Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Afrika als Labor der Zukunft

Es ist ein Meisterstück zukunftsoffenen Denkens, das der senegalesische Intellektuelle Felwine Sarr mit «Afrotopia» vor drei Jahren vorgelegt hat. Endlich ist es auch auf Deutsch zu lesen.

Von Tyna Fritschy

Auf dem Weg zur «poetischen Zivilisation»: Felwine Sarr zielt mit seinem Essay auf einen ­einheitlichen afrikanischen Sinnzusammenhang. Foto: Patrice Normand, Laif

Der Essay «Afrotopia» gleicht einem langen Ausatmen, das die Festlegung der Zukunft durch die Vergangenheit auszuhebeln vermag. So eröffnet sich ein Raum, der es erlaubt, «sich die eigene Zukunft anzueignen», wie der Ökonom Felwine Sarr schreibt. Für den afrikanischen Kontinent könnte dies heissen: sich aus der Umklammerung der (post-)kolonialen Vergangenheit zu lösen und der diskursiven Beschreibung durch den Westen ein Ende zu setzen. Mit seinem 2016 veröffentlichten und nun ins Deutsche übersetzten Buch «Afrotopia» gelingt dem senegalesischen Intellektuellen ein Meisterstück in zukunftsoffenem Denken. Er hat damit einen Nerv der Zeit getroffen.

Felwine Sarr erscheint als Tausendsassa in einem Afrika des Aufbruchs. Er tritt an, um das Unmögliche vom Ausserordentlichen zu unterscheiden und das Ausserordentliche zu verwirklichen. Im Oktober 2016 rief Sarr zusammen mit dem kamerunischen Intellektuellen Achille Mbembe im Senegal die «Ateliers de la Pensée» ins Leben, ein öffentliches Forum, in dem sich die bedeutendsten afrikanischen und afrodiasporischen Intellektuellen und KünstlerInnen versammelten.

Eine andere, aber auf dem Weg der Dekolonisierung ebenso wegweisende Herausforderung nahm Sarr im vergangenen Jahr an: Zusammen mit der Kulturhistorikerin Bénédicte Savoy sollte er im Auftrag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Kriterien für die Rückgabe der in französischen Museen gelagerten afrikanischen Raubkunst ausarbeiten. Im November 2018 legten Sarr und Savoy einen öffentlich einsehbaren Abschlussbericht vor, der ein neues Kapitel in der europäischen Debatte um die Restitution von kolonialen Kulturgütern aufschlug.

«Revolution der Erkenntnisformen»

Die weltgeschichtliche Rolle, die Sarr und auch Achille Mbembe Afrika zuteilen, ist die des Laboratoriums einer neuen Welt. Die reichen natürlichen Ressourcen und eine demografische Entwicklung, die darauf hindeutet, dass in einem halben Jahrhundert ein Viertel der Weltbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent leben wird – dies sind notwendige Komponenten dieses Szenarios. Doch Dreh- und Angelpunkt sei die «Revolution der Erkenntnisformen»: die Zurückweisung jener Kategorien und Erzählungen, die die afrikanischen Kulturen über Jahrhunderte unterjocht haben.

Es geht um eine Loslösung nicht allein von der einen westlichen Wahrheit – Logozentrismus, mechanistische Vernunft und Wissenschaftsgläubigkeit –, sondern auch vom tief sitzenden und selbst von AfrikanerInnen verinnerlichten Glauben, Afrika sei ein Kontinent, den es zu «entwickeln» gelte. Was so unter der Verkrustung und Verdunklung der langen Geschichte des Kolonialismus hervorbricht, ist ein pulsierender Raum der Kreativität und Erfindung, aus dem neue Ausdrucksformen und Zukunftsmetaphern hervorgehen.

Sarr masst sich nicht an, den Bauplan des kommenden Afrika zu kennen. Dennoch versammelt «Afrotopia» Ideen, Ansätze und Werkzeuge, die den Weg zur «poetischen Zivilisation» ebnen mögen: die Rückkehr zu den afrikanischen Sprachen, die Entakademisierung des Wissens, die Neuerfindung von Institutionen, die Aktualisierung indigenen Wissens und von Konzepten wie der Ubuntu-Sozialethik, die Nelson Mandela in Südafrika zu verwirklichen wusste, aber auch ästhetische Formen in Kunst, Architektur und Mode. Am konkretesten sind Sarrs Überlegungen zu einer «relationalen Ökonomie», die darauf ausgerichtet ist, «qualitativ bedeutsame Beziehungen zwischen den Individuen zu stiften».

Projekt der Neuerfindung

Es mag erstaunen, dass Felwine Sarr Afrika immer als Ganzes in den Blick nimmt. Dies erweckt aber nur selten den Eindruck, dass er die Partikularitäten des Kontinents aus den Augen verliert. Der Einsatz ist strategisch: Sarr will einen einheitlichen afrikanischen Sinnzusammenhang, einen «einheitlichen Telos» schaffen. Sarrs universalistisches Vorpreschen ist gleichwohl nicht als romantische Rückbesinnung auf ein ursprüngliches Afrika misszuverstehen – die zentralen Schlagwörter in seinem Projekt der Neuerfindung sind Synthese, Hybridität und Kreolität.

Bedauerlich hingegen ist, dass «Afrotopia» latent technologiefeindlich ist. Während Sarr sich sehr bemüht, Wissenschaften anders zu denken und andere Formen der Realitätserfassung fruchtbar zu machen, so versiegt dieses Bemühen, wenn es darum geht, Technik dem kapitalistischen Zugriff zu entziehen. Damit verspielt er wichtige Potenziale – ist der afrikanische Kontinent nicht bereits heute ein Laboratorium für digitale Zukunftsformen?

Obschon Sarr mit «Afrotopia» versucht, ein afrikanisches Selbstbewusstsein zu bündeln und die Kriterien seiner künftigen Ausgestaltung zu bestimmen, schliesst sein Essay auch die Möglichkeit ein, den afrikanischen Aufbruch der ganzen Welt als Inspirationsquelle anzubieten. Herauszufinden, was die afrikanische Revolution, die es auf den Weg zu bringen gilt, letztlich für Europa bedeutet, das ist die Aufgabe, die das Buch der Leserin im Westen aufträgt.

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