Nr. 03/2019 vom 17.01.2019

Die Leiche im Landwehrkanal

Der Tod von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 verewigte die Spaltung der Arbeiterbewegung. Brisant bleibt die Verantwortung der SPD-Regierung.

Von Klaus Gietinger

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seien von Freikorpssoldaten ermordet worden, heisst es in vielen Medienberichten über den folgenschwersten Doppelmord der deutschen Geschichte. Bei einer solchen Darstellung schwingt mit, es seien Marodeure gewesen. Tatsächlich aber handelte es sich um reguläre Regierungstruppen. Und die Regierung war zu diesem Zeitpunkt rein sozialdemokratisch.

Gustav Noske (SPD), der Oberbefehlshaber der Freikorps, hatte dem Kriegsminister schon Weihnachten 1918 vorgeschlagen, auf jeden zu schiessen, «der der Truppe vor die Flinte kommt». Er arbeitete mit Hauptmann Waldemar Pabst zusammen, dem faktischen Befehlshaber der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, einer ursprünglich kaiserlichen Elitetruppe, die er in Absprache mit der Regierung in ein Freikorps umgewandelt hatte.

«Stunde der Abrechnung»

Noske war am 6. Januar 1919 mit «unbeschränkter Vollmacht» ausgestattet worden, die revolutionäre Linke zu vernichten. «Die Stunde der Abrechnung naht», verkündete ein Regierungsplakat. Es hätten sich viele gefragt, so Noske damals, ob denn «niemand die Unruhestifter unschädlich mache». Weil man den beiden RevolutionärInnen Liebknecht und Luxemburg den eben niedergeschlagenen «Spartakusaufstand» anlastete, erklärte sich Pabst dazu bereit. Dass die Liquidierung der beiden «durchgeführt werden musste, darüber bestand bei Herrn Noske und mir nicht der geringste Zweifel», schrieb Pabst später in seinen Memoiren. Als ihm am Abend des 15.  Januar 1919 die beiden SpartakistenführerInnen von seiner Einwohnerwehr widerrechtlich ins Stabsquartier im Hotel Eden geliefert wurden, entschloss sich Pabst, sie ermorden zu lassen.

Er bat – so versicherte er später – Noske also um den Liquidierungsbefehl. Der lehnte ab, da dann die Partei «zerbrechen würde», und schlug Pabst vor, sich die Genehmigung von seinem Befehlshaber zu holen. Den Einwand von Pabst, er werde diese nie bekommen, quittierte Noske mit der Bemerkung, er müsse «selbst verantworten, was zu tun sei». Ein Militärhistoriker versicherte dem Autor dieses Textes kürzlich, Pabst habe auch ihm von der Billigung Noskes erzählt.

Pabst liess Liebknecht von seinen als einfache Soldaten getarnten Offizieren in den dunklen Tiergarten fahren und dort hinterrücks erschiessen. Rosa Luxemburg wurde kurz nach der Abfahrt des sie transportierenden Wagens durch den aufspringenden Leutnant zur See Hermann Souchon aus unmittelbarer Nähe erschossen. Ihre Leiche warf der Fahrer des Transports daraufhin in den Landwehrkanal.

Vertuscht und freigesprochen

Die Liebknecht-Mörder wurden später freigesprochen, Luxemburg-Mörder Souchon gar nicht angeklagt. Bei der Vertuschung des Ganzen tat sich die SPD-Regierung besonders hervor, weil sie Pabsts eigene Division mit der Aufklärung des Falls beauftragte. Pabst selbst genoss Noskes Schutz und wurde nie wegen seiner Tat belangt. Noske wiederum benutzte Pabst und seine Truppe für weiteren Terror in Berlin und München, der Tausenden Menschen das Leben kostete.

«Dass ich die Aktion ohne Noskes Zustimmung gar nicht durchführen konnte (mit Ebert im Hintergrund) und auch meine Offiziere schützen musste, ist klar. (…) Als Kavalier habe ich das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich fünfzig Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit. (…) Wenn mir der Papierkragen platzt, werde ich die Wahrheit sagen, was ich auch im Interesse der SPD gern vermeiden möchte. Leider habe ich festgestellt, dass den jetzigen Führern der SPD Noske kaum noch ein Begriff ist (…), an Ebert erinnern sie sich zwar, aber nur ungern. Deren Bündnis mit uns Soldaten liegt ihnen im Magen», sagte Pabst 1969 dazu.

Luxemburg war eine scharfe Kritikerin Lenins und seines Terrors, sie verlangte ausserdem auch im Sozialismus Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Basisdemokratie. Sie hätte die Diktatur einer Partei nie mitgemacht. Und sie weigerte sich, der bolschewistisch dominierten Komintern beizutreten. Auch Liebknecht hätte sich sicherlich einer Stalinisierung der KPD, die sie beide gegründet hatten, verweigert.

Ihr Tod verewigte die Spaltung der Arbeiterbewegung und verhinderte, dass sich SPD und KPD gegen die Nazis zusammentaten. Hundert Jahre nach dem Mordbündnis Noske-Pabst wäre es an der Zeit, dass die SPD zu den Ereignissen von damals Stellung nähme und sich zu ihrer Verantwortung für den Doppelmord bekennte.

Der Sozialwissenschaftler, Filmregisseur und Autor Klaus Gietinger (64) lebt in Saarbrücken. 2018 erschien sein Buch «Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs» in einer überarbeiteten Neuauflage. Auch in «November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts» befasste sich Gietinger mit jener revolutionären Zeit vor hundert Jahren.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch