Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Finstere Tage am Genfersee

Von Thomas Meyer

Die Erzählung von Doktor Frankenstein und seinem Monster mag man sich noch als Gruseloper vorstellen, weniger jedoch ihre Entstehung 1816 in der Villa Diodati am Genfersee. Lord Byron hatte sich dort mit seinem Leibarzt John Polidori eingemietet, im Sommer kamen der Dichterkollege Percy Shelley und dessen Geliebte und spätere Frau Mary Godwin zu Besuch, in Begleitung von deren Halbschwester Claire Clairmont, die von Byron schwanger war. Die verregneten Tage verbrachten die fünf damit, einander Geschichten zu erzählen, die folgen- und erfolgreichste davon war Mary Shelleys «Frankenstein».

In Michael Wertmüllers neuer Oper «Diodati. Unendlich» taucht dieser Klassiker der modernen Schauerliteratur eher am Rande auf – und dennoch ist der ganze dreistündige Abend davon durchwirkt. Denn es geht hier um die Schöpfung von Leben und die Erweckung der Toten.

Zusammen mit der Librettistin Dea Loher hat Wertmüller ein Szenario entwickelt, das die Persönlichkeiten jener Zusammenkunft aufeinanderprallen lässt, die Geschichte aber auch in die zeitgenössische Wissenschaft und in die Zukunft hinausdenkt, wenn der dichtende Zirkel bei seinem Treiben etwa von MitarbeiterInnen des Cern beobachtet wird. Wertmüller gibt sich also nicht mit einem Histörchen zufrieden: Er will das Aktuelle, das Aufbrechende, das Umfassende, die grossen Gefühle, aber auch die grossen Ängste. Wohin treibt die Menschheit?

Wie immer bietet der aus Bern stammende Komponist und Drummer dafür alle musikalischen Mittel auf: exorbitanten Gesang, rasante Orchesterklänge unter der Leitung von Titus Engel, grundiert und vorangetrieben durch das «Hammond Avantcore Trio» Steamboat Switzerland. Bei der Uraufführung in Basel kommen noch ein opulent revuehaftes Bühnenbild und die aktionistische Inszenierung von Lydia Steier hinzu. So überladen das ganze Werk auch ist und sosehr man von den Eindrücken überfahren wird: Hier entsteht ein packendes, gewaltiges Stück Musiktheater.

«Diodati. Unendlich» am Theater Basel, bis 8. April 2019.

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