Nr. 09/2019 vom 28.02.2019

Pinsel und Tinte

Annette Hug gerät in einen Versandhandelskrieg

Von Annette Hug

Die Abteilung Postverzollung antwortet nur noch mit automatisch generierten Nachrichten. Wegen der «aktuell sehr hohen Anzahl an Importsendungen» bittet sie um Geduld. Ein Geschenk, das ich aus China erwarte, liegt in Mülligen unter einem Berg von Paketen begraben.

Die Idee dazu begann beim Lesen. Im 9. Jahrhundert, gegen Ende der Tang-Dynastie, schwingt sich der Dichter Du Mu verschlafen auf sein Pferd. «Unter den Bäumen hängt mir ein Rest Traum nach», schreibt er. Erst als ihm Blätter entgegenfliegen, schreckt er auf. Sein «Rest» taucht rund 800 Jahre später in einem japanischen Prosastück wieder auf. Basho hat seinen Dienst als Beamter quittiert, um als armer Dichter, wie ein Wandermönch, durchs Land zu ziehen. «Der Rest von einem Traum» hängt ihm nach, schlafend auf dem Pferd, und er denkt an Du Mu. Beim Lesen von Bashos Reisegedichten tut sich eine literarische Falltür auf, sanft stürzt man durch Zeiten und Länder.

Beide Dichter müssen ein Schreibset dabeigehabt haben, um in Herbergen und anderen Unterkünften Pinsel und Tintenblock hervorzunehmen, die Tinte mit Wasser aufzulösen und dankbar ein Gedicht zu verfassen – manchmal reichte das als Bezahlung. Ein solches Reiseschreibset wollte ich im vergangenen November kaufen. Ich stellte mir eine Art Matte aus Bambusstäbchen vor, um das Schreibzeug säuberlich darin einzurollen.

In der Papeteriestrasse einer chinesischen Grossstadt wurde ich nicht fündig. Die chinesische Freundin, die mich begleitete, war nicht überrascht, denn solche Läden seien etwas für Rentner und Touristinnen, normale Leute kauften online ein. Sie bestellte mir ein Kalligrafieset und schickte es per Post ab.

Drei Monate später steckt das Paket noch in Mülligen fest. Meine Freundin wurde aufgefordert, ihre Kaufquittung nachzuliefern und die Bestätigung, dass es sich um ein Geschenk handle. Wir stehen im Verdacht, Teil einer vielgliedrigen Versandmaschinerie zu sein. Täglich treffen rund 80 000 Pakete aus Asien ein, Tendenz steigend, viele AnbieterInnen deklarieren systematisch einen Preis weit unter 62  Franken, um Zollgebühren und die Mehrwertsteuer zu umgehen. Allerdings sind längst nicht alle Versandplattformen chinesisch, einige sind in US-amerikanischem Besitz, organisieren aber Lieferungen aus China, das noch immer von niedrigen Posttarifen für Schwellenländer profitiert.

Gebe ich «Kalligrafieset» in diverse Suchmasken ein, erkenne ich die amerikanischen Firmen daran, dass sie mir eine kleine Staffelei aus weissem und blauem Plastik anbieten, mit einem rotwangigen Mädchengesicht auf der Fläche, die ich – wäre ich ein Kind von etwa achtzig Zentimetern Höhe – mit Filzstift beschriften könnte. Nur eine chinesische Plattform bietet tatsächlich genau so ein Schreibset an, wie ich es im Kopf hatte, für einen Spottpreis und portofrei. Langsam wird mir klar, wie die Paketlawine zustande kommt, die jetzt von der Schweizer Post ausgesiebt wird, zum Schutz des heimischen Handels. Seit dem 1. Januar ist das Mehrwertsteuergesetz für ausländische Versandhändler strenger geworden.

Da die Quittung für mein Schreibset in einer ziemlich üblen chinesischen Klaue verfasst ist, kann ich nur hoffen, dass die Postverzollung kundige PrüferInnen beschäftigt.

Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Von ihren Sympathien für den Weltpostverein ist sie nicht abzubringen.

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