Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Populäre Aneignungen

Von Hannah Schultes

In den letzten Jahren wird Rosa Luxemburg in der Linken verstärkt gewürdigt. Die deutsche Philosophin Frigga Haug kennt es aus ihrer Zeit beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund noch anders: «In der Linken herrschte damals die Auffassung, sie habe theoretisch nichts geleistet. Dann mehrte sich dazu noch die Kunde, sie habe neben ihrer politischen Bedeutungslosigkeit ein wunderbar weibliches Wesen gehabt und den Spatz auf der Fensterbank ebenso geliebt wie die Katze zu Hause.» Haug und ihre feministischen Mitstreiterinnen begannen trotzdem mit dem Studium ihrer Schriften.

Und heute? 2015 erschien Luxemburgs Leben als Graphic Novel – und wurde auch auf feministischen Blogs und Websites rezensiert. Ein Fazit: «Luxemburg hat zwar nicht eingehend über Feminismus geschrieben, aber mit ihren vielen Geliebten und ihrer absoluten Verpflichtung zur Freiheit hat sie ihn sicherlich gelebt.» Ihr Leben sei «voll von Reisen, politischem Drama, sexueller Freiheit und intellektuellen Fehden» gewesen, so das Magazin «Broadly. Vice». Rubrik: «Cool Women».

Heute gibt es eine globale Streikbewegung von Frauen. Was hätte Luxemburg angesichts der Massenstreikdebatte darüber gedacht? In den zitierten Medien zeigt sich ein ähnlich eindimensionaler Blick auf die Kommunistin wie der oben geschilderte. Politik und Theorie erscheinen neben bemerkenswerten oder vermeintlich glamourösen Aspekten ihres Lebens sekundär.

Ihr keinesfalls pazifistischer Antimilitarismus machte sie zur entschiedenen Kriegsgegnerin. Für die Imperialismustheoretikerin war die politische Gewalt mit den ökonomischen Prozessen organisch verbunden: Mittels «Gewalt, Betrug, Bedrückung, Plünderung» vollziehe sich die «andere Seite der Kapitalakkumulation» jenseits der Fabrik auf der «Weltbühne» in einem nichtkapitalistischen Aussen. Wer heute über neokolonialen Landraub, Schuldknechtschaft, Biopiraterie oder die Funktion unbezahlter Hausarbeit im Kapitalismus spricht, kommt um Luxemburg nicht herum. Und all das wiederum hat mit den Leben aller Frauen viel zu tun.

Hannah Schultes ist Redaktorin der Zeitschrift «ak – analyse & kritik» und lebt in Berlin.

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