Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

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Annette Hug irrt durch den Internationalen Frauentag

Von Annette Hug

Als ich am 8.  März den Lehrsaal KOL-E-18 der Universität Zürich betrat, sass da nur eine Frau in der letzten Reihe. Ich hatte eine Party erwartet, aber die studentische Besetzung war offenbar schon vorbei.

Die Frau in der letzten Reihe lachte mich herzlich an, als ich sie ansprach, und sagte: «Ich sah nur, dass hier die Tür offen war, und nutzte die Gelegenheit, eine Weile zu arbeiten.» Sie gehörte genauso wenig hierher wie ich. Wahrscheinlich schwänzte sie den Stehlunch im Lichthof. Da assen die TeilnehmerInnen einer Tagung der Vereinigung Advance mit dem Titel «Driving Gender Equality in Swiss Business». Was Rang und Namen hat in der Schweizer Unternehmenslandschaft, ist bei diesem Netzwerk dabei und hat auch dieses Jahr den «International Women’s Day» gefeiert. #bettertogether. Teilnahme auf Einladung.

Der Aufruf zur Besetzung des Lehrsaals KOL-E-18 durch die feministische Gruppe FTIQ* war am 8.  März bei mir aufgepoppt, und ich hätte leicht feststellen können, dass er schon zwei Tage alt war. Etwas betreten stand ich also vor dem leeren Saal. Da steuerte eine Dame in eleganter Kleidung auf mich zu, als seien wir vom selben Schiff, und fragte in amerikanischem Englisch, ob dies das Parterre sei und wo sie den Ausgang finde. Ob sie den Haupt- oder den Untereingang suche, wollte ich wissen, da antwortete sie leicht verzweifelt: «Out! Just out!»

Bis zum Abgabetermin dieser Kolumne ist es mir nicht gelungen, mit einer der FTIQ* zu sprechen. Wies denn gelaufen sei, wollte ich fragen. An den Lunch im Lichthof wagte ich mich nicht heran. Dank der Website von Advance wurde mir immerhin klar, dass Leute bei ABB oder Lonza, der Citigroup oder Swiss Re die Gleichberechtigung und damit den Unternehmenserfolg fördern wollen. Aber was heisst «driving gender equality»?

Da man Gleichberechtigung nicht fahren kann wie ein Moped, muss «driving» hier etwas anderes bedeuten. Am Abend des 8. März tauchte das Verb an einer Musikinstallation im Kraftwerk Selnau wieder auf. «White girls drive me crazy», hiess es in einem der sexistischen Lieder, die dreizehn Sängerinnen in akustischen Versionen vortrugen und dabei die Originale regelrecht vorführten. Die Installation des Mino Collective um die Musikerinnen Brandy Butler und Ella Ronen war auch fast zum Verrücktwerden. Die Sängerinnen sassen in verschiedensten Räumen und Zwischenräumen des ehemaligen Elektrizitätswerks und trugen Lieder in Endlosschleife vor, die Räume füllten sich langsam mit ZuschauerInnen.

Anfangs klatschten sie kaum, aber mit der Zeit schien sich die Haltung durchzusetzen: den Musikerinnen gebührt Applaus, egal was sie da singen. Ich fand niemanden, die ich beim einen oder andern Lied leise hätte fragen können: «Ist das jetzt wirklich sexistisch?» Etwas spät las ich den Beipackzettel und fand heraus, dass das allerschlimmste Lied des Abends nicht von einer abwegigen Redneck-Gurke stammte, sondern von den Beatles. Eine einfache Morddrohung: «Well I’d rather see you dead, little girl, than to catch you with another man.»

Die elegante Frau vom Unigebäude war mir plötzlich nah: «Einfach nur raus hier!» Eine Weile ging ich in der Stadt herum, irgendwie getrieben – «driven by»? Music? Electricity? Einem Damensyndikat? Mysteriösen FTIQ*? Der Zustand gefiel mir nicht schlecht.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Am Internationalen Frauentag sah sie «Ode ans Patriarchat. Ein Abend frauenfeindlicher Lieder» (Originaltitel Englisch).

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