Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

«Warte nicht auf Geld!»

Lektionen fürs Leben, lästige Vorurteile und die fehlende Fantasie von Filmjournalisten: Fünfzehn Fragen an Petra Volpe, Regisseurin von «Die göttliche Ordnung».

Fragen: Florian KellerMail an Autor:in

Petra Volpe

WOZ: Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung, die mit Kino zu tun hat?
Petra Volpe: Mein erster Film im Kino war «Schneewittchen» – im kleinen Kino im aargauischen Suhr, wo abends Pornofilme vorgeführt wurden. Ich kann mich gut an die schmuddeligen roten Kunstledersitze erinnern. Das Glück und die Aufregung, die mich damals überkamen, als der Saal dunkel wurde, empfinde ich auch heute noch, wenn ich ins Kino gehe.

Der erste Schweizer Film, an den Sie sich erinnern können?
«Die Schweizermacher». Mein Vater war ja Italiener, wurde 1978 eingebürgert. Meine ganze Familie liebte den Film. Ich habe jahrelang Fiktion und Realität vermischt und war felsenfest überzeugt, dass mein Bruder und ich uns hatten schön anziehen müssen für den Besuch der «Schweizermacher» – in Wahrheit war alles viel banaler.

Was halten Sie für das ärgerlichste Vorurteil über Schweizer Filme?
Es wird ständig auf den Drehbüchern rumgehackt – aber es braucht auch ProduzentInnen, die inhaltlich denken und visionär sind. Hierzulande hat man manchmal das Gefühl, die Produktionsfirmen hangeln sich von Förderung zu Förderung und haben keine klare Haltung, keine Idee. Um gute Arbeit als Regisseurin und Autorin zu leisten, braucht man auch ein herausforderndes Gegenüber – und das kann durchaus der Produzent, die Produzentin sein.

Was war der beglückendste Moment während der Arbeit an Ihrem neusten Film, «Die göttliche Ordnung»?
Wenn ich in der Früh ans Set komme und die Crew, die SchauspielerInnen, die StatistInnen sehe. Diese Leidenschaft, Hingabe und kreative Energie der Leute – das zu sehen, macht mich glücklich und gibt mir die Kraft für meine Arbeit.

Wann haben Sie Ihren Beruf zuletzt verflucht?
Während des Drehs jeden Morgen beim Aufwachen, dreissig Tage lang.

Wovon träumen Sie?
Von meiner nächsten längeren Reise, die bald ansteht. Ab und zu muss ich für ein paar Wochen komplett aussteigen und einfach in der Welt sein und alles aufsaugen. Meine grössten Glücksmomente hatte ich fast immer auf Reisen, wenn mich plötzlich dieses Gefühl überkommt, wie kostbar alles ist, aber auch wie flüchtig.

Was macht Ihnen Angst?
Bei den Recherchen für mein Serienprojekt «Frieden», bei dem es um die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg geht, habe ich ein Zitat des Literaturprofessors Karl Schmid gefunden, der sich 1945 zum Ende des Kriegs geäussert hatte: «Scham darüber, dass es soweit hat kommen können. Scham, weil wir dessen innegeworden sind, dass unsere Kultur nur brüchiges Eis ist über den Elementen der Tiefe (…). Wer von uns hätte während dieses Krieges und angesichts seiner Abscheulichkeiten immer sagen dürfen: ‹Das wäre bei uns nicht möglich! Daran sind wir andern ganz und gar unschuldig!› Nicht nur das Morden ist Sünde – auch das Zulassenmüssen und Schweigenmüssen ist Anlass zur Scham.» Es zeigt sich gerade wieder, wie sehr unsere Kultur «brüchiges Eis über den Elementen» ist, und das macht mir Angst. Wir stehen an einem Scheideweg. Es wird sich noch zeigen müssen, ob auch diesmal irgendwann wieder die Scham bleibt.

Von welchem Filmemacher, von welcher Filmemacherin haben Sie am meisten gelernt, sei das persönlich oder aus seinen oder ihren Filmen?
Was mich immer wieder ermutigt und auf den Boden holt, ist eine komplett besoffene Aussage von Aki Kaurismäki: «Film is not important, life is important.» Ich glaube, nur wenn man sein Leben mutig und intensiv lebt, mit all dem Schmerz, den es auch mitbringt, kann man gute Filme machen.

Bei welchem Film wären Sie wahnsinnig gerne Assistentin auf dem Set gewesen? Warum?
Bei «The Piano» von Jane Champion. Um zu sehen, wie sie arbeitet, und wegen der Natur.

Gretchenfrage: François Truffaut oder Jean-Luc Godard?
Warum steht da nicht Agnès Varda oder Chantal Akerman? Oder: Susanne Bier oder Sofia Coppola? Warum wird immer und immer wieder derselbe Kanon von männlichen Regisseuren herbeigezogen? Ich wünschte mir von den Filmjournalisten etwas mehr Fantasie.

Und noch eine Gretchenfrage: Drehen Sie lieber 35 Millimeter oder digital? Warum?
Es kommt auf das Projekt an. Ich bin kein Filmmaterialnerd, und solche Fragen entscheide ich mit meiner Kamerafrau. Wir beide denken stets sehr inhaltlich und nicht dogmatisch.

Ihre drei Filme für die einsame Insel?
Ich würde gar keine Filme einpacken, sondern lieber Bücher: von Richard Ford, Elena Ferrante, Chimamanda Ngozi Adichie oder Thomas Mann. Ich finde, die helfen länger und nachhaltiger gegen Einsamkeit.

Welches ist Ihr peinlichster Lieblingsfilm?
«Sissi». Meine Mutter und ich haben, wann immer wir konnten, «Sissi» geschaut. Es ist so furchtbar kitschig, und ich muss auch heute noch weinen, wenn «Ihre Kaiserliche Hoheit» zum ersten Mal nach langer Krankheit in Venedig wieder ihr Kind sieht und dann die ganze Menge ihr «Mamma, Mamma» zujubelt.

Ein sträflich unterschätzter und/oder vergessener Film, für den Sie hier gerne ein bisschen missionieren würden?
Nun auf die Oscars hin kommen so viele Filme raus, und ein wirklich wichtiger, grossartiger Film geht vielleicht unter: «Hidden Figures» von Theodore Melfi. Aus formaler Sicht nicht so aufregend – aber grossartige Frauen stehen im Zentrum. Schwarze Wissenschaftlerinnen, die mit ihrer Intelligenz, ihrem Mut, ihrer Genialität dazu beigetragen haben, dass die Menschen zum Mond fliegen konnten. Ein Film über Rassismus und Sexismus und den harten Kampf, den schwarze Frauen dagegen führen mussten.

Der wichtigste Rat, den Sie jungen Filmschaffenden mit auf den Weg geben würden?
Wenn du eine Geschichte zu erzählen hast, dann mach es einfach. Warte nicht auf Geld oder Erlaubnis. Setz dich hin, und schreib sie auf, und wenns nicht anders geht, filme mit deinem Handy. Und an die Frauen: Bewerbt euch beim Mentoringprogramm «Into the Wild», das Isabell Šuba, eine Freundin von mir, ins Leben gerufen hat.

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