Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Malen mit vollem Körpereinsatz

Das Kunstmuseum Bern zeigt mit «Ich als Mensch» eine umfassende Ausstellung von Miriam Cahns Werk. Schönheit gibt es hier nicht ohne Abgrund und Lust nicht ohne Widerspruch.

Von Alice Galizia

Nicht länger lustvolle Gewalt: Miriam Cahns «o. t.», 14. 12. 2017, 2017. Aquarell auf Papier, 34 × 44 cm. Foto: Stefan Jeske, © Miriam Cahn. Courtesy the artist and Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

Den ersten Raum ihrer Ausstellung nennt Miriam Cahn den «Sexraum». Bilder mit aneinandergedrückten Körpern, Würgegriffen, ausdruckslosen Gesichtern, im Gegensatz zu den Geschlechtsteilen nur angedeutet: Die Grenze zwischen lustvoller Gewalt und Übergriff wird hier immer weiter überschritten, bis die Lust durch bedrohlich gewordene Körper ausgelöscht wird. Das letzte Bild im Raum ist dann die explizite Darstellung einer Vergewaltigung.

Erst angezeigt – dann umworben

Und doch findet sich auch eine positive Darstellung von Sexualität, in den Bildern, auf denen nur eine Person zu sehen ist: «schauen» oder «le milieu du monde schaut zurück» stellen einen Mann sowie eine Frau dar, von unten abgebildet mit Fokus auf das Geschlecht. Selbstbewusst blicken sie der Zuschauerin ins Gesicht. «le milieu du monde schaut zurück» ist eine Interpretation von Gustave Courbets «L’Origine du monde» – nur dass Cahns Frau einen Kopf hat. Hier kann eine zurückschauen, die bislang nur angeschaut wurde.

Die Ausstellung «Ich als Mensch», die eine umfassende Auswahl aus Miriam Cahns Werk zeigt, ist derzeit im Kunstmuseum Bern zu sehen. 1949 in Basel geboren, arbeitet Cahn seit den späten siebziger Jahren als freie Künstlerin. Eine ihrer ersten Arbeiten war eine Kohlezeichnung an einem Autobahnteilstück in Basel: «Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil», 1979. Dafür wurde sie vom Baudepartement angezeigt – das sie 1987, nun schon etwas berühmter, anfragte, ob sie am genau selben Ort nicht wieder etwas gestalten könne. Empört lehnte sie ab. Nachlesen kann man das im zur Ausstellung publizierten Buch «Das zornige Schreiben». Darin finden sich weitere Briefe, die die Künstlerin an verschiedene Institutionen schrieb, sowie Texte, in denen sie sich mit Kunst, aktueller Politik oder ihrer Rolle als Frau in der Kunstwelt auseinandersetzt.

Wie sieht sich Cahn selbst als Künstlerin in diesem immer noch männerdominierten Feld? «Die Kunstgeschichte wurde vor allem von Männern geschrieben», sagt sie. «Aber deswegen ist es auch superinteressant, Künstlerin zu sein – interessanter, als Künstler zu sein: Wir können durch unsere Arbeit das Wissen in der Kunstgeschichte mindestens verdoppeln.» Heute gebe es zum Glück mehr Künstlerinnen als noch in ihrer Generation. «Aber es ist wie überall: Je mehr Geld im Spiel ist, desto weniger sind es die Frauen.»

Kühles Glück oder Ertrinken?

Auch im zweiten und dritten Raum der Ausstellung ist der menschliche Körper präsent, als mit dünn aufgetragener Farbe gemaltes, aber buntes Motiv. Sechs Bilder von Menschen hängen in einem Raum nebeneinander, alle nackt, sie sind sich in diesem Nacktsein im Grunde sehr ähnlich. Einer heisst «fluechtling» – sieht gar nicht mal so anders aus, oder?

Die Flucht ist ein prägendes Thema des neueren Werks, der zweite Raum der Ausstellung wird dominiert von einem Zyklus zum Thema, mit Titeln wie «schnell weg!» oder «an der grenze». Gleich danach: ein grosses blaues Bild mit Menschen im Wasser. Die Vorstellung des Glücks, ins kühle Wasser zu springen, wird beim näheren Hinsehen durch hilflos wirkende Körper, verrenkte Gliedmassen entzaubert. Warum springen sie, fragt man sich, die Bilder aus dem Fluchtzyklus noch im Hinterkopf, oder sind sie gar nicht gesprungen, ertrinken sie? Daneben der harte Kontrast: «frühling», spriessende Keime in Rot, das Leben erwacht im Bergell, wo Cahn lebt und wo einige Monate im Jahr die Sonne den Talboden nicht erreicht – wo also das erste Spriessen der Pflanzen im Frühling das ultimative Zeichen für neues Leben bedeutet.

Nach der Beklemmung in den unteren Räumen geht es treppauf, hinein in einen Raum der Erleichterung: Cyan, Magenta, Gelb, fliessende Wasserfarben wie aus einem anthroposophischen Kindergartentraum. Nur stellt sich heraus, dass man reingelegt wurde: Was hier so schön aussieht, ist die Reihe «atombomben» von 1989/91 – die Schönheit kippt ins Abgründige.

Hier oben sind die älteren Werke Cahns zu sehen, die «eisprungarbeiten» und «blutungsarbeiten», die Cahn nach ihrem Menstruationszyklus benannte, Teile der Serie «das klassische lieben», in der sie Objekte in klischierte Männer- und Frauenwelten eingeteilt hat. Wolkenkratzer und Raketen bei den Männern, Bett und Haus bei den Frauen. «Diese Unterteilung musste man einklagen, die Klischees waren in meiner Arbeit gerade in ihrer simplen Art nützlich», sagt sie, «aber heute müsste man wohl differenzierter vorgehen.»

Zornige Kampfansage

Die Arbeiten aus den Achtzigern hat Cahn mit vollem Körpereinsatz hergestellt. Riesige Kohlezeichnungen, die sie auf allen vieren kniend fertigte – bewusst, um beim Entstehungsprozess den Überblick zu verlieren. «Mein Körper ist bis heute mein Werkzeug. Die Tatsache, dass ich älter bin und daher nicht mehr am Boden arbeiten kann, bedingt einfach ein anderes Umgehen damit. Meine Bilder sind leicht, damit ich sie gut selber hängen kann, ich arbeite schnell, ein Bild in ein, zwei Stunden – das hat alles viel mit meinem Körper zu tun.»

Cahn hat die Ausstellung selber gehängt, die Anordnung der Bilder also allein bestimmt. Welche Ideen dahinter stecken, mag sie aber nicht ausführen. «Das müssen Sie sich schon selber zusammenreimen», sagt sie. Und der Titel der Ausstellung? «Dass die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern immer noch nicht erreicht ist, ist ein gemeiner Witz der Geschichte. Der Titel ist eine zornige Kampfansage: dass ich als Frau ein Mensch bin.»

Die Ausstellung «Miriam Cahn: Ich als Mensch» ist noch bis zum 16.  Juni 2019 im Kunstmuseum Bern zu sehen.

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