden – eine Hotline etwa, über die man fachkundige Leute anrufen konnte, die halfen, den Strom illegal angeschaltet zu bekommen. Oder an Treffen, an denen der Direktvertrieb von landwirtschaftlichen Produkten organisiert wurde, um die Lage der Bauern wie der verarmten Stadtbewohnerinnen zu verbessern. Die Armutsrate begann damals, in die Höhe zu schnellen. Heute liegt sie bei RentnerInnen beispielsweise bei rund 75 Prozent.

Um nach dem Verbleib dieser Selbstorganisation von unten zu suchen, treffe ich Alexandra Pavlou wieder, die uns im Frühjahr 2012 zu einem der Stadtteiltreffen mitgenommen hatte. Pavlou war eine von vielen unorthodoxen Linken, die das Versprechen Syrizas, eine Bewegungspartei sein zu wollen, ernst nahm und in die Partei eintrat. Doch bald merkte sie, dass auch dort Leute am Werk sind, die sich in ihren Gewohnheiten nicht von denen anderer griechischer ParteipolitikerInnen unterscheiden. Sie und viele andere hielten dagegen und kämpften für das Nein beim Referendum über die Sparmassnahmen der Euro-Eliten. «Viele Initiativen gibt es noch – vor allem auch, weil sie gebraucht werden. Aber es machen nicht mehr besonders viele Menschen mit», sagt sie.

«Ich bin inzwischen nur noch gegen Zwangsversteigerungen aktiv, man kann sie aber nicht mehr verhindern. Um die Bewegung zu brechen, hat Syriza die Versteigerungen vom Gericht in die Notarkanzleien verlegt», erzählt Pavlou. Die Arbeit bei einer Soliklinik für Menschen ohne Krankenversicherung hat sie ebenfalls aufgegeben, nachdem Syriza-Leute die Klinik übernommen hatten. Aktiv war sie zudem bei einer Gruppe, die Lebensmittel sammelte, von denen rund fünfzig Familien lebten. «All das ist jedoch nicht mit dem zu vergleichen, was du von 2012 in Erinnerung hast», erzählt sie.

Alles sei von Syrizas Verhalten im Jahr 2015 beeinflusst worden, meint Pavlou, die sich zurzeit mit Übersetzungen deutscher Literatur zu Honoraren indischer H&M-Näherinnen durchschlägt und deshalb gezwungen ist, mit der gelegentlichen Vermietung ihres Apartments die Gentrifizierung in ihrem Viertel zu fördern. Nachdem Ministerpräsident Alexis Tsipras kurz nach der Absage der griechischen Bevölkerung an die heftigen Sparmassnahmen in ebenjene einwilligte, brachen Pavlou und viele andere mit Syriza. Auch die gesamte Jugendorganisation verliess damals aus Protest die Partei. An ihre Stelle rückten oft Leute aus dem abgewirtschafteten Parteiapparat der sozialdemokratischen Pasok-Partei.

Aktionen von Agents Provocateurs?

So wie in der aufkommenden Krise selbstorganisierte Stadtteilinitiativen aus dem Boden schossen, unzählige Häuser in ganz Griechenland besetzt wurden und Suppenküchen entstanden, kommt es bis in die jüngste Gegenwart zu einer Vielzahl tragischer gewalttätiger Ereignisse. Übergriffe der militanten rechtsextremen Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) auf MigrantInnen, Linke und Schwule haben seither viele Verletzte und mehrere Tote gefordert. Im September 2013 etwa wurde der linke Rapper Pavlos Fyssas von Mitgliedern der Morgenröte erstochen, obwohl mehrere Polizisten vor Ort waren. Und einige Monate zuvor war ein junger Senegalese nach einer Polizeikontrolle gestorben. Der Tod des fünfzehnjährigen Alexandros Grigoropoulos durch die Kugel eines Beamten war in Sachen Polizeigewalt also längst kein Einzelfall.

Und dann waren da auch die drei Bankangestellten von 2010. Sie erstickten, nachdem aus einer grossen Gewerkschaftsdemonstration heraus Molotowcocktails in die Bank geschleudert worden waren, in der sie arbeiteten. In linken und anarchistischen Kreisen begann damals erstmals eine breitere Debatte über die Anwendung und Legitimität von Gewalt. Da sich aber niemand zur Tat bekannt hatte, hielten viele eine Aktion von Agents Provocateurs für möglich. In anderen Fällen wurden derartige Zusammenhänge auch immer wieder bewiesen. Zudem lässt die Wirtschaftskrise solche Situationen auf der Strasse immer unübersichtlicher werden, weil neue Akteure hinzugekommen sind: Hooligans, Rechtsextreme oder sonst wie Gewaltfixierte.

Der jüngste dieser verworrenen Fälle ereignete sich Ende September 2018. Am Omoniaplatz mitten in Athen wurde der Queeraktivist Zak Kostopoulos gelyncht. Zunächst wurde die Geschichte so erzählt, als habe ein stadtbekannter drogenabhängiger Schwuler einen Juwelierladen ausrauben wollen und sei daraufhin vom empörten Besitzer zusammengeschlagen worden. Filmaufnahmen zeigen jedoch, wie Kostopoulos versucht, die Tür des Juwelierladens, in dem er eingeschlossen ist, einzuschlagen, um wieder herauszukommen. Als es ihm dann endlich gelingt, durch eine eingeschlagene Scheibe in der Auslage zu kriechen, tauchen der Besitzer und ein weiterer Mann auf und fangen an, immer wieder auf seinen Kopf einzutreten. Später sieht man, wie Polizisten Kostopoulos treten.

Die wahrscheinlichere Version der Geschichte: Zak Kostopoulos rettete sich auf der Flucht vor einem Angriff in den Laden, geriet dann in Panik, weil die Tür plötzlich verriegelt war, und versuchte, mit allen Mitteln herauszukommen. Die griechische Presse hatte sich zu diesem Zeitpunkt aber bereits mit ihrer Junkieversion heissgelaufen. Und die Kommentarspalten der Zeitungen quollen wie die sozialen Medien über vor ungefiltertem homophobem Hass.

Wie der Tod von Zak Kostopoulos in linken und anarchistischen Kreisen diskutiert wurde, beschreibt Nelli Kambouri so: «Es gab dann diese Demo von der LGBT-Szene, und Anarchisten fingen an, Sachen kaputtzuhauen. Die Leute riefen dann: ‹Wir haben da keinen Bock drauf.›» Später habe es eine Diskussion an der Polytechnio, der technischen Universität, gegeben, bei der AnarchistInnen versucht hätten, die LGBT-Leute zu belehren: «Ihr müsst erst mal Marx lesen, ihr habt keine Ahnung von Klassenanalyse. Überhaupt, der eigentliche Kampf ist der gegen die Banken, ihr seid sowieso apolitisch.» Sie wollten die Geschichte von Kostopoulos’ Tod so gedeutet wissen, dass er eben doch vor allem ein Dieb gewesen sei, erzählt Kambouri. Diebe seien schliesslich die wahren RevolutionärInnen. «Ich habe mich wirklich für sie geschämt, so dumm war ihr Gelaber.» Ein Freund, der selbst LGBT-Aktivist und Anarchist sei, habe damals gesagt: «Selbst wenn du länger mit denen zusammenarbeitest, die merken gar nicht, wie machistisch und sexistisch sie sind.»

Der Premier im falschen Film

Zurück zum 6. Dezember 2018. In Athen gibt es mehrere Demonstrationen, die grösste ist für 18 Uhr angesetzt und trifft sich bei der Nationalbibliothek im Zentrum. Weil kurz vor Beginn erst ein paar Hundert Leute da sind, nehmen wir SalonanarchistInnen noch schnell einen Brandy in der nahegelegenen Galaxy Bar. Der altmodische Bohème-Laden in einer Passage in der Stadiousstrasse ist in der Innenstadt fast das einzige Lokal, das offen hat. Die Leute von der Antibiennale gegenüber, die sowohl die vergangene Documenta als auch den linksradikalen Kampf dagegen als lahmarschig kritisiert hatten, ziehen es sicherheitshalber vor, mit ihrer shocking Hipsterkunst früher Feierabend zu machen. Vor ihrer Haustür steht ein Bus mit einer Polizeieinheit in Vollmontur.

Die Demo selbst ist dann eine routinierte Ansammlung von rund 2000 Schwarzgekleideten: ein Überblick jener Szene, die links oder jenseits von links (AnarchistInnen bezeichnen sich in Griechenland gemeinhin nicht als links) zu finden ist. Klassische anarchistische und kommunistische Symbole, erprobte Sprechchöre, Menschen allen Alters, vorwiegend aber junge Leute, männlich dominiert. Ohne Reden oder Musik zieht der Marsch durch die Innenstadt, am Parlament vorbei, und endet am Omoniaplatz, wo der grösste Teil der Menschenmenge in Windeseile im Metroschacht verschwindet. Jene, die noch etwas vorhaben, gehen in Richtung Exarchia.

Auf dem Weg passieren wir schon die ersten brennenden Barrikaden aus Bauzäunen und Müllcontainern. In der Ferne ertönt das Mündungsfeuer der Gasgranaten. Am Eingang des Hotels Exarchion kommt uns der ältere Herr von der Rezeption mit weiss eingecremtem Gesicht und roten, tränenden Augen entgegen. Von nun an kann man im Viertel nur noch mit Gasmaske herumlaufen. Im Fernsehen verfolgen wir, wie auf mehreren Kanälen live von den Schlachtorten berichtet wird. Meist im Splitscreen. Im Hintergrund sind Polizeiketten zu sehen, die unter Beschuss vor- und zurückweichen, kommentiert von Moderatorinnen mit teuren Frisuren und meist älteren Herren, die ihrer Empörung freien Lauf lassen. Gelegentlich gibt es eine Schaltung zu den ReporterInnen vor Ort, die das Offensichtliche dann je nach Sender in besorgter Zurückhaltung oder Frontschweinattitüde nochmals kommentieren.

Am Morgen dieses 6. Dezember, noch bevor die ersten Demonstrationen starten und die Schwarzkapuzen in grimmiger Routine in mehreren Städten Griechenlands versuchen, dem Staat die Hölle heisszumachen, postet Premierminister Alexis Tsipras das ikonenhafte Graffito des fünfzehnjährigen Alexandros Grigoropoulos im Sex-Pistols-T-Shirt auf Facebook:

«Der Dezember war nicht einfach ein Bild in den Nachrichten. Er war die Grenze einer Ära künstlichen Wohlstands, moralischer Korruption und politischer Abwertung. Die neue Generation hat damals mit ihrer Rebellion die tiefsten Besorgnisse einer Gesellschaft ausgedrückt, die spürte, dass die Krise kommen würde. Diese neue Generation bildet den empfindlichsten Teil unserer Gesellschaft, und deshalb werden wir ihr nie sagen, dass sie schweigen und in ihr Kinderzimmer zurückkehren soll. Im Gegenteil: Wir wollen, dass sie die Sprache und den Weg zum Sprechen findet, damit sie an der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft teilnehmen kann. Wir erinnern uns an den Dezember. Wir vergessen Alexandros nicht. Auf seiner Erde bauen wir unsere Gärten und unser Gemeinwesen auf.»

Tja, für wen schreibt der Mann so etwas? Bei ausnahmslos allen meinen GesprächspartnerInnen hat der einstige Hoffnungsträger der parlamentarischen Linken Europas so was von ausgespielt: bei Petros, dem kommunistischen Konzertpianisten, der für eine stets ausverkaufte Show in einem renommierten Theater als musikalischer Leiter lediglich fünfzig Euro pro Abend bekommt. Bei der Fotografin Zoe, die Tsipras von Anfang an für einen unsympathischen Populisten hielt. Bei Nelli, die vor den kommenden Wahlen dafür werben wird, nicht wählen zu gehen. Bei Olga, die sagt, man habe Syriza nicht «wegen der fünf Sachen gewählt, die sie eventuell okay» gemacht hätten. «Wir wollten eine andere Politik!» Bei Dimitri, der als prekär-selbstständiger Grafikdesigner steuermässig so belastet wird wie ein wohlhabender Unternehmer. Und sowieso bei Alexandra, die nach Tsipras’ Aktionen nach dem Referendum über die Sparmassnahmen die Schnauze gestrichen voll hat. «Das Volk sagt Nein, und dieser Typ macht es noch am selben Tag zu einem Ja. Wie soll man das anders nennen als Verrat? Tsipras ist wie Schäuble, die sind alle wie Schäuble, die wollen einfach nur an der Macht bleiben.»

Man könnte sagen: Nachhaltiger lässt sich der Traum von emanzipatorischer Realpolitik nicht schreddern. Aber irgendwie will es mir scheinen, dass diese Erfahrungen für die Zukunft wertvoll sind. Die Erfahrung von Solidarität lässt sich nicht löschen. Vielleicht wurden viele desillusioniert, entpolitisiert hat das Erlebte die Leute offensichtlich nicht.

Sicher ist aber auch: Teil dieser Zukunft, von der Alexis Tsipras schwulstig spricht, wird er selbst bestimmt nicht sein.

Der Musiker und Theaterschaffende Ted Gaier ist Gründungsmitglied der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen. Daneben ist er mit dem Agitprop-Kollektiv Schwabinggrad Ballett unterwegs, das immer wieder als mobiles Einsatzkommando auf Demos auftritt, jüngst etwa auf der Gedenkdemo für den in einer Polizeizelle im ostdeutschen Dessau verbrannten Oury Jalloh.

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