Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Gespenster der Moderne

Frankensteins Monster und Karl Marx kamen vor 200 Jahren auf die Welt. Seither wird diese doppelt heimgesucht.

Von Stefan Howald

Der Januskopf des Fortschritts: Schau vorwärts, aber auch ein wenig hinter dich. Fotos: Alamy Stock, Montage WOZ

«Was mich erschreckte, würde auch andere erschrecken: Ich musste nur jenes Gespenst beschreiben, das mich auf dem mitternächtlichen Kissen bedrängt hatte», schrieb sie später über die Geburt ihres Gespenstes. Am 1. Januar 1818 betrat dieses die Welt: In London erschien ein anonymer Roman in drei Bänden mit dem Titel «Frankenstein or The Modern Prometheus». Gespenstisch und zugleich modern war, was Mary Shelley darin erzählte.

Der Wissenschaftler Victor Frankenstein erschafft aus Leichenteilen ein neues Lebewesen. Einen Menschen, wie es einst der antike Prometheus tat? Eher ein Monster, das sich, nachdem es von seinem Schöpfer verstossen worden ist, grausam rächt.

Die Kreatur hat keinen Namen, aber etliche Mütter und Väter. Vor allem Mary Godwin Shelley als Autorin und Victor Frankenstein als fiktiven Schöpfer. Doch die Umstände der Geburt sind verwickelt. 1816 fanden sich in der Nähe von Genf die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley zusammen, skandalös libertär umgeben von Shelleys junger Geliebten, Mary Godwin, und deren Stiefschwester Claire Clairmont. Im «Jahr ohne Sommer» – der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien veränderte weltweit das Klima, was zu Hungersnöten auch in Europa führte – las man sich bei trübem Wetter Geistergeschichten vor und beschloss, selbst welche zu schreiben. Anlässlich eines Gesprächs über neuere Erkenntnisse zur Elektrizität entsprang bei Mary zu nächtlicher Stunde ein Funke: das Bild eines Wissenschaftlers, der ein Geschöpf zum Leben erweckt und den «wunderbaren Mechanismus des Weltenschöpfers verhöhnt». Sie entwarf eine kurze Novelle, die sie dann zu einem Roman ausarbeitete. Das Manuskript wurde von Percy Shelley, inzwischen ihr Mann, lektoriert – nicht immer zum Besseren.

Der Roman hat manche zeitgenössische Züge. Die Geschichte von Frankenstein und seiner Schöpfung ist eingehüllt in zwei Rahmenerzählungen, es gibt lange philosophische Debatten, aufwallende Emotionen, Schauerlichkeiten in gotischer Manier und unwahrscheinliche Begebenheiten. Auch eine Fülle an neuartigen Motiven steckt darin. Ein modernes Gespenst war entwichen.

Der Schöpfer und das Geschöpf

«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.» So beginnt das «Manifest der Kommunistischen Partei» von 1848, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels. Marx war nur wenige Monate nach Frankensteins Monster, am 5. Mai 1818, in Trier geboren worden. Das Gespenst, das dreissig Jahre später umgeht, ist ein Zerrbild, das die alten Mächte Europas verbreiten. Einerseits heften es sich Marx und Engels als Ehrenzeichen an, dass die Kommunisten als schreckliche Bedrohung wahrgenommen werden. Andererseits korrigieren sie falsche Vorstellungen darüber und wollen «dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen». Auch die «Phantasmen» der utopischen Sozialisten werden schonungslos kritisiert. Nichts soll verheimlicht werden, im Gegenteil. Die Kommunisten «erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung».

Im «Frankenstein» wird nicht die Gesellschaftsordnung, sondern die ganze Schöpfung umgestürzt. Dabei hat die Frage nach dem Schöpfer und dessen Verantwortung, nach Vater- und Mutterliebe schmerzhafte autobiografische Wurzeln. Elf Tage nach der Geburt von Mary Godwin im Jahr 1797 war ihre Mutter Mary Wollstonecraft gestorben, die erste Frauenrechtlerin der Moderne. Mit dem Vater William Godwin, einem radikalen Sozialphilosophen, wuchs Mary in einer skandalumrankten Patchworkfamilie auf. Mit sechzehn Jahren verliebte sie sich in den verheirateten Percy Shelley; bald wurde eine Tochter geboren, die im Kindbett starb.

Der Frankenstein-Mythos hat zwei Seiten: den Schöpfer und das Geschöpf. Frankenstein verstösst seine Kreatur als monströs, obwohl er sie doch skrupellos aus disparaten Leichenstücken überlebensgross zusammengesetzt hat. Die geflohene Kreatur erzieht sich selbst, wie einst Jean-Jacques Rousseaus «Émile», indem sie aus einem Versteck monatelang ein Familienidyll beobachtet und dabei sprechen und lesen lernt. Als sie sich den Menschen, denen sie insgeheim geholfen hat, offenbaren will, vertreiben die sie entsetzt. Da schwört die Kreatur Rache und sucht ihren Schöpfer heim. Von diesem erneut hintergangen, werden das Monster und die Geschichte unaufhaltsam in Totschlag und mehrfachen Mord hineingetrieben.

Aus dem Paradies vertrieben

Erst nachdem Frankensteins Kreatur das Paradies der Gemeinschaft verschlossen bleibt, wird sie zum gefallenen Racheengel. Shelley ist explizit in der Kritik an gesellschaftlichen Ausschliessungen, an Ungleichheit und Armut. Eloquent lässt sie die Kreatur sich selbst rechtfertigen, zwischen Rachegelüsten und Selbstanklagen oszillierend. Scharf beschreibt der Roman auch die Dialektik von Herr und Knecht. Der Schöpfer verdammt das Geschöpf zu einem einsamen Leben, dieses gewinnt Macht über seinen Schöpfer, indem es ihm das Lebensglück zerstört.

Bis zum Schluss weigert sich Frankenstein allerdings, Verantwortung für das von ihm Geschaffene zu übernehmen, und bleibt gegenüber seiner wissenschaftlichen Hybris uneinsichtig. Die Anmassung gegenüber der Natur lässt sich auch als patriarchale Fantasie einer Zeugung ohne Frauen lesen. Oder dann handelt das Buch sozialgeschichtlich vom europäischen Rassismus – Frankensteins Monster ist äusserlich mit nichteurasischen Merkmalen ausgestattet, und die Abschaffung des Sklavenhandels wurde damals in England heftig diskutiert. Man mag darin gar das Proletariat erkennen, welches Marx dreissig Jahre später dazu aufrief, die Ketten abzuschütteln. Vielleicht könnte man präzisieren, in Frankenstein zeige sich der Schöpfer, dem die Früchte der eigenen Arbeit entgleiten. Entfremdung nennt sich das, und ihre Aufhebung wäre der Kommunismus.

Am Genom herumschnipseln

Nach dem «Kommunistischen Manifest» tauchen bei Karl Marx neue Gespenster auf: die Toten niedergeschlagener Revolutionen, die die Täter heimsuchen. Ihrer rückwärtsgerichteten Beschwörung will Marx allerdings die vorwärtsgewandte aktivistische Rekonstruktion des Geistes der Revolution entgegenstellen. In historisch düsteren Zeiten hat Walter Benjamin dagegen gefordert, dem wiederkehrenden Gespenst, dem Revenant, als notwendigem Memento gegen das Totschweigen der Opfer von Kapitalismus und Faschismus ein Andenken zu bewahren.

Bedeutsamer ist in der politischen Ökonomie von Marx eine kritische Terminologie des Übersinnlichen. So analysiert er den «Fetischcharakter» von Ware, Geld und Kapital – jene Form, in der die Herkunft von Geld und Kapital aus vergegenständlichter Arbeit verschwindet. Laut bürgerlicher Auffassung sind Kapital (mit dem entspringenden Profit), Land (mit der Grundrente) und Arbeit (mit dem Arbeitslohn) die Triebkräfte der Wirtschaft. Marx nennt das spöttisch die trinitarische (dreieinige) Formel. Sie charakterisiert die «Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise»: eine «verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre […] ihren Spuk treiben», wobei die Arbeit zumeist als «blosses Gespenst» auftaucht. Für Marx werden in dieser Dreieinigkeit missverstandene und höchst unterschiedliche Kategorien zusammengezwungen. Dem stellt er die kritische Aufklärung des «Spuks» entgegen: Laut seiner Arbeitswerttheorie schafft nur die Arbeitskraft Tauschwert, während sich Kapitalist und Grundbesitzer vampirisch davon nähren. So weit, so ideologiekritisch. Aber Marx sieht und weiss: Das Kapital mag keinen Tauschwert schaffen, doch in der kapitalistischen Produktionsweise kommt ihm die funktionale Macht zu, sich Wert anzueignen, als ob es diesen geschaffen hätte. Die Aufklärung, woher Tauschwert wirklich stammt, ändert noch nichts daran, wie er verteilt wird.

200 Jahre nach «Frankenstein» kommt durch die Gentechnologie «Frankenstein-Food» auf unsere Esstische. Während am menschlichen Genom herumgeschnipselt wird, bleibt das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein unterentwickelt. Und das Gespenst der Arbeit wird weiter durch das Kapital ausgezehrt. Es reicht eben nicht, wenn die PhilosophInnen die Welt bloss interpretieren; es kömmt drauf an, sie sozialer zu verändern.

Mit diesem Artikel beginnt die WOZ eine kleine Rundreise durch das Marxsche Gedankenimperium.