Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Musik, um zu überleben

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Die CD beginnt harmlos. Ein Glockenspiel klimpert eine eingängige Melodie, einem Schlaflied ähnlich. Was folgt, ist dann auch ein Lied über die Nacht, doch es geht nicht ums Schlafen, sondern ums Leiden, um den Schmerz und ums Verrücktwerden. Fiona Apple ist zurück und mit ihr die Wut und die Angst vor dem Kaputtgehen am Leben.

Wie schon auf ihren früheren CDs singt die US-amerikanische Sängerin auch auf ihrem vierten Album in jedem Song über sich selbst. «Jede einzelne Nacht ertrage ich das Herumfliegen von kleinen Flügeln von weiss flammenden Schmetterlingen in meinem Hirn», singt Apple mit feiner Stimme in «Every Single Night» in das Glockenspiel hinein. Bass und Schlagzeug setzen ein, und auch die Sängerin wird lauter, wütender, wilder und bäumt sich schliesslich auf: «Jede einzelne Nacht ist ein Kampf mit meinem Hirn.»

Dieser Kampf ist in jedem Song auf ihrer neuen CD «The Idler Wheel Is Wiser than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More than Ropes Will Ever Do» hör- und spürbar. Es sind keine einfachen, eingängigen Lieder, die die Musikerin präsentiert. Apple muss man zuhören, und mit jedem Hören gefallen die Stücke besser und besser. Mit tiefer Stimme singt sie mal drohend, mal verletzlich, mal flehend über das Alleinsein und über das Geliebt-sein-Wollen. Darüber, wie sie in der ihr verhassten Agglomeration einen Mann an eine andere verloren hat oder dass sie eine Draufgängerin ist, weil sie erst dann etwas fühlt, wenn sie alles zerschlagen hat.

Dazu hämmert sie auf das Klavier ein, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Diese Frau macht offensichtlich nicht zum Vergnügen Musik, sondern um zu überleben. Diese Dringlichkeit ist in jedem von Apples Songs hörbar und hebt sie von den meisten anderen Singer-Songwriterinnen ab. Es muss einfach raus, was da alles in ihrem Hirn ist – wer weiss, was Fiona Apple sonst tun würde.

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